Musik und die bildnerische Formen: Das sind für die im Kanton Zürich geborene Komponistin und Bildhauerin Cécile Marti keine getrennten Betätigungsfelder. Das eine inspiriert das andere. Schon die aus der Welt der Skulptur und Geometrie stammenden Titel vieler von Martis Kompositionen weisen darauf hin. Ihre Streichqartette tragen die Namen «Trapez», «Ellipse», «Polygon» und – ganz deutlich auf den Zusammenhang verweisend – «In Stein Gemeisselt.» «Das Gestalten von plastischen Formen direkt in den Stein», so die Künstlerin, «steht in meinem Schaffen in direktem Formempfinden im Komponieren. Das Schaffen von Übergängen der Linie zur Fläche, von Rundung zur Gradung oder von Hintrgrund zu Vordergrund steht im ständigen Wechsel von Spürsinn zum Hörsinn.» Das heute uraufgeführte Quartett «Polyeder» («Vielflächner») erweitert das zweidimensionale Polygon («Vieleck»), das bereits 2024/2025 entstand, ins Dreidimensionale. Marti verdichtete das Material der sieben Sätze des früheren Werkes zu einem einzigen Satz, in dem sieben unterschiedlich konzipierte Abschnitte erkennbar bleiben und so die sieben Seiten des «Vielflächners» (in diesem Fall eines «Siebenflächners», also «Heptaeders») in den Fokus lenken. Die Komponistin schreibt dazu:
Die Idee von Polyeder gründet auf dem voran gegangenen Streichquartett der Komponistin. Währen ihr 4. Streichquartett Polygon entstand, erahnte sie den Bezug zum darauffolgenden 5. Streichquartett Polyeder. So wurden die beiden Streichquartette in ihrer übergeordneten Idee miteinander verknüpft, wenngleich beide selbständige Werke darstellen.
Während sich Polygon visuell gesehen auf das Vieleck bezieht, ist Polyeder dem Vielflächner gewidmet. Ein Polygon existiert in zwei Dimensionen, während sich ein Polyeder in drei Dimensionen entfaltet. Diese Gegenüberstellung wird in diesen beiden Streichquartetten zum Ausdruck gebracht. Die Idee ist es, das musikalische Grundmaterial aus Polygon in Polyeder neu zu beleben und zu verarbeiten. Polygon besteht aus sieben kurzen Sätzen. Jeder Satz formuliert eine musikalische Idee. Die so entstandenen sieben Ideen sind durch die Sätze voneinander getrennt. In Polyeder sind die sieben Sätze/Ideen in einem einzigen, verdichteten Satz verwoben. Durch diese verwobenen Zusammenhänge entsteht, visuell formuliert, eine Dreidimensionalität. Idee ist es, eine Rundumsicht einer Skulptur mit sieben Flächen musikalisch nachzuempfinden. Wenn eine Seite der Skulptur betrachtet wird, so sind gleichzeitig weitere Flächen, welche in die Tiefe des Raumes ragen, sichtbar. Diese räumliche Wahrnehmung greift die Musik von Polyeder auf und führt quasi rund um die Skulptur. Die Musik lässt die verschiedenen Ideen miteinander verknüpft als ein neues Ganzes hörbar werden. Sämtliche Streichquartette der Komponistin weisen Querverbindungen zu ihrer zweiten Tätigkeit im bildnerischen Gestalten ihrer Skulpturen auf. So entstanden bisher: Trapez, In Stein Gemeisselt, Ellipse und Polygon. Die visuellen und sinnenhaften Erfahrungen im plastischen Arbeiten stehen im Dialog mit ihrer Musik. Zeitgleich zu den beiden Streichquartetten befasste sich die Komponistin im bildnerischen Gestalten mit der Formgebung des Polyeders, eines Mehrflächners. So entstanden verschiedene Steinskulpturen, welche Polyeder mit sieben Flächen darstellen. Diese Siebenflächner werden auch Heptaeder genannt. Bei Interesse der Interpreten, die Skulptur während der Aufführung auf der Bühne präsent zu haben, kann bei der Komponistin nachgefragt werden.
Beide Streichquartette können sowohl unabhängig voneinander als auch kombiniert zusammen gespielt werden.