Konzerte Saison 2020-2021

  • 20.10.2020
  • 19.30
  • 95.Saison
  • Abo 8
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Cuarteto Casals (Barcelona) Alexander Melnikov, Klavier

Seit seiner Gründung 1997 an der Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid hat sich das Quartet Casals als eines der herausragenden jungen Streichquartette etabliert und rasch internationale Anerkennung gewonnen. So gewann es als erstes spanisches Quartett den 1. Preis Yehudi Menuhin im Internationalen Streichquartettwettbewerb in London im Sommer 2000; im selben Jahr wurde das Ensemble mit dem Musikkritiker-Preis in Katalonien ausgezeichnet; ebenso erhielt es den 1. Preis beim Internationalen Johannes-Brahms-Wettbewerb in Hamburg 2002. Es nennt sich nach dem berühmten katalanischen Cellisten Pau Casals, der am 5. April 1946 zusammen mit Paul Baumgartner auch in einem Konzert der Gesellschaft für Kammermusik Basel aufgetreten ist. Auftritte führten und führen das Quartett in viele Länder Europas und Amerikas und in die wichtigsten Konzertzentren in London, Amsterdam, Berlin oder New York. Der Auftritt an den Salzburger Festpielen ist für Sommer 2005 geplant. In der Saison 2003 hat das Quartett sämtliche Streichquartette von Johannes Brahms und den ersten Teil aller Mozartquartette in Barcelona aufgeführt. Ihre erste CD-Einspielung bei Harmonia Mundi mit den drei Streichquartetten von J. C. de Arriaga erschien im Herbst 2003 und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Dabei spielte das Quartett im Palacio Real de Madrid auf den Stradivarius-Instrumenten der königlichen Sammlung. Ausserdem nahm es an der Wiedereröffnungszeremonie des Museums Pau Casals in Vendrell teil. Wesentlich geprägt wurde das Quartet Casals durch die Arbeit mit Walter Levin und Rainer Schmidt (Hagen Quartett). Als Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung vollendeten die jungen Musiker erfolgreich ihre Studien an der Musikhochschule in Köln bei Harald Schoneweg und dem Alban Berg Quartett im Frühjahr 2003. Augenblicklich unterrichten die Mitglieder des Quartetts an den Musikhochschulen in Barcelona, Zaragoza und Donostia (San Sebastian) Kammermusik.
Beethovens letzte vollendete vollständige Komposition ist das Quartett op. 135. Es entstand im Sommer und im Frühherbst 1826 in zwei Schaffensphasen. Nach den drei monumentalen Werken op. 130, 131 und 132 wirkt es wie eine Rückkehr zu Tradition und Gewohntem, gerade auch in der Rückkehr zur traditionellen Viersätzigkeit. Man glaubt sich, wie bei der 8. Sinfonie (1809 bis 1812), ebenfalls in F-dur, zeitweise, wenn auch nur scheinbar, in Haydns Welt zurückversetzt. Trotz der grösseren Zugänglichkeit und trotz der Kürze ist op. 135 ein echtes spätes Beethoven-Quartett mit überraschenden Brüchen und Wechseln. Schon der Beginn des Sonatensatzes mit dem kurzen Bratschenmotiv, auf welches die anderen Instrumente reagieren, ist raffiniert, wirkt aber natürlich und leicht. Das wieder von fünf auf drei Teile reduzierte Scherzo ist wohl der modernste Satz. Höhepunkt des Werkes ist das nur 54 Takte lange Lento assai in Des-dur. Erst mit der Zeit wird einem bewusst, dass es sich um einen Variationensatz mit vier bezeichnenderweise nicht speziell gekennzeichneten Variationen über ein zehntaktiges Thema handelt. Ein wahrer Abgesang, der in der Stimmung, vor allem in der Schlussvariation mit dem Verklingen im pianissimo zu den Schlüssen langsamer Bruckner-Sätze (8. oder 9. Sinfonie) hinführt. Beethoven hat offenbar zunächst nur drei Sätze geplant, sich aber vom Verleger Schlesinger zu vier «verführen» lassen. Hat nicht da das rätselhafte «Muss es sein?» und die Allegro-Antwort «Es muss sein!» der damals ungewohnten Einleitung zum Finale seine Ursache? Dass sich Beethoven hier einen Scherz erlaubt hat, ist wenig wahrscheinlich. Man hat behauptet, der nachkomponierte Satz sei das Lento – dann aber wäre ein Zusammenhang mit dem «Muss es sein?» unmöglich. Peter Gülke (vgl. Konzertvorschau 11. März 2013) plädiert dafür, es sei der 4. Satz gewesen – und in diesem Fall wäre die Einleitung genial und erst noch biographisch wie musikalisch begründet. Das Motiv der Frage (Muss es sein?) und die Antwort (Es muss sein!) stehen sich konträr gegenüber: Zuerst folgt auf eine fallende Terz eine aufsteigende Quart, in der Antwort ist es umgekehrt. Auch rhythmisch und im Tempo ist das Motiv, dem Sprachlichen angeglichen, verändert: Frage (Grave) lang – kurz – lang, Antwort (Allegro alla breve) kurz – lang – lang. Aus der Antwortversion des Motivs entwickelt Beethoven den Gang des Allegro; sie ist bis zum Schluss bestimmend, auch wenn die Frageversion nochmals auftaucht. Gülke verweist auf einen Parallelfall: Hatte nicht bei der letzten Klaviersonate op. 111 (1821/22) der gleiche Verleger nach der Arietta (Adagio molto) mit ihren allerdings umfangreicheren Variationen ein Finale erwartet, dort aber nicht erhalten? Warum aber Beethoven beim letzten Quartett dem Drängen Schlesingers nachgegeben hat, ist kein Rätsel – der Grund war das Geld!
Schostakowitschs Quintett entstand in jenen schwierigen Monaten, bevor Hitler den Pakt mit Stalin brach und in Russland einfiel. Schostakowitsch reagierte stets auf seine Umgebung und die Ereignisse der Zeit. Ein Jahr später wird er angesichts der Bedrohung Leningrads die 7. Sinfonie, die «Leningrader», schreiben. Im Quintett liegt das Gewicht auf den langsamen Sätzen; das Ernsthaft-Meditative überwiegt. Im Eingangs-Lento entsteht eine geradezu bach-nahe Feierlichkeit. In sieben Takten stellt zu Beginn das Klavier das ganze thematische Material vor. Die folgende Fuge, ausgehend vom Duo der beiden Geigen, lässt sich fast nicht als solche erkennen, so raffiniert ist sie gearbeitet. Das Scherzo bricht mit seinen bewusst simplen, scheinbar volksmusiknahen Themen den Ernst der vorangehenden Sätze. Doch sollte man bei Schostakowitsch nie zu sehr auf die Vordergründigkeit hören. Zu viel ist in diesem Stück ge-, ja zerbrochen. Ein weiteres Lento, fast zu optimistisch als Intermezzo bezeichnet, nimmt leitmotivisch Elemente des ersten Satzes auf und betont die meditative Stimmung. Es leitet ins Finale über, das mit mahlerscher Scheinheiterkeit beginnt. Aber immer wieder kommt auch dieser Satz ins Grübeln (Bassfiguren); ein rhythmisch prägnantes Thema wird rasch zurückgenommen. Mit fast tänzerischem Charme, der aber jeglichen Übermuts entbehrt, klingt das Werk aus. Das Quintett entsprang dem Wunsch des Beethoven Quartetts, das bei der Einstudierung des bisher allein vorliegenden 1. Streichquartetts den Komponisten kennengelernt hatte. Am 23. November 1940 erklang das Quintett durch die genannten Interpreten im Kleinen Saal des Moskauer Konservatoriums – mit riesigem Erfolg.

Dmitrij Schostakowitsch 1906-1975

Präludien und Fugen aus op. 87 (1950-51)
Präludium Nr. 3 G-dur
Fuge Nr. 3 G-dur
Präludium Nr. 4 e-moll
Fuge Nr. 4 e-moll

Ludwig van Beethoven 1770-1827

Streichquartett Nr. 16, F-dur, op. 135 (1826)
Allegretto
Vivace
Lento assai e cantante tranquillo
Der schwer gefasste Entschluss: «Muss es sein?» Grave, ma non troppo tratto –
«Es muss sein!» Allegro

Dmitrij Schostakowitsch 1906-1975

Klavierquintett, g-moll, op. 57 (1941)
Preludio e Fuga
Scherzo
Intermezzo e finale