Konzerte Saison 2020-2021

  • 20.10.2020
  • 19.30
  • 95.Saison
  • Abo 8
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Programmänderung - AUSVERKAUFT

Cuarteto Casals (Barcelona) Claudio Martínez Mehner, Klavier

Aufgrund Covid-positiver Testung einer Kontaktperson kann der Pianist Alexander Melnikov leider nicht auftreten. Wir freuen uns, dass Claudio Martínez Mehner kurzfristig seinen Part in Schostakowitschs Klavierquintett übernehmen kann.

Das Cuarteto Casals wurde 1997 an der Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid gegründet. Bald gewann das junge Quartett internationale Anerkennung. Ihre Studien schlossen die jungen Musiker 2003 an der Musikhochschule in Köln bei Harald Schoneweg und beim Alban Berg Quartett ab. Wesentlich geprägt wurde das Cuarteto Casals durch die Arbeit mit Walter Levin und Rainer Schmidt. 2000 gewann es den 1. Preis beim Internationalen Streichquartettwettbewerb in London und 2002 beim Internationalen Brahms-Wettbewerb in Hamburg. 2003 wurde es Quartet in Residence an der Musikhochschule Barcelona, wo es regelmässig unterrichtet. 2005 erhielt es den Preis der Stadt Barcelona, 2006 den Nationalen Musikpreis Spaniens. Auftritte führen das Quartett regelmässig in die wichtigsten Konzertzentren Europas, Nordamerikas und Japans. Sein Repertoire reicht von weniger bekannten spanischen Komponisten über die Wiener Klassiker Mozart, Haydn, Schubert und Brahms hin zu Grössen des 20. Jahrhunderts wie Debussy, Ravel und Zemlinsky. In einer Liveaufnahme liegen alle Quartette Schuberts vor. 2018 und 2019 wurden die ersten beiden CD-Boxen mit Beethovens Quartetten veröffentlicht; die dritte erscheint im Jubiläumsjahr 2020. Das Quartett tritt heute zum fünften Mal in unseren Konzerten auf.

Beethoven wollte sein im Mai bis Sommer 1810 entstandenes elftes Streichquartett ursprünglich vom breiten Publikum fernhalten. Und in der Tat fällt das f-moll-Quartett in mehrfacher Beziehung aus dem Rahmen dessen, was Beethoven einem durchschnittlichen Publikum glaubte zumuten zu dürfen. Eine ganze Reihe von Besonderheiten setzen es von seinem Vorgänger, dem «Harfenquartett» op. 74 aus dem Vorjahr, ab. Jenes gab sich, auch im Vergleich mit den drei zuvor entstandenen Quartetten op. 59, gelöst, melodiös, klangfreudig und – zumindest vordergründig – freundlich. Dem steht das op. 95, von Beethoven ausdrücklich als Quartetto serioso bezeichnet, radikal gegenüber. Serioso steht zudem ausgerechnet und paradox bei der Satzbezeichnung des Scherzos: ... ma serioso. Dieses ist zudem – eher ungewohnt – ohne Pause mit dem langsamen Satz attacca verbunden. Am meisten auffallen dürfte die extreme Knappheit dieses Quartetts. Unter sämtlichen Quartetten Beethovens ist es mit knapp 20 Minuten deutlich das kürzeste. Das ist nicht nur eine Äusserlichkeit (bis kurz vor seiner Entstehung war diese Dauer für Quartette ja gängig): Dieses Quartett «lebt» die Knappheit in seiner Sprache und Verdichtung. Man erkennt das gleich am Kopfsatz mit seinen nur vier Minuten Dauer: Diesem, einem sonst doch oft ausführlichen Sonatensatz, fehlt jede Wiederholungsvorschrift. Und wie das Kopfmotiv gewalttätig hereinstürzt, um gleich einer Generalpause Platz zu machen, erschreckt geradezu. Die vier Sechzehnteltöne des Anfangsmotivs tauchen im Satz immer wieder auf und sorgen für Unruhe. Die folgenden Oktavsprünge führen die Bestürzung weiter. Nur gelegentlich setzt vor allem die Bratsche zu kantablen Linien an. Wer aufgrund der Allegretto-Bezeichnung des 2. Satzes in D-dur etwas Heiteres erwartet, sieht sich getäuscht: Eine abwärts führende Fünftonreihe des Cellos (punktierte Achtel, gefolgt von kurzen «Luftlöchern» einer Sechzehntelpause) wirkt beinahe trostlos, wird aber im zweiten Thementeil durch Kantilenen abgemildert, ja aufgehellt. Doch dann führt die Bratsche das Thema der düsteren Fuge des Mittelteils ein. Aus der Verbindung all dieser Elemente wird der dritte Teil des Satzes geformt. Der Schlussakkord lässt alles offen, bevor, ihn attacca subito abbrechend, das gewaltsame pausendurchsetzte Thema des Scherzos loslegt. Es ist wie oft bei Beethoven fünfteilig und weist zwei verschiedene Trios auf. Der Schlussteil entwickelt sich – più allegro – zu einer strettaartigen Coda, die mit vier harten, knappen Takten endet. Das Larghetto am Beginn des Finale zeigt die Stimmung eines langsamen Satzes, geht aber nach sieben Takten – motivisch überleitend – ins Allegretto über, das mit agitato erneut ein überraschendes Attribut trägt. Die Coda steht lehrbuchgemäss in F-dur und steigert sich in raschem Tempo und einem abrupten Schluss wohl nur scheinbar zur Befreiung oder Erlösung. Natürlich hat man Ursachen für diese eigenartige Kompositionsweise gesucht und (ob zu Recht, bleibt fraglich) gefunden. War die Ablehnung von Beethovens Heiratsantrag durch Therese Malfatti im Mai 1810 der Auslöser? Die Widmung an den Freund Nikolaus Zmeskall von Domanovecz, der Beethovens unglückliche Liebe miterlebt hatte, könnte ein Indiz sein.

Zum Beethovenjahr erklingt mit dem Quartett op. 135 Beethovens letztes vollständiges Werk; es entstand von Juni bis Oktober 1826. (Ihm folgte im Oktober/November einzig noch das Allegro-Finale als Ersatz für die «Grosse Fuge» in op. 130). Publiziert wurde op. 135 erst im September 1827, ein halbes Jahr nach Beethovens Tod. Verglichen mit den vorangehenden umfangreicheren und höchst anspruchsvollen Opera 127, 130, 131 und 132 ist es das kürzeste und wohl zugänglichste der späten Quartette. Und doch gibt auch dieses Quartett Rätsel auf. Das Motto «Muss es sein? – Es muss sein!», welches den Schlusssatz einleitet und dessen Material später wiederholt auftaucht, hat zahlreiche Deutungsversuche erfahren. Vollkommen überzeugen tut keiner, auch wenn sich das Fragemotiv bereits bei Bach findet.

Die vier Sätze entsprechen weitgehend dem klassischen Usus. Der Kopfsatz beginnt leicht mit einem raffinierten Hinundher zwischen Bratsche und Violine(n), aus dem sich das Thema entwickelt. Das knappe Scherzo in gewohnt dreiteiliger Form bietet ein heiteres Spiel mit einem Thema, das kaum je richtig fassbar wird. Das Lento assai in Des-dur mit nur 54 Takten ist zuletzt entstanden und darf als Höhepunkt des Werkes gelten. Erst mit der Zeit wird einem bewusst, dass es sich um einen Variationensatz mit vier nicht speziell gekennzeichneten Variationen handelt. Es ist ein wahrer Abgesang, der in der Stimmung, vor allem in der Schlussvariation mit den Geigenmotiven und dem Verklingen im pianissimo, auf langsame Satzschlüsse Bruckners vorausweist. Die Einleitungsfrage des Schlusssatzes G-E-As steht in f-moll, die Antwort in F-Dur, aus deren Tönen A-C-G bzw. G-B-F das Hauptthema des Finales entwickelt wird.

«Chaos statt Musik» hatte 1936 die Prawda Schostakowitsch vorgeworfen. Er war sich bewusst, dass er gefährdet war und nicht frei komponieren konnte. Als ihn das Beethoven-Quartett 1939 um die Komposition eines Klavierquintetts bat, zögerte er aber nicht. Das neue Werk – von den Genannten am 23. November 1940 im Moskauer Konservatorium uraufgeführt – wurde ein Riesenerfolg. Scherzo und Finale mussten wiederholt werden. Die beiden ersten Sätze sind nach Bachschem Vorbild als Präludium und Fuge attacca miteinander verbunden. So zeigt schon der Beginn des Quintetts Schostakowitschs enge Verbindung zu Bach. Er spielte ja auch jeden Morgen auf dem Klavier ein Werk Bachs. Im Quintett liegt das Gewicht auf den langsamen Sätzen. Das Ernsthaft-Meditative überwiegt. Im Eingangs-Lento entsteht eine geradezu bach-nahe Feierlichkeit. In sieben Takten stellt zu Beginn das Klavier das ganze thematische Material vor. Die folgende Fuge, ausgehend vom Duo der beiden Geigen, lässt sich fast nicht als solche erkennen, so raffiniert ist sie gearbeitet. Das Scherzo bricht mit seinen bewusst simplen, scheinbar volksmusiknahen Themen den Ernst der vorangehenden Sätze. Doch sollte man bei Schostakowitsch nie zu sehr auf die Vordergründigkeit hören. Zu viel ist in diesem Stück ge-, ja zerbrochen. Ein weiteres Lento, fast zu optimistisch als Intermezzo bezeichnet, nimmt leitmotivisch Elemente des ersten Satzes auf und betont die meditative Stimmung. Es leitet ins Finale über, das mit mahlerscher Scheinheiterkeit beginnt. Aber immer wieder kommt auch dieser Satz ins Grübeln (Bassfiguren); ein rhythmisch prägnantes Thema wird rasch zurückgenommen. Mit fast tänzerischem Charme, der aber jeglichen Übermuts entbehrt, klingt das Werk aus.

Ludwig van Beethoven 1770-1827

Streichquartett Nr. 11, f-moll, op. 95 «Serioso» (1810)
Allegro con brio
Allegretto ma non troppo
Allegro assai vivace ma serioso
Larghetto espressivo - Allegretto agitato
Streichquartett Nr. 16, F-dur, op. 135 (1826)
Allegretto
Vivace
Lento assai e cantante tranquillo
Der schwer gefasste Entschluss: «Muss es sein?» Grave, ma non troppo tratto –
«Es muss sein!» Allegro

Dmitrij Schostakowitsch 1906-1975

Klavierquintett, g-moll, op. 57 (1941)
Preludio e Fuga
Scherzo
Intermezzo e finale