
Die Wiederentdeckung seiner Werke verzögerte sich auch deshalb, weil Zemlinsky als Komponist selbst dem radikalen Weg der Atonalität, den sein Schüler Schönberg beschritt und den die Moderne nach dem Krieg weiterging, nicht hatte folgen wollen. Und gerade das zweite Streichquartett steht für die Grenzen, die sich Zemlinsky in Bezug auf die Grundlagen der Tonalität zog. Das Stück, das als Hauptwerk seines Kammermusikschaffens gilt, ist ein vielschichtiges Zeugnis für die Auseinandersetzung mit seinem Schwager (Schönberg hatte 1901 Zemlinskys Schwester Mathilde geheiratet) – und das auch sehr persönlich. Im Jahre 1913, als Zemlinsky mit dem Quartett begann, kam es mit dem Schwager zu einem Streit aus nicht näher bekannten Gründen, in dessen Folge Schönberg sogar einen Kontaktabbruch vorschlug. In der aus einem einzigen grossen Satz bestehenden, geradezu monumentalen Komposition knüpfte Zemlinsky strukturell an Schönbergs erstes Quartett von 1905 an. Als er es zwei Jahre später vollendet hatte, widmete er es dem Schwager – vielleicht als Entschuldigung.
Freunde der Fernsehsendung «Das literarische Quartett» kennen Beethovens op. 59 Nr. 3, denn der «Literaturpapst» Marcel Reich-Ranicki wählte den Beginn des Finales als Erkennungsmelodie. So wurde einem Millionenpublikum ein Werk bekannt, dessen Entstehungsgeschichte in die Geburtsphase des professionellen Streichquartettspiels führt: Graf Andreas Kyrillowitsch Rasumowsky, zu Beethovens Zeit russischer Botschafter am Kaiserhof in Wien, hatte ein grosses Faible für die kammermusikalische Besetzung, was ihn im Jahre 1808 darauf brachte, ein festes Ensemble zu unterhalten. Bis dahin war Kammermusik eher den Nebenstunden von Musikern vorbehalten gewesen. Und in vielen Fällen war sie ohnehin für gebildete Dilettanten bestimmt - nicht selten für die adligen Auftraggeber selbst. Rasumowskys Ensemble bestand aus den Geigern Ignaz Schuppanzigh und Johann Sina, dem Bratschisten Franz Weiss und dem Cellisten Josef Linke. Die vier spielten Quartettliteratur, die auf den besonderen Anspruch des Grafen zugeschnitten war. So auch Ludwig van Beethovens drei «Rasumowsky-Quartette», die schon 1806 auf Anregung des adligen Gönners entstanden waren. Rasumowskys Herkunft soll dem Komponisten dabei als Inspirationsquelle gedient haben, hat man doch in dem wehmütigen Thema des langsamen Satzes Anklänge an eine russische Volksmelodie gefunden. Im Finale schlug Beethoven ein neues Kapitel in der Quartettliteratur auf, indem er die klassische Sonatenform und Fuge zu einem atemlos dahinrasenden Perpetuum mobile verschmolz.