Konzerte Saison 2022-2023

  • 31.1.2023
  • 19:30
  • 97.Saison
  • Abo 8
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Ulysses Quartet (New York)

Die Pianistin und Komponistin Frangis Ali-Sade stammt aus Baku/Aserbaidschan; seit 1999 lebt sie vorwiegend in Deutschland. Ihr Kompositionsstil bewegt sich zwischen der traditionellen Musik ihrer Heimat Aserbaidschan und der (teilweise auch experimentellen) Gegenwartsmusik. Zwei Kräfte wirkten in ihr, sagte sie einmal, und aus dem Widerspruch ergebe sich das Neue. Ihr Werk «Raegs» für Streichquartett kommentiert sie wie folgt: «‹Raegs› bedeutet im Aserbaidschanischen sowie in allen anderen Turksprachen ‹Tanz›. In Aserbaidschan existieren von alters her viele verschiedene Tänze: für Männer und Frauen, heroische und lyrische, schnelle und langsame. Und bis heute ist die Tradition erhalten geblieben, alle wichtigen Ereignisse des Lebens mit allen möglichen Tänzen zu begleiten: Verlobungs- und Hochzeitsbräuche, Ernte- und Abschiedsbräuche, Geburts- und sogar Todestage. Es existieren auch Begräbnistänze, welche den Abschied vom Verstorbenen begleiten. Auf diese Weise ist die Tanztradition in Aserbaidschan sehr stark und bis heute aktuell, vor allem in ländlichen Gegenden. In meinem Stück habe ich versucht, einige Rhythmen und Gestalten der aserbaidschanischen Tänze zu reflektieren.»
Joseph Summer ist in North Carolina geboren und studierte am Oberlin College in Ohio. Zunächst ist er als Komponist eine Reihe komischer Opern, die auf den derben Geschichten von Boccaccios Decamerones basieren, aufgetreten. Seit einiger Zeit widmet er sich der Vertonung von Texten William Shakespeares. Neben den einzelnen Szenen, Sonetten und Liedern von Shakespeare in seiner Sammlung «The Oxford Songs» schuf er Summer die Opern «Hamlet» (2006) und «The Tempest» (2013). Mehrere seiner in der jüngeren Vergangenheit entstandenen Streichquartette sind vom Ulysses Quartet aufgenommen worden.
Pavel Haas ist einer jener Komponisten, deren physische Existenz und damit auch, zumindest bis vor kurzem, sein Weiterleben im Werk die Nationalsozialisten ausgelöscht haben. Wie sein gleichaltriger Kollege Hans Krása wurde Haas in Theresienstadt interniert und am 16. Oktober 1944 in die Gaskammern von Auschwitz geschickt. Die Kompositionen des als Sohn eines tschechischen Kaufmanns und einer Russin in Brünn geborenen Haas wurden vergessen und gelangen erst jetzt im Rahmen der Wiederentdeckung «entarteter Musik» erneut zur Aufführung. Wie die Quartette von Krása und Schulhoff gehört das 2. Quartett von Haas (das 3. entstand 1938 unter dem Eindruck der Bedrohung der Heimat) in die zwanziger Jahre. Es ist eine programmatische Suite, entstanden nach einer Reise in die mährischen Berge, die man in Brünn auch «Affengebirge» nannte. Haas schrieb dazu: «Dieses ganze sorglose Werk wird vom Bewegungsimpuls beherrscht - entweder dem gleichmässigen Rhythmus der offenen Landschaft und der Vogelstimmen, oder dem unregelmässigen Rumpeln der Dorfkarren, dem warmen Schlagen des menschlichen Herzens, dem kalten Spiel des Mondscheins oder dem wilden Ende einer ausgelassenen Nacht... «Der erste und der dritte Satz sind lyrisch gehalten, während die motorischen Abläufe des zweiten und vierten die moderne Zeit widerspiegeln. Im Schlussatz sind deutliche Jazzelemente auszumachen: er steht im Rumbarhythmus» (B. 8Cerniková). Der von Haas hier ursprünglich vorgesehene Schlagzeugpart (allerdings ohne Jazzband) wird heute wohl erstmals in einer Konzerttournee realisiert.
1810 hatte Beethoven sein op. 95, das letzte der mittleren Streichquartette, vollendet. Es sollte zwölf Jahre dauern, bis er sich wieder mit Quartetten befasste – und das zunächst, ohne dass er ein solches vollendete. Am 9. November 1822 bat ihn Fürst Nikolaus Galitzin, für ihn «un, deux ou trois nouveaux Quatuors» zu schreiben. Die Anfrage kam Beethoven nicht ungelegen, hatte er doch bereits am 5. Juni 1822 dem Verlag Peters ein Quartett in Aussicht gestellt, das spätere op. 127 (es wird in unserem nächsten Konzert zu hören sein). Er widerrief jedoch dieses Angebot, «da mir etwas anderes dazwischen gekommen». Das «etwas» waren die Missa solemnis und die 9. Sinfonie. So nahm er erst im Februar 1824 die Arbeit am Quartett wieder auf und schloss es ein Jahr später ab. Deshalb dauerte es zuletzt fünfzehn Jahre, bis wieder ein Quartett vollendet war. Noch während dieser Arbeit – wohl im Herbst 1824 – konzipierte Beethoven die Quartette op. 132 und op. 130. Sie wurden ebenfalls dem Fürsten Galitzin gewidmet.

Der erste Satz von op. 132 beginnt mit einer Einleitung, welche ausgehend vom Cello jenes Viertonmotiv in je einem auf- und absteigenden Halbtonschritt (gis–a/f–e; in der 1. Violine dis–e/c–h) einführt, das als Klammer die drei grossen der späten Quartette verbindet. Schon das Hauptthema des Kopfsatzes nimmt es in seiner Mitte auf und auch im Finalthema erscheint es, wenn auch versteckt, wieder. Der 2. Satz, ein recht umfangreiches, mehrheitlich freundliches Scherzo, steht in A-dur; sein Trio kommt zuerst klanglich apart à la musette, später mit einem girlandenartigen, harmonisch ständig changierenden Motiv daher. Der langsame Satz bildet das Zentrum und die Hauptaussage des Werkes. Nicht nur die Länge, auch die religiös gefärbte Umschreibung der Satzbedeutung hebt diesen einmaligen Satz aus den andern hervor. Der «Dankgesang» ist trotz seiner «himmlischen Längen» im Grunde einfach gebaut: Er beginnt mit einer choralartigen Melodie in F-dur ohne ♭ (darum «in der lydischen Tonart») ruhig. Ihre Phrasen folgen einander jeweils halbtaktig im 4-stimmigen Satz. Dieser Choralteil wird von einem leichteren Andante in D-dur abgelöst, das mit «Neue Kraft fühlend» überschrieben ist und mit kurzen Notenwerten von Zweiunddreissigsteln ein rasches Tempo vortäuscht. Es nimmt im weiteren Verlauf geradezu tänzerische Züge an. Diese beiden Abschnitte werden wiederholt, wobei der Choral variiert wird, während das Andante weitgehend unverändert bleibt. Eine 3. Choralstrophe führt «mit innigster Empfindung» den Satz gleichsam in Rondoform zu Ende.

Der erstmalige Versuch, die Satzzahl über die gewohnten vier auszuweiten, mag im Vergleich mit dem sechssätzigen op. 130 und mit den sieben Sätzen von op. 131 noch unentschlossen wirken. Ein kurzer Geschwindmarsch (24 Takte in zwei jeweils zu wiederholenden Teilen) und die folgende rezitativartige Überleitung (22 Takte) wirken beinahe wie eine Art Einleitung zum Schlusssatz. Doch die Aufgabe, das Molto Adagio ins Zentrum des Werks zu rücken, erfüllt dieser Quasi-Satz sehr wohl. Das Finale mit einem zunächst expressiv sehnsüchtigen Thema ist eine Art Verbindung von Sonatensatz und Rondo. Der Satz sucht aber auch Grenzen, die mit Passagen in höchster Lage und mit einem Presto-Schluss in einen dem «Dankgesang» konträren Charakter umschlagen.

Frangis Ali-Sade 1947-

Raegs (Tanz) für Streichquartett (2016)

Joseph Summer 1956-

Sonett CXXVIII (How oft, when thou, my music, music play’st) für Sopran und Violine (Text: William Shakespeare)

Pavel Haas 1899-1944

Streichquartett mit Schlagzeug Nr. 2, op. 7, «Z opicích hor» (Aus dem Affengebirge) (1925)
Andante: «Krajina» (Landschaft)
Andante: «Ko`´cár, ko`´cí a k°u`´n» (Pferd, Kutsche und Kutscher)
Largo e misterioso: «M`´esíc a já» (Der Mond und ich)
Vivace con fuoco - Andante - Tempo I: «Divá noc» (Eine wilde Nacht)

Ludwig van Beethoven 1770-1827

Streichquartett Nr. 15, a-moll, op. 132 (1825)
Assai sostenuto – Allegro
Allegro, ma non tanto
Heiliger Dankgesang eines Genesenen, in der lydischen Tonart: Molto adagio –
Neue Kraft fühlend: Andante –
Mit innigster Empfindung: Molto adagio
Alla Marcia, assai vivace – Più allegro – Allegro appassionato – Presto