Concerts Season 2022-2023

  • 22.11.2022
  • 19:30
  • 97.Season
  • Abo 8
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Hommage à Rudolf Kelterborn

Amaryllis Quartett

«Aufregend frisch und auf kluge Weise unkonventionell» und mit «staunenswert makelloser Technik» begeistert das Amaryllis Quartett in seinen Konzerten. Es gehört zu den interessantesten Streichquartetten seiner Generation. In seinen Konzertprogrammen und bei seinen Einspielungen legt das Quartett Wert darauf, Klassiker der Quartettliteratur mit Neuem zu kombinieren und dadurch neue Hörwelten zu eröffnen. Die Uraufführung von Werken zeitgenössischer Komponisten nimmt einen ebenso wichtigen Platz ein wie die Wiederentdeckung heute vergessener Meisterwerke. Die vier Musiker, die bei Walter Levin in Basel, später beim Alban Berg Quartett und bei Günter Pichler ausgebildet wurden, gewannen zahlreiche internationale Preise. Konzertreisen führten das Amaryllis Quartett auf zahlreiche der renommiertesten Bühnen Deutschlands und der ganzen Welt. Ausserdem rief das Quartett seine eigene Konzertreihe in Solothurn ins Leben und gestaltet einen Zyklus in der Laeiszhalle Hamburg, im Lübecker Kolosseum und im Bremer Sendesaal. So unterrichten die Musiker bei verschiedenen Meisterkursen; mehrere Mitglieder des Quartetts haben ihre eigenen Kammermusikklassen an deutschen Hochschulen.
Schumanns Schaffen verlief in der Frühzeit in Schüben: Auf die Klavierjahre folgten das Liederjahr 1840, das Sinfoniejahr 1841 und das Kammermusikjahr 1842. Doch hatte Schumann bereits 1838/39 an die Komposition von Streichquartetten gedacht, ja wohl auch mit der Komposition begonnen. An Clara schrieb er am 11. Februar 1838: „Auf die Quartette freue ich mich selbst, das Klavier wird mir zu enge, ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann, namentlich ist es sonderbar, wie ich fast alles kanonisch erfinde.“ Ehe er seine Idee 1842 mit gleich drei Quartetten in die Tat umsetzte, studierte er eingehend die Quartette Mozarts und Beethovens. Auch die Quartette Mendelssohns, dessen drei Quartette op. 44 1837/38 entstanden, fehlten nicht. Ihm widmete er seine neuen Werke - und hält sich auch formal mehr an diese Vorbilder als etwa an Beethoven. Noch 1847, als er sich mit der Komposition von Klaviertrios wieder der Kammermusik zuwandte, freute er sich an seinen einzigen Streichquartetten: „Ich betrachte sie noch immer als mein bestes Werk der früheren Zeit, und Mendelssohn sprach sich oft in demselben Sinne aus.“ Das 3. Quartett darf wohl als Höhepunkt gelten (Mendelssohn gab allerdings bei der ersten privaten Aufführung der Nr. 1 den Vorzug.), ist es doch auch das schwungvollste der drei. Innerhalb dieses Werks dürfte der 2. Satz der ungewöhnlichste sein, ein Pseudo-Scherzo, das sich zu einer Variationenfolge in fis-moll entwickelt. Vor dem heiteren Finale, das von sanglichen Einschüben unterbrochen wird, erklingt ein ebenfalls rondoartig angelegtes Adagio in D-dur, das von ausdrucksvoller Lyrik geprägt ist.
Kelterborns Streichquartett V war 1988/89 als Auftrag der Kammermusik Basel entstanden (Uraufführung 24. Oktober 1989). Zwölf Jahre danach folgte die Nummer 6, diesmal als Auftragswerk des Musikkollegiums Winterthur. Die Uraufführung spielte am 16. November 2002 das Winterthurer Streichquartett mit Willi Zimmermann, der als 1. Geiger des Amati-Quartetts bereits an der Uraufführung des 5. Quartetts beteiligt war. In der NZZ vom 18.11. schrieb Kristina Ericson: «Obwohl sich Kelterborns Auseinandersetzung mit der Streichquartett-Besetzung auch in gattungstypischen Elementen wie der singenden Stimme der 1. Violine, der inhaltlichen Bündelung im letzten Satz und der Viersätzigkeit spiegelt, ist die Komposition eigenständig und von tiefgründiger Intensität. Zur solistisch exponierten, markanten Gestik der 1. Violine setzen im ersten Satz 2. Violine, Viola und Violoncello allmählich zarte, sich verselbständigende Gegenpole, wobei die 1. Violine im Mittelteil in einen selbstvergessenen, klagend-meditativen Gesang mündet. Der ruhigere zweite Satz ist von beklemmender Dichte. Die vier Instrumente ringen sich in abwechselnder Führungsrolle und im Sichfinden in verharrenden Akkorden ihre entsprechenden Klangfelder mühsam ab. Dagegen breitet sich im zarten, in höchsten Höhen schimmernden dritten Satz eine innere Ruhe aus. Die zu Beginn des vierten Satzes in den Raum gestellten aggressiven Akkorde, die höchste und tiefste Lagen vereinen oder gegenüberstellen, wirken danach fast wie ein Schock, bevor das Werk mitten im leisen Nachsinnen zum Stillstand kommt.» Die vier Sätze haben keine Haupt-Tempovorschriften in Worten, sondern Metronomangaben. In der handschriftlichen Partitur fallen die präzisen, Tongruppen und häufig jeden Ton betreffenden differenzierten Spielanweisungen auf.
Der in Basel geborene Andrea Lorenzo Scartazzini besuchte das Humanistische Gymnasium und studierte danach Germanistik und Italianistik an der Universität Basel sowie Komposition bei Rudolf Kelterborn in Basel und Wolfgang Rihm in Karlsruhe. 1999/2000 war er für ein Studiensemester an der Royal Academy of Music in London. Er erhielt mehrere Preise, darunter den Studienpreis der Ernst von Siemens Stiftung München, die Jakob Burckhardt-Auszeichnung der Goethe-Stiftung Basel sowie den Alexander Clavel-Preis Riehen. 2004 war er Composer in residence an der Uni Witten Herdecke, 2011 Gast im Swatch Art Peace Hotel in Shanghai, 2012/13 Stipendiat am Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Bamberg. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Opern Wut (UA Theater Erfurt 2006; Theater Bern 2010) und Der Sandmann (UA Theater Basel 2012; Oper Frankfurt 2016). Seine dritte Oper Edward II. kam im Februar 2017 an der Deutschen Oper Berlin zur Uraufführung.

Zu seinem Streichquartett Nr. 1 schreibt Scartazzini: «Mein Streichquartett gliedert sich in sechs Sätze – drei kurze (I Vorspiel, III Intermezzo, V Melodie) und drei unbetitelte längere (II, IV, VI).

Was im Vorspiel als Grundmaterial erklingt – ein lapidarer gezupfter Gestus, eine vierteltönige, traurige Kantilene und ‚geräuschhaft orchestrierte’ Stille – taucht in verwandelter Form in den Folgesätzen immer wieder auf und bildet somit eine Art Adagio interrotto innerhalb der ganzen Komposition: Inseln des Verweilens, Horchens und Innehaltens.

Während die Miniaturen in reduzierter Besetzung erklingen (im Vorspiel Cello und Bratsche, im Intermezzo Cello, Bratsche, 2. Violine, in der Melodie ausschliesslich die beiden Violinen), spielt in den Hauptsätzen das Quartett in voller Formation. Nr. II thematisiert ein Accelerando von langsam schwingenden Akkorden hin zu einem Prestissimo von maximaler ‚Helle’ und Kraftentfaltung, wobei dem Weg über verschiedene Beschleunigungsstufen viel Raum gegeben wird. Zuletzt erlöschen diese klingenden Feuerräder überraschend und zurück bleibt eine nunmehr entkräftete, aschgraue Pendelbewegung, die schattenhaft an den Anfang des Satzes erinnert.

In Nr. IV erwächst aus traumartigen Texturen ein zunächst hypnotisch melodischer Singsang, dessen Gesten sich mit der Zeit verselbständigen und zerlegen. Die Schönheit des Anfangs kippt in spröde Bedrohlichkeit.

Der letzte Satz des Quartetts (Nr. VI) nimmt Bezug auf zwei musikalische Ideen aus der Oper Edward II. Neben dramatischen Zuspitzungen stehen sowohl Passagen von resignativer Schwere als auch von lyrischer Zartheit. Den Schluss bildet eine kurze Coda mit Elementen des Vorspiels: zu dumpfen repetitiven Pizzicati verdampft – um ein Vielfaches beschleunigt – die melancholische Kantilene in höchster Höhe.

Die Klangsprache des Quartetts umfasst eine grosse harmonische Bandbreite, von filigranen Dur-Klängen bis zu schärfster Dissonanz, ohne dass diese Mittel polystilistisch wirken. Die über weite Strecken eingesetzte Vierteltönigkeit dient der Erweiterung des chromatischen Spektrums zur Steigerung der Expressivität.»

David Philip Heftis Streichquartett Nr. 3 mit dem Titel «Mobile» entstand 2011 im Auftrag des Schweizer Kammerchores und der Ernst von Siemens Musikstiftung als Interludien zwischen den sieben Teilen des «Deutschen Requiems» von Johannes Brahms. Der Komponist hat es gleichzeitig als eigenständiges Streichquartett konzipiert, das losgelöst vom Brahms-Requiem aufgeführt werden kann: «Die formale Gliederung ist dann offen und beweglich wie bei einem Mobile von Alexander Calder, da die sechs Sätze nicht mehr ihren unverrückbaren Platz innerhalb des ’Deutschen Requiems’ einnehmen. Es ist denkbar und erwünscht, die Reihenfolge der sechs Teile zu variieren, damit im jeweiligen Kontext eine intensive Wechselwirkung entsteht.» Der aleatorische Charakter eines Mobiles schlägt sich auch in den Spielanweisungen zum dritten und fünften Satz nieder, so dass diese von Aufführung zu Aufführung verschieden klingen können.

Lukas Langlotz 1971-

«Quattro Insegne» für Streichtrio (2009)
Insegna Prima
Insegna Seconda
Insegna Terza
Insegna Quarta

Robert Schumann 1810-1856

Streichquartett Nr. 3, A-dur, op. 41/3, Felix Mendelssohn-Bartholdy gewidmet (1842)
Andante espressivo – Allegro molto moderato
Assai agitato (con variazioni) – Un poco adagio – Tempo risoluto
Adagio molto
Finale: Allegro molto vivace – Quasi Trio

Rudolf Kelterborn 1931-2021

Streichquartett Nr. 6 (1988/89)
In vier Sätzen

Andrea Lorenzo Scartazzini 1971-

Streichquartett Nr. 1, Auftragswerk der Gesellschaft für Kammermusik Basel (2017)
I Vorspiel
II
III Intermezzo
IV
V Melodie
VI

David Philip Hefti 1975-

«Mobile» (Streichquartett Nr. 3) (2011)
1. Relief
2. Stimmungen
3. Wechselgesang
4. Nachhall
5. Neun Momente
6. Adagio

Johann Sebastian Bach 1685-1750

Contrapunctus XIV aus der «Kunst der Fuge», BWV 1080