Konzerte Saison 2021-2022

  • 2.11.2021
  • 19.30
  • 96.Saison
  • Abo 8
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Quatuor Arod (Paris) Julia Hagen, Violoncello

In den 1880er Jahren war Debussy begeistert von Wagners Musik und besuchte Bayreuth. Beeindruckt hat ihn lange der Parsifal, was sich auch in Pelléas et Mélisande niederschlägt. 1889, anlässlich der Pariser Weltausstellung, kam als weiteres Element die Musik des Fernen Ostens hinzu, die erstmals in Europa erklang. Wagners Klangwelt verband er mit exotischen Einfärbungen der Gamelan-Musik und mit ungewohnten Ganztonleitern – und schuf gleichwohl gerade im Streichquartett eine vollkommen französische Musik. Es ist im gleichen Jahr entstanden wie die ersten Skizzen zu Pelléas et Mélisande. Die vier Sätze sind alle aus dem Hauptthema des Kopfsatzes entwickelt, das mit den drei Tönen g–f–d beginnt. Dies geschieht aber nicht in Form der klassischen Durchführungstechnik, sondern indem derselbe Gedanke immer wieder mit exotischen Klängen und mit gleitenden Instrumentalfarben umspielt wird. Dazu kommt eine ungewohnte Rhythmik, die das Publikum der ersten Aufführung ebenso irritierte wie die neue Klanglichkeit. Besser erkannte der Komponistenkollege und Freund Paul Dukas die Bedeutung des Werks: «Alles darin ist klar und deutlich gezeichnet, trotz grosser formaler Freiheit. Debussy zeigt eine besondere Vorliebe für Verknüpfungen klangvoller Akkorde und für Dissonanzen, die jedoch nirgends grell, vielmehr in ihren komplexen Verschlingungen fast noch harmonischer als selbst Konsonanzen wirken; die Melodie bewegt sich, als schreite sie über einen luxuriösen, kunstvoll gemusterten Teppich von wundersamer Farbigkeit, aus dem alle schreienden und unstimmigen Töne verbannt sind.
Wenn ein Kammermusikwerk höchste Bewunderung verdient und sie auch erhält, so ist es das grosse C-Dur-Quintett Schuberts. Mehr noch als die letzten Quartette, die ihm gewiss nahe stehen, insbesondere das in G-dur, führt es einen Schritt in eine letztlich nicht mehr begreifbare musikalische Welt. Und doch ist es nicht nur Esoterik und Mystizismus, wie man sie vielleicht dem Adagio zuweisen könnte, sondern neben dunklen und unheimlichen Klangfarben und Harmonien steht durchaus Lebhaft-Schwungvolles. Auch rhythmisch hat das Werk einiges zu bieten, wie das Scherzo und das Final-Allegretto zeigen. Und doch liegt über dem Ganzen eine geheimnisvolle Stimmung, welche das Werk in andere Dimensionen hebt. Da mag noch jemand sagen, C-dur sei eine einseitige, diesseitige Tonart ohne Geheimnisse. Schubert verwendet C-dur eben nicht als Ausdruck von Glanz und Pracht; er bricht es im Gegenteil dauernd, etwa durch Molltrübungen, verunklart es, gibt ihm harmonisch neue Farben. So verwundert nicht, dass der Leipziger Verleger Probst, dem Schubert das Quintett mit Brief vom 2. Oktober 1828 zusammen mit den Heine-Vertonungen des sog. «Schwanengesangs» (vgl. das Konzert vom 21.10.2008) und den drei letzten Klaviersonaten angeboten hatte, kein Verständnis für solche Werke aufbringen konnte. Probst war es auch gewesen, der Schubert zu den Kürzungen im Finale des Es-dur-Klaviertrios gedrängt hatte. Seine einmal Schubert gegenüber geäusserten Worte zeigen, «dass der eigne, sowohl oft geniale, als wohl auch mitunter etwas seltsame Gang Ihrer Geistesschöpfungen» damals Mühe bereiteten, gerade in Schuberts besten Werken. So kam es, dass das Quintett, welches gemäss dem erwähnten Brief «dieser Tage erst probirt» worden war, zu Schuberts Lebzeiten zwar geprobt, aber wohl nie aufgeführt worden ist. Erst 1853 wurde es von C. A. Spina veröffentlicht und teilt damit das Schicksal mancher grosser Schubert-Werke. Gegenüber der grossen C-dur-Sinfonie – einem anderen von Schuberts Werken in «untypischem», dafür umso geheimnisvollerem C-dur (man könnte noch die fälschlicherweise als «Reliquie» bezeichnete unvollendete Klaviersonate D 840, dazunehmen) – weist es gar einen Rückstand von 13 Jahren auf. Auffällig ist am C-dur-Quintett auch die Besetzung. Die Werke, welche Schubert für ein Streichquintett am ehesten vor Augen hatte, die grossen Quintette Mozarts, verwenden zwei Bratschen. Diese Besetzung hatte der vierzehnjährige Schubert denn auch für seine Ouvertüre in c-moll für Streichquintett D 8 (1811) wie selbstverständlich gewählt. Ob Schubert Boccherinis Quintette mit zwei Celli kannte, ist fraglich. Jedenfalls hatte er im Gegensatz zum Cellisten Boccherini keinen äusseren Anlass für die Verwendung eines zweiten Cellos, wohl auch nicht durch einen Auftraggeber, wie dies im Forellenquintett beim Einsatz des Kontrabasses der Fall war. Es müssen innere Gründe gewesen sein, welche ihn zu dieser Besetzung geführt haben. Das Geheimnisvoll-Dunkle des Quintetts wird durch die tiefere, vollere Klangfarbe der beiden Celli verstärkt. Es gibt dem ersten Cello die Gelegenheit zum Singen in der Tenorlage (man denke an die gleichzeitig entstandenen Lieder des sog. «Schwanengesangs»), ohne dass dadurch der Bass verwaist wäre. Dies wird besonders in dem wunderbaren Adagio erkennbar, wo das erste Cello den die Melodie tragenden Mittelstimmen beigefügt ist, während das zweite im Pizzicato die Basslinie vertritt. Gerade in diesem Satz erkennen wir auch Schuberts innovative Gestaltung, welche mehr das Inhaltliche als das Formale betrifft. Was wie eine simple dreiteilige Form daherzukommen scheint, wird durch den Kontrast zwischen der Melodieseligkeit der Rahmenteile und dem unheimlich erregten Mittelteil zu etwas Neuartigem. Das Umgekehrte erleben wir im Scherzo, wo der Lebenslust und Vitalität in voller Wucht und im Fortissimo, wie sie die Rahmenteile prägen, ein die Stimmung des Adagios aufgreifendes, sie aber ins Geheimnisvolle und Klagende, ja Bedrohliche verwandelndes Trio entgegengesetzt wird. Für die völlig konträre Stimmung wählt Schubert mehrere Gegensätze: Dem Dreivierteltakt wird ein Viervierteltakt, dem hier durchaus glänzenden C-dur wird Des-dur, einem Presto wird Andante sostenuto gegenüber gestellt. Auch das auf den ersten Blick volkstümlich heiter wirkende Finale weist zahlreiche Brüche auf, welche tiefere Töne anschlagen als Lebensfreude und Lustigkeit. Verhaltenes und Beängstigendes kommen auch hier vor. Man höre etwa den Schluss mit seiner Stretta, welche in einem dissonanten fff-Akkord (des / f / h / g) gipfelt, bevor ganz am Ende unisono der Ton C steht. Ist das, ohne Terz und Quint, reines, strahlendes C-dur? Oder doch eher ein offener Schluss?

George Crumb 1929-

Sonate für Violoncello solo (1955)
Fantasia
Tema Pastorale con variazioni
Toccata

Claude Debussy 1862-1918

Streichquartett g-moll, op. 10 (1893)
Animé et très décidé
Assez vif et bien rythmé
Andantino, doucement expressif
Très modéré – Très mouvementé et avec passion – Tempo rubato

Franz Schubert 1797-1828

Streichquintett C-dur, op. post. 163, D 956 (1828)
Allegro ma non troppo
Adagio
Scherzo: Presto – Trio: Andante sostenuto
Allegretto