Concerts Season 2021-2022

  • 19.10.2021
  • 19.30
  • 96.Season
  • Abo 8
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

La mélancolie au miroir

Robin Tritschler, tenor Georges Starobinski, piano

Der irische Tenor Robin Tritschler erhielt seine Ausbildung an der Royal Irish Academy of Music und der Royal Academy of Music in London. Nachdem er erfolgreich an Wettbewerben (ʼs-Hertogenbosch, Wigmore Hall London) teilgenommen hatte, erregte er 2012 mit seiner Wahl zum BBC New Generation Artist internationales Aufsehen. Seither hat er sich sowohl als Opern- und Konzertsänger wie auch als Liedinterpret weltweit einen Namen gemacht. An der Welsh National Opera in Cardiff war Tritschler in zahlreichen klassischen Rollen (u. a. als Don Ottavio und Belmonte) zu erleben. Seine Vorliebe gilt dem zeitgenössischen Repertoire. Als Konzertsänger trat Tritschler mit vielen renommierten Orchestern auf. Als engagierter Liedinterpret führte seine Zusammenarbeit mit bekannten Pianisten wie Graham Johnson, Malcolm Martineau und Roger Vignoles zu regelmässigen Auftritten in die Wigmore Hall, in die Kölner Philharmonie, ins Concertgebouw Amsterdam, ins Kennedy Centre nach Washington sowie zu den Festspielen nach Aldeburgh, Aix-en-Provence und zum Klavier-Festival Ruhr. Seine Diskografie umfasst u. a. eine hochgelobte Aufnahme von Brittens «Winter Words» und sämtliche Lieder von Francis Poulenc.

Nach Abschluss seines Studiums an der Universität in Genf und an den Musikhochschulen in Genf und München war Georges Starobinski Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung am Theater Basel (1987-90), Assistent an der Universität Genf und ab 2004 Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Lausanne. Seit 2013 leitet Georges Starobinski die Hochschule für Musik | Klassik FHNW auf dem Campus der Musik-Akademie Basel. Schon während seines Studiums in München bekam er entscheidende Impulse von Brigitte Fassbaender und Helmut Deutsch, die zu seiner Profilierung als Liedbegleiter führten. So konzertierte er u.a. mit Brigitte Fournier, Irène Friedli, Stephan Genz, Philippe Huttenlocher, Shigeo Ishino, Angela Kerrison, Urszula Kryger, Stephan MacLeod, Sophie Marilley, Kammersänger Thomas Moser, Marcus Niedermeyr, Rudolf Rosen, Carine Séchaye, Mona Somm, Bénédicte Tauran, sowie mit dem Zürcher Vokalquartett und den Basler Madrigalisten. Seine langjährige Zusammenarbeit mit dem deutschen Bariton Christian Immler ist durch eine Aufnahme von Heine Liedern beim Label BIS dokumentiert, die grossen Anklang bei der internationalen Kritik fand. Als Liedbegleiter unterrichtete Georges Starobinski mehrfach bei Sommerkursen mit der Gesangspädagogin Eva Krasznai Gombos, und wirkt gegenwärtig im spezialisierten Master für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik FHNW in Basel mit.

Beethovens «An die ferne Geliebte» darf als erster echter Liederzyklus in der Musikgeschichte gelten. Bis heute ist es ein Rätsel geblieben, wer diese «ferne Geliebte» wohl sein mochte. Man hat sie in Josephine Brunsvik vermutet, die Beethoven seit 1799 kannte und später eine Liebesbeziehung mit ihr hatte. Ob ein nie abgeschickter Brief vom Juli 1812 an eine «unsterbliche Geliebte» an sie gerichtet war, lässt sich nicht belegen. 1816 trafen sich die beiden in Wien wieder; noch im selben Jahr war aber die Beziehung beendet. Der Liedzyklus wurde im Dezember 1816 veröffentlicht. Der junge Arzt Alois Jeitteles (1794-1858), der auch sonst literarisch tätig war, bis 1819 in Wien studierte und später in Brünn wirkte, hatte dem Komponisten die Gedichte zukommen lassen. Sie wurden nie separat als Dichtung veröffentlicht. Beethoven hat sie, wie schon die Tonarten zeigen, sorgfältig in eine geschlossene Einheit zusammengefügt. So stehen die Lieder 1 und 6 in Es-dur, Nr. 3 und 4, also die Mitte des Zyklus in As-dur und 2 und 5 in den eng zusammengehörenden Tonarten G-dur bzw. C-dur. Die Lieder werden durch kurze Klavierpassagen miteinander verbunden, was zur engen Geschlossenheit des Zyklus beiträgt. Diese ganzheitliche Folge erinnert an eine Instrumentalfantasie. Die Tempoangaben und ihre Relationen verstärken diese Struktur. Im Kontrast zu dieser durchkomponierten Grossform sind die einzelnen Lieder selbst einfach gehalten. Die Verbindung all dieser Eigenheiten macht die Ausdrucksstärke des Werks aus. Es steht an einer entscheidenden Wende in Beethovens Schaffen, jener «lyrischen Phase», die zum Spätwerk überleitet.

Einen Zyklus anderer Art bilden die fünf Lieder nach Gedichten von Charles Baudelaire. Debussy hat zwar Cinq poèmes aus Baudelaires «Les fleurs du mal» vertont, im heutigen Programm werden aber zwei davon durch die Vertonungen anderer Baudelaire-Texte des weniger bekannten Henri Duparc ersetzt. Dieser war einer der ersten Studenten und der Lieblingsschüler von César Franck. Er beeinflusste das französische Musikschaffen stark. So gründete er 1871 zusammen mit Camille Saint-Saëns die Société Nationale de Musique. Von seinen Werken sind nur wenige erhalten, da er sehr selbstkritisch war und vieles vernichtete. Am bedeutendsten – und bekanntesten – sind wohl seine Lieder. Wie später Debussy war Duparc von Berlioz und Wagner beeinflusst; 1869 sah er zusammen mit Vincent d’Indy «Das Rheingold» und «Tristan» in München und war 1879 mit Emmanuel Chabrier in Bayreuth. Bei ihm deutet sich aber auch schon der Impressionismus an. L’invitation au voyage ist «eine einfache Romanzenmelodie zu gleichförmig schwebender Sechzehntelbegleitung, aber voll harmonischer Reize und melodischer Aufschwünge. In La vie antérieure belebt sich die ruhige Versunkenheit mystischen Erinnerns bis zum triumphierenden Ausbruch» (beide Zitate: W. Oehlmann, Reclams Liedführer). 1885 wurde Duparc von einer Nervenlähmung befallen. Er gab seine kompositorische Tätigkeit auf und lebte bis 1933 in der Schweiz, wo er sich der Literatur und der Malerei widmete.

Auch Debussy war 1888 und 1889 in Bayreuth und äusserte sich später so: «1889! Epoque charmante où j’étais follement wagnérien.» Die Vertonungen der Baudelaire-Gedichte aus «Les fleurs du mal» zeigen unüberhörbar die Auseinandersetzung mit Wagner, insbesondere mit «Tristan». Le jet d’eau lässt aber auch den Impressionismus aufscheinen und überrascht mit typischen Wellenfiguren. Der Sekundklang C – D löst sich nach neun Takten in einen C-dur-Dreiklang auf. Recueillement ist ein Nachtlied in der Einsamkeit, während La mort des amants einen ruhigen Ausklang bildet.

Benjamin Britten darf wohl mit Recht als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gelten. Daneben war er als angesehener Dirigent und Pianist aktiv. Sein umfangreiches Werk, zu dem nicht wenige heute regelmässig aufgeführte Opern wie «Peter Grimes» gehören, umfasst auch andere Gattungen, nicht zuletzt Lieder. Im selben Jahr 1953, in dem die Uraufführung seiner Krönungsoper «Gloriana» für Queen Elizabeth – ohne jeglichen Erfolg! – stattfand, komponierte Benjamin Britten den Liedzyklus Winter Words. Die acht Texte stammen aus verschiedenen Gedichtsammlungen von Thomas Hardy (1840-1928); der Titel bezieht sich aber auf dessen letzte veröffentlichte Sammlung. Die Vertonung ist im September 1953 entstanden und wurde am 8. Oktober von Peter Pears und Britten beim Leeds Festival uraufgeführt. Pears war nicht nur Brittens Lebenspartner, sondern auch «sein» Tenor. Die Lieder des Zyklus sind zwar wie frühere voller musikalischer Erfindungen und Bildklänge, der Charakter ist aber einfacher, schlanker geworden. Dadurch kommt der Text besser zur Geltung. Das letzte Lied Before life and after gilt als einer «der beeindruckendsten Songs Brittens». Gerade die einfache Gegenüberstellung der Klavierfiguren der linken Hand und der Oktaven in der rechten, scheinbar unausgereift, vermitteln einen besonderen Eindruck von Unschuld.

Ludwig van Beethoven 1770-1827

«An die ferne Geliebte», op. 98. Ein Liederkreis von Alois Jeitteles (1816)
Auf dem Hügel sitz ich (Ziemlich langsam und mit Ausdruck) –
Wo die Berge so blau (Ein wenig geschwinder. Poco allegretto)
Leichte Segler in den Höhen (Allegro assai) –
Diese Wolken in den Höhen (Nicht zu geschwinde, angenehm
und mit viel Empfindung) –
Es kehret der Maien, es blühet die Au (Vivace) –
Nimm sie hin denn, diese Lieder (Andante con moto, cantabile –
Allegro molto e con brio)

Henri Duparc 1848-1933

«L´invitation au voyage» (Text: Charles Baudelaire) (1870)

Claude Debussy 1862-1918

«Le jet d’eau», L.64/3 (Text: Charles Baudelaire) (1889)
«Recueillement», L.64/4 (Text: Charles Baudelaire) (1887-89)
«La mort des amants», L.64/5 (Text: Charles Baudelaire) (1887)

Henri Duparc 1848-1933

«La vie antérieure» (Text: Charles Baudelaire) (1884)

Benjamin Britten 1913-1976

Winter Words op. 52, Lyrics and Ballads of Thomas Hardy (1953)
1. At Day - close in November
2. Midnight on the Great Western (or, The Journeying Boy)
3. Wagtail and Baby (A Satire)
4. The Little Old Table
5. The Choirmaster‘s Burial (or, The Tenor Man‘s Story)
6. Proud Songsters (Thrushes, Finches and Nightingales)
7. At the Railway Station, Upway (or, The Convict and Boy with the Violin)
8. Before Life and After