Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzert-Details

950

26.11.2019, 19.30 Uhr ( 94. Saison )
Oekolampad Basel

Jerusalem Quartet (Jerusalem)

Pavlovsky, Alexander, Violine 1
Bresler, Sergei, Violine 2
Kam, Ori, Viola
Zlotnikov, Kyril, Violoncello

Das Jerusalem Quartet, 1993 in Jerusalem gegründet, machte sich im internationalen Musikleben rasch einen Namen: es gewann 1996 den ersten Preis für Kammermusik der Jerusalem Academy und 1997 einen Doppelpreis beim internationalen Wettbewerb von Graz, wo es mit Werken von Kurtág und Bartók glänzte. Von 1999 bis 2001 wurde das Quartett von der BBC gefördert (BBC New Generation Artists) und erhielt 2003 den erstmals verliehenen Borletti-Buitoni Trust Award. Inzwischen ist das Jerusalem Quartet eine feste Grösse des europäischen und amerikanischen Musiklebens geworden und gastierte in der Londoner Wigmore Hall, im Concertgebouw Amsterdam, in Berlin, Dortmund und Köln, ebenso in Brüssel, Paris, München, Luxemburg, Genf, Chicago, New York und Washington, dazu in Australien und Japan. Es nahm an den Vancouver Recital Series, am Verbier Festival und an der Schubertiade Schwarzenberg teil. 2007 gab das Quartett Konzerte in Australien und Japan. Von 2006 bis 2009 war es Quartet-in-Residence im Rahmen der australischen Organisation Musica Viva. Das Jerusalem Quartet arbeitet regelmässig mit Mitsuko Uchida, Jessye Norman, Daniel Barenboim, Tabea Zimmermann, Natalia Gutman, Boris Pergamenschikow und mit dem Vermeer und Pražák Quartett und vielen anderen Künstlern zusammen. Seine Aufnahmen, exklusiv für harmonia mundi, wurden mehrfach mit internationalen Preise ausgezeichnet, darunter Quartette von Haydn, Schubert, Mozart und Schostakowitsch. Gerühmt wurde auch die letzte CD-Aufnahme: Schumanns Klavierquintett und -quartett mit Alexander Melnikov. In dieser Saison spielt das Jerusalem Quartet neben anderen Programmen mehrmals den ganzen Schostakowitsch-Zyklus, u. a. in Tel Aviv, Mexico City, New York (Lincoln Center) und Madrid.

Erwin Schulhoff
1894-1942

Fünf Stücke für Streichquartett (1923)

Alla Valse viennese: Allegro
Alla Serenata: Allegretto con moto
Alla Czeca: Molto allegro
Alla Tango milonga: Andante
Alla Tarantella: Prestissimo con fuoco

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b) (1783)

Allegro (moderato)
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegretto, ma non troppo (con variazioni)

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 2, A-dur, op. 69 (1944)

Ouverture: Moderato con moto
Rezitativ und Romanze: Adagio
Walzer: Allegretto
Thema und Variationen: Adagio – Moderato – Con moto

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b))

Die Tonart d-moll gibt Mozart immer Anlass zu besonderer Intensität, so auch hier. Im Sotto voce-Einsatz wird zuerst die Erregung zurückgedrängt, doch kommt sie bald im Forte zum Ausbruch, und auch die Bewegung steigert sich ständig. Die Schönheit des Andante bringt Beruhigung; es ist aber kleingliedrig und von Pausen durchbrochen. Die Schroffheit des Menuetts kippt im Trio in fast unwirkliche Eleganz und Leichtigkeit, so als hätten wir es mit einer Serenade zu tun. Das Finale orientiert sich zwar an Haydns Finalthema aus op. 33/5, aber Mozarts d-moll ist weit entfernt von Haydns G-dur-Leichtigkeit. - -

Das d-moll-Quartett weist im typisch mozartschem Mollcharakter voller Erregung und in dunkler Klangsprache - wozu im Kopfsatz Intervallsprünge und herbe Dissonanzen treten - Neuartiges auf. Im Menuett kontrastiert die dunkle Färbung mit dem heiteren Serenadenton des Trios. Das Variationen-Finale greift sowohl im Siciliano-Rhythmus wie in der Melodik unüberhörbar auf Haydn selbst zurück: auf seine Finalvariationen in op. 33/5, werden aber harmonisch und modulatorisch neu gedeutet.

(zu Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 2, A-dur, op. 69)

Das 2. Streichquartett war das erste Quartett Schostakowitschs, das – 1964 – bei der Gesellschaft für Kammermusik Basel aufgeführt wurde. Es ist bis heute bei dieser einen Aufführung geblieben. Das 2. Quartett ist sechs Jahre nach dem ersten von 1938 entstanden, also noch während des 2. Weltkrieges. Dies ist dem Werk im Vergleich mit dem «heiteren, lustigen und lyrischen, frühlingshaften» (Schostakowitsch) 1. Quartett anzuhören. Man hört slawische Anklänge, die man nur allzu gerne mit Patriotismus zu verbinden geneigt ist – vielleicht ist dies ja gewollt, wie das Slawische Quartett Schebalins zeigt. Schostakowitsch widmete es denn auch seinem Freund, nachdem ihn dieser 1943 ans Moskauer Konservatorium berufen hatte. Wie schon die Satzbezeichnungen vermuten lassen, beruht das Werk auf klassischen Formen, die allerdings mit Affekten (durchaus im barocken Sinn) und Expressivität erfüllt werden. Das Quartett beginnt gleichsam opernhaft, mit Ouvertüre, Rezitativ und Arie. Der als Ouvertüre bezeichnete Kopfsatz ist ein regelrechter Sonatensatz, bei dem – wer hätte das damals ausser Schostakowitsch, der auch in der 9. Sinfonie (1945) so verfährt, noch gewagt – die Exposition wiederholt werden soll. Die Violine übernimmt das Hauptmotiv. Dieses wird in der Folge ständig verändert und erweitert und bestimmt den ganzen, von energiegeladener Kompromisslosigkeit gekennzeichneten Satz. Das Adagio in b-moll beruht auf dem barocken Schema von Rezitativ und Arie des 18. Jahrhunderts, wobei allerdings das Rezitativ nach der expressiven Romanze wieder aufgenommen wird. Der Satz ist von Klage bestimmt; sie wird in dem taktlos notierten Rezitativ von der Violine vorgetragen. Der folgende Walzer in Es-dur zeigt ein bei Schostakowitsch nicht seltenes Verfahren. Das vermeintlich Heitere wird ins Gegenteil verkehrt. Hier ist es nicht so sehr das Groteske als das spukhaft Unheimliche. So wird eine Art fahler Totentanz daraus, bevor im Mittelteil dramatischere Töne angeschlagen werden. Für das Finale wählte Schostakowitsch Variationen in a-moll über ein von der Viola vorgetragenes Thema. Hier werden die Anklänge an russische Folklore immer deutlicher. Man fühlt sich an Mussorgskys Boris Godunow erinnert. Die Verarbeitung führt von figurativem Variieren immer mehr vom Thema weg zu einem grossen Höhepunkt, bevor zum Schluss das Adagio zurückkehrt.

(zu Schulhoff, Fünf Stücke für Streichquartett)

"Ein amüsanter, liebenswürdiger, spielerisch veranlagter, hochbegabter Künstler und ein wilder Temperamentmusikant, ein Draufgeher, kein Philosoph" - so charakterisierte ein Musikkritiker den Prager Komponisten Ervín Schulhoff 1928. Da mag Schulhoffs Liebe zum Jazz mitgespielt haben - doch darf man ihn keineswegs nur auf diesen Stil einengen. Gerade seine beiden Streichquartette sind sehr wohl auch slawisch beeinflusst. Die Fünf Stücke sind, wie schon die Titel deutlich machen, vor allem rhythmisch inspiriert. In einer Rezension wurden sie als "nette und schwungvolle Tanzstücke" und "niedliche Tanzbagatellen" bezeichnet. Dabei darf man sich von der scheinbaren Oberflächlichkeit der Tanzformen nicht täuschen lassen. Schulhoff experimentiert in raffinierter Weise mit motivischen, metrischen und harmonischen Spielformen. Gleichwohl irritierten die Stücke beinahe wie Schönbergs Zwölftönigkeit. Nach der Aufführung (die Uraufführung hatte kurz zuvor beim IGNM-Festival in Salzburg stattgefunden) bei den Donaueschinger Kammermusiktagen rief der Traditionalist Joseph Haas, sie als "primitive Quartettkunst" abstempelnd, aus: "O Heilige Kammermusik, wo bist du hingeraten?"