Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzert-Details

938

13.11.2018, 19:30 Uhr ( 93. Saison Abo 7 )
Oekolampad Basel

Ariel Quartet (Cincinnati)

Gerchikov, Gershon, Violine
Kazovsky, Alexandra, Violine
Grüning, Jan, Viola
Even-Tov, Amit, Violoncello

Das Ariel Quartett wurde vor zwanzig Jahren in Israel von jungen Musikstudenten gegründet und vom Geiger Avi Abramovich ausgebildet. Bereits 2003 gewann es den 1. Preis beim Wettbewerb „Franz Schubert und die Musik der Moderne“ in Graz. Darauf wurde es eingeladen, am 1. Perlman Music Program teilzunehmen. 2004 setzte es seine Studien in Boston am New England Conservatory of Music fort und schloss dort das renommierte Streichquartett-Schulungsprogramm 2010 ab. Danach hat es ein Jahr lang in Basel bei Walter Levin, dem ehemaligen Primarius des LaSalle Quartet, studiert. Während seiner Ausbildung wurde es von weiteren berühmten Musikern und bedeutenden Lehrern als Mentoren betreut und gefördert. Dazu gehörten Donald Weilerstein und Paul Katz (ehemalige Mitglieder des Cleveland Quartet), die Bratschistin Kim Kashkashian und Menahem Pressler, der Pianist des Beaux-Arts Trios. Mit ihm ist es auch mehrfach gemeinsam aufgetreten. 2012 erhielt es einen Ruf als Faculty Quartet-in-Residence an die University of Cincinnati’s College-Conservatory of Music, wo die Musiker das Kammermusikprogramm leiten und ihre eigenen jährlichen Konzertreihen durchführen. Schon 2006/07 hatten sie weitere Preise gewonnen, so die Fischoff National Chamber Music Competition sowie beim Banff Streichquartett-Wettbewerb den 3. Preis und den Székely Preis für die beste Interpretation eines Werks von Bartók. 2013 kam der renommierte Cleveland Quartet Award dazu. Schon mehrfach hat es den vollständigen Beethoven-Zyklus aufgeführt. Im März 2018 ist bei Avie Records das von Kritikern vielfach hervorgehobene Debütalbum mit Werken von Johannes Brahms und Béla Bartók erschienen. Das Ariel Quartett ist seit seiner Entstehung grosszügig von der America-Israel-Cultural Foundation unterstützt worden.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 70, D-dur, op. 71, Nr. 2, Hob. III:70 (1793)

Adagio – Allegro
Adagio
Menuet: Allegretto – Trio
Finale: Allegretto

Arnold Schönberg
1874-1951

Streichquartett D-dur (1897)

Allegro molto
Intermezzo – Andantino grazioso
Andante con moto. Variationen 1–5
Allegro

Alexander von Zemlinsky
1871-1942

Streichquartett Nr. 2, op. 15 (1910/15)

Sehr mässig–Heftig und leidenschaftlich–Moderato–Andante mosso–Allegretto–
Adagio –
Schnell – Andante – mit energischer Entschlossenheit –
Allegro molto – Langsam – Andante

Wiener Quartette – einmal anders

Zwischen zwei Konzerten des Zyklus «Wiener Klassik» steht heute ein weiterer Abend mit Wiener Quartetten auf dem Programm. Es mag überraschen, dass keiner der Komponisten des Zyklus ein gebürtiger Stadt-Wiener war, Mozart und Beethoven schon gar nicht. Eybler, Pleyel und Haydn waren Beinahe-Wiener, die aus der näheren und weiteren Umgebung stammten. Schönberg und Zemlinsky dagegen wurden in Wien geboren. Das erste Werk im heutigen Programm gehört allerdings beinahe so gut nach London wie nach Wien – auch wenn Haydn der Begründer Wiens als Quartettstadt war. Weitergeführt wurde die Tradition von Nichtwienern wie Mozart und Beethoven oder gute hundert Jahre später von Zemlinsky und Schönberg. 1791/92 war Haydn in London gewesen und hatte dafür die ersten der zwölf Londoner Sinfonien geschrieben. Die neue Erfahrung und der ungeheure Erfolg dieser Londoner Reise wirkten sich auf die Komposition der Streichquartette aus. Haydn hat in London ein Konzertleben mit grossbürgerlichem Publikum kennengelernt und überträgt die Erfahrungen, etwa durch Hereinnahme sinfonischer Elemente, auf die Kammermusik. Das gilt für die sechs 1792/93 entstandenen Quartette op. 71 und 74. Sie sind dem Grafen Anton Georg Appónyi gewidmet, wurden aber wohl im Hinblick auf den Geiger Johann Peter Salomon geschrieben, der Haydn 1791 nach dem Tod von Nikolaus Eszterházy nach London geholt hatte. Das op. 71/2 beginnt als einziges seiner Quartette mit einer langsamen Einleitung von vier Adagio-Takten, die motivisch mit dem Allegro verbunden sind. Dieses Allegro weist orchestrale Züge auf. Trotzdem fehlt Intimität nicht, schon gar nicht im lieblichen Adagio in A-dur mit seiner schönen Melodie. Das Menuett hat fast scherzohafte Züge, während sich das umfangreichere Trio mit liegenden Noten und seufzerartigen Motiven ruhiger gibt. Das Finale, eine Art Sonatensatzrondo, beginnt in gemässigtem Tempo in dreiteiliger Liedform. Der Mittelteil steht in d-moll. Nach einer Überleitung findet es zu einem raschen, virtuosen Allegro-Schlussteil.

«Wenn die Leute von mir sprechen, denken sie sofort an Schrecken, Atonalität und Komposition mit zwölf Tönen. Allgemein wird immer vergessen, dass es, bevor ich diese neuen Techniken entwickelt hatte, zwei oder drei Zeitabschnitte gab, in denen ich das technische Rüstzeug erwerben musste.» So äusserte sich Schönberg später im Rückblick auf seine Frühzeit. Eines der Werke auf dem Weg zu sich selbst, das bisher umfangreichste, war 1897 das Streichquartett in D-dur, das neben anderen Quartettversuchen stand. Schönberg war weitgehend Autodidakt – was ein Sonatensatz ist, erfuhr er erst um 1892, als Meyers Konversationslexikon beim «langerhofften Buchstaben S» angelangt war, «was mir ermöglichte, unter ‚Sonate’ zu lernen, wie der erste Satz einer Sonate aufgebaut ist». Nach Oskar Adler, unter dessen Leitung er Kammermusik spielte, war Zemlinsky Schönbergs Mentor. Er machte Verbesserungsvorschläge zum D-dur-Quartett, weshalb der 23-jährige Komponist es mehrfach umarbeitete. Zemlinsky war es auch, der im März 1898 eine nicht öffentliche Aufführung im Rahmen des Tonkünstlervereins organisierte. Die offizielle Uraufführung fand nach weiterer Überarbeitung am 20. Dezember 1898 durch das Fitzner-Quartett im Wiener Bösendorfersaal statt. Die Wiener Neue Presse schrieb: «Ein neues Streichquartett von Arnold Schönberg errang nicht nur einen ungewöhnlichen Erfolg, sondern machte auf alle anwesenden Musikfreunde den Eindruck, dass man es in seinem Autor mit einem wahrhaften Talente zu tun habe, das da sein erstes bedeutsames Wort gesprochen.» 1951 fand man das Quartett in Schönbergs Nachlass; 1966 wurde es veröffentlicht. Schönberg selbst gestand, dass das Werk unter dem Einfluss von Brahms und Dvořák entstanden sei. Stilistisch und kompositionstechnisch steht es näher bei Brahms, in der Melodie- und Themenbildung bei Dvořák. Einen Anklang an den 3. Satz von Dvořáks «Amerikanischem Quartett» kann man am Beginn des Werks hören; auch der 4. Satz klingt an Dvořák an. Der Kopfsatz ist ein regelrechter Sonatensatz. Ihm folgt ein tänzerisches Intermezzo mit gedämpften Streichern. Der langsame Satz besteht aus einer Folge von fünf Variationen, deren Thema vom Cello – Schönbergs Instrument – vorgestellt wird. Das Finale ist als Rondo angelegt und weist motivische Verbindungen zum 1. Satz auf.

Wagner und Brahms, Mahler und Schönberg, sein ehemaliger Schüler, haben auf Zemlinsky Einfluss ausgeübt. Auch bei ihm gibt es ein frühes Quartett (1893, E-dur), das aber vom Wiener Tonkünstlerverein nicht zur Aufführung angenommen wurde. Das offiziell erste Quartett (1895/96) wurde 1897, also kurz vor Schönbergs D-dur-Quartett, im Tonkünstlerverein uraufgeführt. Es steht noch im Banne von Brahms. Im gut fünfzehn Jahre später entstandenen zweiten Quartett ist dann Schönbergs Einfluss unverkennbar, auch wenn Zemlinskys Tonsprache eigenständig ist. Im Aufbau war offensichtlich Schönbergs 1. Quartett op. 7 (1905) das Vorbild im Versuch, die vier traditionellen Sätze als eine Art grossen, übergreifenden Sonatensatz zu gestalten. Auch Verklärte Nacht (1899), besonders im Schlussteil, und das 2. Quartett von 1907/08 sowie Bergs op. 3 (1911/13) haben Zemlinsky angeregt. Und doch ist etwas Eigenes entstanden, gerade in der Form. Das Quartett ist eigentlich viersätzig, allerdings ohne Unterbruch zu spielen. Die Teile erhalten aber mehr Eigenständigkeit als bei Schönberg. Gleichwohl ist es beim Hören nicht einfach, die Sätze mit den zahlreichen Zwischenepisoden eindeutig voneinander abzugrenzen, obwohl Zemlinsky jedem Hauptteil das Motto voranstellt, das er zu Beginn präsentiert. Es trägt im Kern die Motive für die jeweiligen Hauptthemen in sich. Es besteht aus Sekund + Terz (= Quart) d – e – g mit bestätigender Wiederholung des Sekundschritts im zweiten Takt. Im Gegensatz zu Schönbergs 1. Quartett, wo die vier Sätze zu einem riesigen Sonatensatz verbunden sind, erinnert Zemlinskys Gestaltung «eher an die Rondoform, in der ein Hauptsatz mit verschiedenen kontrastierenden Episoden abwechselt. Allerdings verlagert Zemlinsky die Gewichtung auf die Formteile (Horst Weber)». Schönberg, inzwischen Zemlinskys Freund und Schwager und zudem Widmungsträger des Quartetts, dankte dem Komponisten im November 1916 mit aufrichtiger Freude: «Ich ... bin wirklich ganz begeistert.» Bewunderung fand er vor allem «für den herrlichen Schluss, den Anfang des unheimlichen Scherzos und des Adagios. Ich werde das natürlich oft vornehmen, bis ich es ganz vor mir habe...» und begann sogleich mit einer Bearbeitung für zwei Klaviere. In einer Art Parallele zu heute hat das Artis Quartett Wien fast auf den Tag genau vor dreissig Jahren am 8. November 1988 nach der ersten Aufführung des Zemlinsky-Quartetts in unseren Konzerten das Intermezzo aus Schönbergs D-dur-Quartett als Zugabe gespielt.