Kammermusik Basel

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Konzert-Details

931

23.1.2018, 19:30 Uhr ( 92. Saison Zyklus B )
Oekolampad Basel

Zyklus «Wiener Klassik», 6. Konzert

Armida Quartett (Berlin)

Funda, Martin, Violine 1
Staemmler, Johanna, Violine 2
Schwamm, Teresa, Viola
Staemmler, Peter-Philipp, Violoncello

Das Armida-Quartett hat seinen Namen nach der Oper «Armida» von Joseph Haydn gewählt, dem «Vater des Streichquartetts». Es wurde 2006 in Berlin gegründet und studierte bei Mitgliedern des Artemis Quartetts. Meisterkurse mit dem Alban Berg, Guarneri und Arditti Quartett rundeten die Ausbildung ab. 2011 gewann das Armida Quartett beim Concours de Genève den 1. Preis sowie den Publikumspreis. Seit seinem Erfolg beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2012 in München (1. Preis, Publikumspreis sowie sechs Sonderpreise), hat sich die Karriere des Quartetts sensationell entwickelt. In der Saison 2016/17 stellt sich das Quartett europaweit im Rahmen der Reihe «Rising Stars» der Europäischen Konzerthallen vor.

Das Armida Quartett war und ist Gast bei namhaften Festspielen, so beim Schleswig-Holstein Festival, dem Rheingau Musikfestival, den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, dem Davos Festival sowie beim Heidelberger Frühling, später auch beim Internationalen Festival von Radio France in Montpellier, beim Musikfestival Brünn, dem Prager Frühling sowie in Schwetzingen. 2014 führte eine Konzertreise nach China, Taiwan und Singapur. Seit Oktober 2012 unterrichten die vier Musiker Kammermusik an der Universität der Künste Berlin. Auch als Gastdozenten sind die Musiker des Armida Quartetts international gefragt. Meisterkurse gaben sie u. a. in Singapur und beim Mozartfest Augsburg. Die Debüt-CD des Quartetts mit Werken von Bartók, Ligeti und Kurtág erschien 2013, eine Mozart-CD (KV 169, 464 und 589) sowie Klavierquintette mit Ewa Kupiec von Dvoøák und Philipp Scharwenka 2015. Weitere Einspielungen von 2016 und 2017 sind Beethoven (op. 59/1) und Schostakowitsch (Nr. 10) sowie dem Thema «FUGA MAGNA» gewidmet. Das Armida Quartett gastierte erstmals 2013 und am 7. Februar 2017 im 3. Konzert des Zyklus «Wiener Klassik» in unseren Konzerten.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 67, D-dur, op. 64, Nr. 5, Hob. III:63 «Lerchenquartett» (1790)

Allegro moderato
Adagio (cantabile)
Menuet: Allegretto – Trio
Finale: Vivace

Ignaz Pleyel
1757-1831

Streichquartett G-dur, op. 1/5, Ben. 305 (1782-83)

Allegro
Arioso. Andantino
Rondo. Presto

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 23, F-dur, KV 590 (1790)

Allegro moderato
Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro

Neue Quartette – und Geldsegen und Geldsorgen

1790 war für Haydn und Mozart ein Jahr der Streichquartett-Komposition: Haydn komponierte die neue Sechserserie des Opus 64. Vier Quartette entstanden vielleicht noch vor dem Tod seines Herrn Fürst Nikolaus am 28. September. Damit endete sein Engagement auf Schloss Esterházy, Haydn erhielt aber eine Rente. Die zwei andern, extravertierteren folgten wohl bereits im Hinblick auf die Reise nach London, zu der ihn Johann Peter Salomon einlud. Dort wurden einige der neuen Quartette mit grossem auch finanziellem Erfolg aufgeführt. Mozart dagegen versuchte 1790, einem angeblichen, aber wohl kaum je erfolgten Auftrag des Preussenkönigs für sechs Quartette nachzukommen und sie dem König zu widmen. Es war wohl, vielleicht um es Haydn mit dessen op. 50 gleichzutun, sein eigener Plan, vor allem aber weil er dringend Geld brauchte, das er sich vom König in Form eines Gnadengeschenks erhoffte. Es wurden nur drei Quartette daraus – und Geld gab es keines. Und Pleyel? Er war 1783 nach Strassburg gegangen und wurde 1789 Münsterkapellmeister, doch bereits infolge der Revolution 1791 abgesetzt. Weil er sich gefährdet sah, nutzte er eine Einladung nach London und wurde dort Konkurrent seines ehemaligen Lehrers Haydn. Mit dem Gewinn kaufte er das Landgut Ittenheim im Elsass. Bereits 1785 verkaufte er es wieder und ging nach Paris. Hier komponierte er Revolutionsmusik und verdiente später mit seinem Verlag und als Klavierbauer reichlich Geld.

Das Londoner Publikum, welches Haydns D-dur-Quartett op. 64/5 in einem Konzert Salomons der Saison 1791 zu hören bekam, hat in der nach sieben Takten staccato-Vorspann der übrigen Instrumente einsetzenden Melodie der 1. Violine den Gesang einer Lerche gehört, was dem Quartett den Beinamen «The Lark» bescherte. Da sich dieses Thema kaum verarbeiten lässt, kehrt es im ganzen Satz weitgehend unverändert wieder und hat dadurch einen besonderen Erkennungs- und Beliebtheitswert. Die thematische Arbeit übernehmen stattdessen Triolenfiguren. Ein sangliches Thema der 1. Violine bestimmt das Adagio in A-dur in dreiteiliger Liedform (A – B – A’). Bereits der A-Teil ist in drei Abschnitte gegliedert; der B-Teil steht in a-moll. Das Menuet (wie Haydn jetzt wieder schreibt) ist, was insbesondere den Vorschlagsnoten zuzuschreiben ist, einem Scherzo angenähert. Am Beginn des Trios in d-moll nimmt die 2. Geige eine Tonreihe des Menuett-Themas auf, die im Bass auch dessen Schluss gebildet hatte. Das Finale kann man als Perpetuum mobile charakterisieren. Die Sechzehntelfigurationen, von der 1. Violine eingeführt und im ganzen ersten Abschnitt von ihr gespielt, werden ausser einmal nie unterbrochen. Wo sie nicht die 1. Geige ausführt, übernehmen die anderen Instrumente. Und die Ausnahme? Kurz vor Schluss unterbrechen Achtelakkorde in zweieinhalb Takten die Bewegung. 1801 erwähnte ein Bericht «eines der schwierigsten Stücke unter den neueren Quartetten von Joseph Haydn, das die grössten Geiger Wiens kaum meistern können». Damit war höchstwahrscheinlich dieses Finale gemeint.

Pleyels G-dur-Quartett Ben. 305 beginnt mit einem viertaktigen Themenkopf; ihm lässt die 1. Geige in den nächsten vier Takten ein neues Viertonmotiv in Viertelnoten folgen. Das Ganze wird wiederholt; dabei führt der zweite Teil auf eine Fermate hin. Es folgen wie gewohnt aneinander gereihte Passagen mit verschiedenen Motiven. Die Durchführung wird vom wenig veränderten Hauptthema beherrscht. Seine ersten vier Takte erscheinen kurz vor Schluss noch einmal, bevor ein Dreitonmotiv, das zu Beginn nach der Fermate eingeführt worden war, den Satz in sechs Takten zum Ende hinführt. Im Arioso (2/4-Takt) in B-dur singt die 1. Violine über Triolenreihen der Mittelstimmen ihre Melodie mit veränderter Wiederholung. Danach beginnen die Triolenreihen in immer neuer Form Überhand zu nehmen bis zur Rückkehr des Arioso. Gegen Schluss hin werden die Triolen in den Mittelstimmen rhythmisch auf die 2. und 3. Note reduziert, während die Viertel des Cellos regelmässig die Takt-Eins dazu geben. Die 1. Violine spielt darüber gehaltene Töne und kurze Reminiszenzen an das Arioso. Zuletzt modulieren diese Elemente nach D-dur. Auch im raschen Rondo im 6/8-Takt dominiert die 1. Geige. Ihr achttaktiges, in zwei Phrasen unterteiltes und sogleich variiert wiederholtes Thema ist regelgerecht dreimal zu hören und wird dazwischen durch verschieden gestaltete Episoden getrennt.

Mozarts letztes Streichquartett, nach welchem er die geplante Sechserserie vorzeitig abbrach, ist wie seine beiden Vorgänger einfacher und leichter gehalten als die «Haydn-Quartette». Das Hauptmotiv des ersten Satzes ist in zwei je dreitaktige Abschnitte unterteilt: Beim ersten Mal folgt auf zwei aufsteigende F-dur-Terzen in halben Noten eine von d’ bis A abwärts führende Tonleiter in Sechzehnteln. Aus dieser Tonleiter und aus ihrem beim zweiten Mal veränderten Schlussteil (f-e-g-e-f) entwickelt Mozart die wichtigsten Elemente des Satzes. Nach dem ersten Themendurchgang übernimmt das Cello in hoher Lage solo das Thema. Ob Mozart noch einmal an den Preussenkönig gedacht hat, bleibt fraglich. Den zweiten Satz hatte Mozart im Autograph mit Andante überschrieben; im Erstdruck, für den er auch die Dynamik geändert hat, nennt er ihn Allegretto. Er steht in C-dur und beginnt mit dem einzigen, rhythmisch unverkennbaren und in allen Stimmen gleich geführten Thema. Dieses beherrscht mit wenigen Ausnahmen den ganzen Satz, selbst dort wo Sechzehntelreihen in der 1. Geige oder im Cello oder Folgen von Zweiunddreissigsteln mit punktierten Sechzehnteln von ihm ablenken könnten. Keine Überraschung, dass das Motiv auch den Schluss bildet. Das Menuett fällt wegen seiner ungeraden Taktperioden auf. Im ersten Teil beginnt es statt mit den gewohnten zweimal acht mit zweimal sieben Takten; im Trio sind es zweimal fünf. Der zweite Teil überrascht mit zeitweiliger Heftigkeit und mit Dissonanzen. Das Trio wirkt sanfter, nicht zuletzt durch die leicht wirkenden Reihen von Achteln mit Vorschlägen, insbesondere am Ende des zweiten Teils. Das Werk gipfelt im Finale im 2/4-Takt. Mit seinem Perpetuum mobile-Charakter und beinahe ununterbrochenen Sechzehntelfolgen wirkt es wie eine Huldigung an Haydn – allerdings nicht an den des «Lerchenquartetts», denn dieses ist später entstanden. (Oder hat sich Haydn hier vielleicht einmal an Mozart orientiert?) Ein Einfall jedenfalls, der in der Exposition wie auch in der Reprise je zweimal – und deshalb mit besonders witziger Wirkung – kurz hintereinander auftaucht, könnte von Haydn stammen: Das Neueinsetzen des Themas, das bald abgebrochen wird und mit einer Fermate endet. Gesamthaft geht der Satz in der kühnen Kontrapunktik und im schroffen Nebeneinander der Tonarten über Haydn hinaus. Er bildet ein würdiges Finale von Mozarts Quartettschaffen.