Konzerte Saison 2011-2012

  • 1.11.2011
  • 20.15
  • 86.Saison
  • Zyklus B
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Amar Quartett (Zürich) Silvia Simionescu, Viola | Mattia Zappa, Violoncello

Licco Amar hiess der Primgeiger jenes berühmten, 1921-1929 existierenden Quartetts, in dem Paul Hindemith die Bratsche spielte. Aus Anlass des 100. Geburtstages Hindemiths nahm das neue Amar-Quartett diesen Namen an, denn es möchte dem heute zu sehr vernachlässigten Oeuvre Hindemiths besondere Beachtung schenken. Das 1987 gegründete, seit 1996 in der heutigen Besetzung spielende Ensemble besteht aus vier jungen, zwischen 1971 und 1977 geborenen Schweizer Musikern. Geiger und Geigerin wechseln sich, wie in vielen jungen Quartetten üblich, am ersten Pult ab. Seit 1998 arbeitet das Quartett regelmässig mit dem Alban Berg Quartett in Köln. Im gleichen Jahr erhielt es in Cremona und in Bubenreuth Preise in Wettbewerben und gewann 1999 den Kammermusik-Wettbewerb des Migros-Kulturprozents. Für seine Konzerttätigkeit wurden ihm vier Stradivari-Instrumente der Stiftung Habisreutinger anvertraut.
Am 8. Juni dieses Jahres [1994] gedachte man des hundertsten Geburtstages des bis vor kurzem vergessenen und verdrängten Erwin Schulhoff. Als Sohn eines deutsch-jüdischen Kaufmanns wurde er in Prag geboren. Schon in jüngsten Jahren wurde sein Talent von Dvo6rák bestätigt. Später studierte er in Prag, Wien und Leipzig Klavier und Komposition, u.a. bei Reger. Unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs, in dem er als österreichischer Soldat diente, wurde Schulhoff zum überzeugten Sozialisten. 1932 vertonte er "Das kommunistische Manifest" als Oratorium, wollte 1933 nach Moskau auswandern, komponierte in den dreissiger Jahren im Stil des Sozialistischen Realismus und wurde im Mai 1941 wunschgemäss sowjetischer Staatsbürger. Zur Auswanderung in die UdSSR kam es nach dem Überfall der Nazis nicht mehr. Im Juni 1941 wurde er zusammen mit seinem Sohn Petr in Prag interniert, später in das Internierungslager Wülzburg in Bayern überführt, wo er, an seiner 8. Sinfonie schreibend, von Unterernährung geschwächt, am 18. 8. 1942 an Tuberkulose starb. Seine originellsten, in den zwanziger Jahren entstandenen Werke zeigen ihn, den musikalischen Experimentator und Revolutionär, als wichtigen Vertreter der Neuen Musik. Er stand dem Dadaismus nahe (Vertonung von Arps "Wolkenpumpe" 1922) und setzte sich mit dem Jazz und anderen damaligen Stilrichtungen auseinander. Seine Musik galt in Nazideutschland als entartet - und Schulhoff wurde vergessen. Seine (sieht man von Jugendkompositionen ab) drei Werke für Streichquartett entstanden 1923-25. Auf die "Fünf Stücke", eine Art Tanzsuite, folgte 1924 das 1. Quartett; die ersten drei Sätze sind ebenfalls tänzerisch, im Stil neofolkloristisch. Der langsame Satz, an den Schluss gerückt, ist "ein melancholisches Notturno, dessen Musik den Raum zur leisen Meditation über die irdische Freude des menschlichen Lebens eröffnet" (J. Bek).
1920 war in Dresden der erste Satz des Sextetts entstanden, in dem die Erinnerung an die Kriegserlebnisse nachzuwirken scheinen. Es handelt sich um einen Sonatensatz, der in seiner chromatischen und harmonischen Gestaltung der Atonalität nahe steht. Schroffheiten ergänzen diesen kühn-expressionistischen Eindruck noch. Bald danach wandte sich Schulhoff vom Expressionismus ab und dem Dadaismus zu. Doch dies führte vorerst zu keiner Fortsetzung der Komposition. Erst nach der Rückkehr nach Prag und der Zuwendung zur slawischen Musik fand Schulhoff den Weg zum Sextett zurück. Es entstanden in kurzer Zeit das eine liedhafte Kantilene variierende Andante, die wilde, als Rondo gestaltete Burleske mit drei Themen und das lyrisch-meditative Finale. Den musikalischen Zusammenhang wahrt Schulhoff im ganzen Werk durch das immer wiederkehrende Hauptmotiv der drei Töne C-G-Des. Als Melodiefloskel, in kontrapunktischer Verarbeitung oder als Akkord, wirkt es vermittelnd zwischen den schroffen Kontrasten, etwa den statisch-ruhenden Klängen im 2. und der Wildheit des 3. Satzes. Das Finale verklingt in diesem dissonanten Akkord morendo.
Schon 1860 hatte Johannes Brahms sein erstes Streichsextett op.18 vollendet. Vier Jahre später machte er sich an das zweite und legte mit den beiden Werken den Grundstein für eine Gattung, die über Dvorak, Rimsky-Korsakoff, Borodin, Reger und Schönberg ins 20. Jahrhundert hineinreicht.

Brahms wich Deutungen seiner Musik meist aus. Nicht so in diesem Fall: «Damit habe ich mich von meiner letzten Liebe losgemacht», schrieb er über sein op. 36, hinter dem ein amouröses Kapitel der Brahms-Biografie steckt. Der Komponist hatte den Sommer des Jahres 1858 in Göttingen verbracht, wo er sich in die Professorentochter Agathe von Siebold verliebte, sich mit ihr verlobte – und sich dann doch gegen eine Bindung entschied. «Ich liebe Dich (…)! Aber Fesseln tragen kann ich nicht!», heisst es in einem Brief. Spuren dieses Hintergrunds sind im Werk in einer sehr ausdrucksstarken orchestralen Klangfülle zu finden, in der sich das Sextett von seinem Vorgänger-Opus unterscheidet. Darüber hinaus entwickelt sich aus dem ersten Satz in motivischer Arbeit die Tonfolge «a-g-a-h-e», die kryptographisch leicht als «Agathe» gelesen werden kann.

Brahms hatte mit dem zweiten Sextett bei seinem Verleger Simrock wenig Glück. Uraufgeführt wurde es im fernen Boston – von einem mit deutschen Auswanderern besetzten Ensemble namens «Mendelssohn Quintette Club», das sich der Pflege europäischer Musik in der Neuen Welt verschrieben hatte. Europa erlebte das Werk aber schon einen Monat später: im November 1866 in Zürich.

Erwin Schulhoff 1894-1942

Streichquartett Nr. 1 (1924)
Presto con fuoco
Allegretto con moto e con malinconia grotesca
Allegro giocoso alla Slovacca
Andante molto sostenuto
Streichsextett (1920/24)
Allegro risoluto
Tranquillo (Andante)
Burlesca. Allegro molto e con spirito
Molto adagio

Johannes Brahms 1833-1897

Streichsextett Nr. 2, G-dur, op. 36 (1864)
Allegro non troppo
Scherzo: Allegro non troppo – Presto giocoso – Animato
Poco Adagio – Più animato – Adagio
Poco allegro – Animato