Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzert-Details

488

9.1.1979, 20:15 Uhr ( 53. Saison Zyklus A )
Stadtcasino, Festsaal

Berner Streichquartett (Bern)
Eduard Brunner, Klarinette

van Wijnkoop, Alexander, Violine 1
Zurbrügg, Eva, Violine 2
Crafoord, Henrik, Viola
Grimmer, Walter, Violoncello

Brunner, Eduard, Klarinette

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 22, B-dur, KV 589 (1790)

Allegro
Larghetto
Menuetto: Moderato – Trio
Allegro assai

Jean Françaix
1912-1997

Quintett für Klarinette und Streichquartett (1977)

Adagio – Allegro
Scherzando
Grave
Rondo

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 9, C-dur, op. 59, Nr. 3 «3. Rasumovsky-Quartett» (1806 ?)

Introduzione: Andante con moto – Allegro vivace
Andante con moto quasi allegretto
Menuetto (grazioso) mit Trio –
Allegro molto

(zu Françaix, Quintett für Klarinette und Streichquartett)

Der Basler Klarinettist Eduard Brunner ist von 1960 bis 1994 zehnmal in unseren Konzerten aufgetreten. Für die Schweizer Erstaufführung des Quintetts von Jean Françaix mit dem Berner Streichquartett am 9. Januar 1979 hat er, der auch Auftraggeber und Widmungsträger war, für die Kammermusik Basel den folgenden Programmtext verfasst.

Jean Françaix, geboren 1912 in Le Mans, gilt als einer der typischen Vertreter französischer Musik. Ausgebildet von Nadia Boulanger, findet er schon sehr jung seine eigene musikalische Sprache und Ausdrucksweise, der er auch bis zuletzt treu geblieben ist. Sie basiert auf einer fundamentalen Kenntnis sowohl der grossen klassischen Vorbilder, sowohl der deutschen als auch vor allem der französischen Musik, sowie des Kontrapunktes und Generalbasses. Die beiden für ihn wichtigsten Komponisten, was die Stilbildung betrifft, sind Ravel und Strawinsky. Seine Musik zeichnet sich durch enorme Klarheit, Witz und Ironie, aber auch zarteste melodische Empfindung aus. Sie will im besten Sinn unterhalten, erfreuen und erheitern.

Das Klarinetten-Quintett ist auf Anregung und im Auftrag von Eduard Brunner geschrieben worden und ihm auch gewidmet. Im grossen kammermusikalischen Schaffen von Jean Françaix nimmt es eine besondere Stellung ein: Es ist das erste Werk für diese Besetzung. Bis anhin waren Bläser- und Streicher-Kammermusik immer scharf getrennt.

Das sehr durchdachte und raffiniert komponierte Werk beginnt mit einer zarten Adagio-Einleitung, in der der Kern des gesamten thematischen Materials vorgestellt wird. Der erste Satz, Allegro, bringt nun den Kopf des Themas sehr ironisch witzig zurechtgebogen, kontrapunktisch reich ausgestattet. Dann folgt ein sehr lyrisches zweites Thema. Der Mittelteil, eine vergleichsweise sehr kurze Episode, bringt immer nur Bruchstücke des Materials und führt in eine stark verkürzte Reprise. Die kurze Coda dient zugleich als Überleitung zum zweiten Satz, einem äusserst brillanten Scherzo, unterbrochen von einem walzerartigen Trio. Der dritte Satz, Grave, beginnt mit einem Viola-Solo – einer Quasi-Einleitung zu einem grossen Wechselgesang zwischen Violine und Klarinette von äusserster Zartheit. Die Form ist eine schlichte dreiteilige Liedform. Dann folgt als vierter Satz ein raffiniert gearbeitetes virtuoses Rondo mit Einfällen aus der französischen Chansonszene und Music-Hall, ohne aber im geringsten trivial zu werden. Kurz vor Schluss hat die Klarinette eine grosse Kadenz, wo nochmals Material aus dem ganzen Quintett in Erinnerung gerufen wird. Sie ist wohl als «Geschenk» an den Auftraggeber gedacht. Mit fünf Pianissimo-Takten schliesst dieses Werk, das eine grosse Bereicherung für die Klarinetten-Literatur darstellt.

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 9, C-dur, op. 59, Nr. 3 «3. Rasumovsky-Quartett»)

Mit dem Opus 59 beginnt das moderne Streichquartett. Hatten das erste und etwas weniger das zweite Quartett damals schockierend gewirkt, so erscheint das dritte weniger gewagt. Die Allgemeine Musikalische Zeitung von 1806/07 bezeichnete es als „allgemeinfasslich“. Es ist das kürzeste und konzentrierteste der drei Schwesterwerke und bildet gleichsam die Synthese der beiden vorangegangenen Werke. Gleichwohl zeigt es die modernen Errungenschaften der Quartettkomposition. Mag die Wiederaufnahme einer langsamen Einleitung zunächst als Rückgriff auf die Tradition erscheinen, so bildet gemäss A. Werner-Jensen die Art, wie dies hier geschieht, mehr einen Traditionsbruch als eine Fortführung gewohnter Formen. Erstaunlich ist zudem, dass nach dieser Einleitung am Beginn des Allegro noch eine weitere folgt. Das Hauptthema kommt erst später nach einer überleitenden Violinkadenz mit einem C-dur-Akkord zum Zug. Die Durchführung verwendet nicht nur die drei Gedanken der Exposition, sondern auch die Septakkorde der Einleitung und die Violinkadenz. Im Gegensatz zu den beiden ersten Quartetten zitiert Beethoven in diesem Werk kein thème russe, doch klingt das Thema des Andante (a-moll) irgendwie russisch. Das als grazioso bezeichnete Menuett wirkt wie ein Spiel mit vergangenen Formen; dafür fährt das Trio in F-dur energisch dazwischen. Nach diesen zahlreichen Eigenheiten überrascht auch das virtuose, attacca an das Menuett anschliessende Finale, eine Verbindung von Sonatensatz und Fuge. Gerade diese nicht regelkonforme Fuge hat es in sich und hat Beethoven nicht wenig Kritik eingetragen, beweist aber auch die Kühnheit und Modernität dieses heute so klassisch wirkenden Werkes. Mit der „Grossen Fuge“ am Ende von op. 130 wird Beethoven auf viel gewagtere Weise im Spätwerk auf eine solche „unregelmässige“ Fuge (tantôt libre, tantôt recherchée) zurückgreifen. Die drei Werke des Opus 59 sind in der Reihenfolge der Nummerierung entstanden, das C-dur-Quartett ist also tatsächlich das Abschlussstück. Dies ist ein weiterer Hinweis auf die zyklische Gestaltung der Werkgruppe.

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 22, B-dur, KV 589)

Mozart hat nach der lunga, e laboriosa fatica der «Haydn-Quartette» nur noch einmal zu einem Zyklus von sechs Quartetten angesetzt. Voller Hoffnung wollte er sie für Seine Mayestätt dem König in Preussen schreiben, doch wurde der Plan nie Wirklichkeit. Die Widmung kam nicht zustande, und es blieb bei drei Quartetten. Am 12. Juni 1790, wohl kurz nach Vollendung von KV 590, schrieb Mozart an Puchberg: Nun bin ich gezwungen meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen. Daraus ist zu entnehmen, dass Mozart die Komposition von Quartetten generell schwer fiel, er also nicht einmal in Geldnot noch rasch eine Sechserfolge komplettieren konnte, obwohl die drei «Preussischen» einfacher sind als die «Haydn-Quartette». Das Werk gipfelt nach einem durch seine ungeraden Taktperioden spannenden Menuett in einem Finale, das wie eine Huldigung an Haydn wirkt. Es geht aber in seiner kühnen Kontrapunktik und im schroffen Nebeneinander der Tonarten über jenen hinaus.

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