Konzerte Saison 1977-1978

  • 22.11.1977
  • 20:15
  • 52.Saison
  • Zyklus A
Stadtcasino, Festsaal

Alban Berg Quartett (Wien)

Seit mehr als 25 Jahren, erstmals 1971 im Wiener Konzerthaus, konzertiert das Alban Berg Quartett regelmässig in den Musikmetropolen der Welt, im Rahmen bedeutender Festspiele und führt eigene Zyklen in Wien, London, Paris und Zürich durch. Sein Name, Inbegriff heutigen Quartettspiels, steht für die Affinität des Quartetts zur Wiener Klassik und Romantik wie zur Zweiten Wiener Schule. Wie ernst das Quartett seine Verpflichtung der Musik unserer Zeit gegenüber nimmt, zeigt eine ganze Reihe von Uraufführungen (u.a. Rihm, Schnittke, Berio). Seine Mitglieder sind Professoren an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und an der Musikhochschule Köln (als Nachfolger des Amadeus Quartetts), Ehrenmitglieder des Wiener Konzerthauses und «Associate Artists» des South Bank Centre in London.

Zahllose Platteneinspielungen, darunter die klassisch gewordene Aufnahme von Schuberts Spätwerk (Neuauflage in 4 CDs, auch einzeln erhältlich), belegen das breite Repertoire des Quartetts. Den Einsatz für die Musik des 20. Jahrhunderts dokumentiert die Jubiläums-Edition 1971–1996, 25th Anniversary. «Das Alban Berg Quartett ist ein wertvolles, unersätzliches Stück Musikgeschichte» sagt einer, der es wissen muss: Luciano Berio.

Der in Warschau geborene und gestorbene Witold Lutosławski orientierte sich weder an serieller Zwölftönigkeit noch an einer modern verbrämten Romantik. Das Erlebnis John Cage, nur wenige Jahre vor der Komposition des einzigen Streichquartetts, führte ihn zu aleatorischen Techniken und schlägt sich als «begrenzte Aleatorik» (Lutosławski) im «Ad-libitum-Ensemble-Spiel» nieder. In keinem andern Werk ist sie so deutlich angewandt wie im Streichquartett. Das freie Spiel ohne Rücksicht auf Koordination in gewissen Teilen des Stücks verstärkt die Intensität, da die rhythmische Verschiedenheit Gleichzeitigkeit ausschliesst. Das ganze Werk ist in 51 Teile gegliedert, in denen die vier Instrumente häufig so lange ihren Part spielen, bis gemäss Vorschrift (z. B. «give the 2nd violin a signal that you have finished») eines der Instrumente den andern das Zeichen gibt, dass es das Ende seines Passus erreicht hat. Dann wird die nächste Sektion in Angriff genommen. Der Einführungssatz, der den Hörer auf die neue Klangwelt einstimmen soll, beginnt, bevor die genannten Teile erscheinen, mit einem ausgiebigen rezitativartigen Solo der 1. Violine. Sein Anfang zwischen Wiederholungszeichen soll so lange wiederholt werden, bis das Publikum ganz ruhig ist. Darauf folgen 13 der genannten Sektionen. Sie werden mehrmals durch ein kurzes Motiv (Zweiunddreissigstel auf «C») unterbrochen, dessen Doppeloktaven alle Spieler hintereinander forte vortragen, wobei die einzelnen Instrumente unregelmässig einsetzen sollen. Mit einer kurzen Anspielung im Cello auf das Rezitativ endet der Satz. Der deutlich längere Hauptsatz besteht aus strengen Formteilen, in denen variable Felder von Tönen und Akkorden, die aber vom Komponisten genau vorgeschrieben sind, möglich bleiben. Er beginnt mit einem längeren heftigen Teil mit starken Ausbrüchen, die auch weiterhin auftauchen. Seinen Höhepunkt findet der Satz in der Sektion 42 (Appassionato – Presto) mit einer Steigerung bis zum fff. Der Umbruch folgt in der nächsten Sektion 43 mit leise liegenden Tönen (non vibrato, indifferente), bevor gegen Schluss hin eine Funebre-Passage anschliesst. K. H. Strahmer hat sie als «Signal des Abschieds – Anzeichen der beginnenden Auflösung» bezeichnet. Lutosławski selbst nannte die Schlussepisoden «gewissermassen einen Kommentar zum Vorangegangenen». Die Uraufführung am 12. März 1965 in Stockholm spielte das LaSalle Quartet.

Heitere Leichtigkeit bestimmt auch den einzig ausgeführten Satz von Wolfs Serenade; er entstand in nur drei Tagen vom 2. bis 4. Mai 1887. Ein zweiter Satz wurde später skizziert, eine Tarantella war geplant; doch es blieb beim freien Rondo mit seinem Charme und seiner Eleganz. Wolf wird diese Atmosphäre vier Jahre später in einigen Liedern seines «Italienischen Liederbuchs» wieder aufnehmen.
Im Februar 1923 rief der Wiener Komponist und Kompositionslehrer Arnold SchönBerg seine Schüler zu sich, um ihnen die Theorie vorzustellen, die heute untrennbar mit seinen Namen verbunden ist: die so genannte «Zwölftontechnik», wissenschaftlich «Dodekaphonie». Alban Berg, Schönberg-Schüler seit 1904, wurde als der Vertreter dieser Schule bekannt, der am deutlichsten die Verbindung zu spätromantischer Expressivität aufrecht erhielt. Dies zeigt seine 1925 und 1926 komponierte «Lyrische Suite» für Streichquartett. Es gelang Berg, sein Werk mit einer autobiografischen Ebene zu verbinden, die erst ein halbes Jahrhundert nach Entstehung durch den Musikwissenschaftler George Perle entschlüsselt wurde und zeigt, wie wenig die oft verrufene «Zwölftontechnik» mit kalter Mathematik zu tun hat. Perle entdeckte eine Partitur der Komposition mit von Berg stammenden handschriftlichen Eintragungen, die auf eine programmatische Bedeutung der Musik hindeuten. Hintergrund war die kurze, aber intensive Affäre des (verheirateten) Alban Berg zu der Industriellengattin Hanna Fuchs-Robettin, die in der Komposition durch die Notenkonstellationen A-B und H-F auftaucht. Darüber hinaus ordnen sich die Sätze zu einer Szenenfolge: Der erste etwa zeichnet eine Atmosphäre, «dessen belanglose Stimmung die folgende Tragödie nicht erahnen lässt». Der zweite ist eine «Szene im Hause Hannas», im dritten offenbart das Trio estatico das Liebesgeständnis, dessen Verheimlichung Berg durch den Gebrauch von Dämpfern unterstreicht.

Witold Lutoslawski 1913-1994

Streichquartett (1964)
Introductory Movement –
Main Movement – Funebre

Hugo Wolf 1860-1903

Italienische Serenade für Streichquartett, G-dur (1887)
Sehr lebhaft

Alban Berg 1885-1935

Lyrische Suite für Streichquartett (1926)
Allegretto gioviale
Andante amoroso
Allegro misterioso – Trio estatico
Adagio appassionato
Presto delirando – Tenebroso
Largo desolato