Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzert-Details

141

22.11.1943, 20:00 Uhr ( 18. Saison )
Stadtcasino, Festsaal

Am Vorabend um 20 Uhr im Saale des Kaufmännischen Vereins

Basler Streichquartett [1926-1947] (Basel)

Hirt, Fritz, Violine 1
Felicani, Rodolfo, Violine 2
Bertschmann, Albert, Viola
Wenzinger, August, Violoncello

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 4, c-moll, op. 18 Nr. 4 (1798/1800)

Allegro ma non tanto
Scherzo: Andante scherzoso, quasi Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro – Prestissimo

Streichquartett Nr. 12, Es-dur, op. 127 (1822–25)

Maestoso – Allegro
Adagio, ma non troppo e molto cantabile – Adagio molto espressivo
Scherzando vivace – Allegro – Tempo I – Presto
Finale: (ohne Tempobezeichnung) – Allegro comodo

Streichquartett Nr. 2, G-dur, op. 18, No. 2 (1798/1800)

Allegro
Adagio cantabile – Allegro
Scherzo: Allegro – Trio
Allegro molto quasi Presto

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 12, Es-dur, op. 127)

Am 9. November 1822 richtete Fürst Nikolaus Galitzin an Beethoven die Bitte, für ihn «un, deux ou trois nouveaux Quatuors» zu schreiben. Die Anfrage kam Beethoven, der durchaus nicht immer für Auftragswerke zu gewinnen war, nicht ungelegen. Bereits am 5. Juni 1822 hatte er nämlich dem Verlag Peters ein Quartett in Aussicht gestellt; es war das spätere op. 127. Doch widerrief er das Angebot, da mir etwas anderes dazwischen gekommen. Das «andere» waren die Missa solemnis und die 9. Sinfonie. Im Februar 1824 nahm er die Arbeit am Quartett wieder auf und schloss es im Februar 1825 ab. Es wurde am 6. März 1825 erstmals aufgeführt. Noch während dieser Arbeit, wohl im Herbst 1824, konzipierte Beethoven zwei weitere Quartette, op. 132 und op. 130. Während diese beiden Quartette zusammen mit op. 131 durch ein Viertonmotiv als Keimzelle verknüpft sind, stehen op. 127 und op. 135 für sich. Im Gegensatz zur Dreiergruppe sind beide Quartette leichter fasslich, halten sich auch an die gewohnte Viersätzigkeit. Das op. 127 ist gar ein Werk von weitgehend lyrischem Charakter. Schon der erste Satz beginnt nach sechs Maestoso-Takten teneramente mit einem lang ausgesponnenen, klar gegliederten Thema in Form einer lyrischen Melodie; es beruht allerdings auf einem einzigen schlichten, sequenzartig wiederholten Motiv. Trotz dem g-moll des Seitensatzes und der mehrfachen Wiederaufnahme des Maestoso-Teils wirkt der Satz wie eine Idylle. An zweiter Stelle steht eine Variationenreihe über ein weitgespanntes, rhythmisch einheitliches, kanonartig einsetzendes Thema. Der Charakter wechselt zwischen Unruhe, Munterkeit und Ekstase ab. Das in der üblichen Dreiteiligkeit gehaltene Scherzo ist geprägt von nervöser Unrast; kontrapunktische Arbeit in geflüstertem Piano hat gespenstische Züge. Das Trio wird – fern jeder Behaglichkeit – von fahrigen Violinpassagen und stampfenden Tänzen bestimmt. Der Satz könnte gut als weitere Variationenfolge zum 2. Satz gehören. Das Finale greift auf die Idylle des Kopfsatzes zurück, wirkt volkstümlich, manchmal fast derb, bevor es in der Coda, deren richtiger Charakter wohl eher comodo als con moto ist, in lyrischer Expressivität schliesst.

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 2, G-dur, op. 18, No. 2)

Mit Beethovens Opus 18 steht die Komposition von Streichquartetten im Moment eines entscheidenden Wandels. Es ist kein Zufall, dass dies genau im Zeitpunkt der Jahrhundertwende geschah: Die Klassik eines Haydn und Mozart, die noch vor nicht allzu langer Zeit im Gewande des Rokoko daher gekommen war, neigte sich ihrem Ende zu, eine neue Klassik, die sich mit romantischen Elementen verbinden sollte, stand am Horizont. 1797 hatte Haydn die Quartette op. 76 komponiert und sie 1799 veröffentlicht; in diesem Jahr entstand auch das unvollständige op. 77. Zur gleichen Zeit arbeitete Beethoven erstmals an Streichquartetten. Zuvor oder gleichzeitig hatte er sich in erstaunlicher Weise fast allen Kammermusikgattungen gewidmet und folgende Werke einer Opuszahl, d.h. der Veröffentlichung gewürdigt: Klaviertrios (op.1; um 1794), Klaviersonaten (op. 2, 7, 10, 13 und 14; 1795-99), Streichquintett (op. 4 nach einem früheren Bläseroktett), Cellosonaten (op. 5; 1796), Streichtrios (op.3, 8 und 9; 1798), Violinsonaten (op.12; 1797), Klavierquintett mit Bläsern (op.16; 1796), Hornsonate (op. 17; 1800). Jetzt war die Zeit reif, fühlte er sich reif für die Komposition und Veröffentlichung von Quartetten - kurz danach sollte die 1. Sinfonie folgen.

Natürlich wurzeln die sechs Quartette noch im 18. Jahrhundert und berufen sich auf Haydn und Mozart. Noch einmal taucht auch jene Sechserzahl für ein Opus auf, die für Haydn die Regel gewesen war. Sie zeigen aber auch die Suche nach dem eigenen Stil. (...)

Im Jahre 1800, nach Abschluss aller sechs Quartette, überarbeitete Beethoven die Nummern 1 bis 3 grundlegend. 1801, im Jahr des Erscheinens der dem Fürsten Lobkowitz (dem Auftraggeber?) gewidmeten Quartette, schrieb er an Freund Karl Amenda, dem er das F-dur-Quartett zunächst zugeeignet hatte: "Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiss."

In der Tat kann man die drei ersten Quartette teilweise noch der Spielmusik - wenn auch auf höchstem Niveau - des 18. Jahrhunderts zuweisen. Das wird am 2. Quartett deutlich, dem man im 19. Jahrhundert wegen seiner galanten "Verbeugungen" den Namen "Komplimentierquartett" gegeben hat. Gerade hier aber ist das Scherzo voll entwickelt. (...)

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 4, c-moll, op. 18 Nr. 4)

«Das ist ein rechter Dreck! gut für das Saupublikum.» So reagierte Beethoven, als sich Kritik und Publikum für das c-moll-Quartett des op. 18 begeisterte – ein Quartett in Moll notabene. Doch steht unter den ersten Quartetten gerade dieses Werk stärker im Ruf des Konventionellen als die andern. Noch hatte Beethoven, auch wenn dieses Quartett durchaus ernst sein kann und das Hauptthema des Kopfsatzes Leidenschaftlichkeit zeigt, nicht wirklich zu seinem späteren c-moll-Pathos gefunden. Daher hat man für op. 18/4 eine frühere Entstehung oder eine Übernahme von älterem Material, vielleicht sogar aus der Bonner Zeit, angenommen. In der Entstehungsreihe ist es das fünfte. Bei der Veröffentlichung des op. 18 war Beethoven kein jugendlicher Komponist mehr wie Mozart oder Schubert bei ihren ersten Quartetten und er musste auch nicht die Gattung neu schaffen wie Haydn. Darum ist es nicht wirklich angebracht, bei ihm von «frühen» Quartetten zu sprechen. Umso mehr überraschen die formale Einfachheit und der Verzicht auf Durchführungselemente ebenso wie der wenig individuelle c-moll-Charakter. Und doch zeigt der Kopfsatz ein leidenschaftliches Drängen im zwölf Takte langen Hauptthema. Der Seitensatz (Es-dur) ist aus dem Hauptthema abgeleitet, wirkt aber lyrischer. Dieser doch recht persönlich gehaltene Satz endet ziemlich düster. Einen wirklichen langsamen Satz hat das Quartett nicht. Beethoven wählte stattdessen zwei Varianten: ein Scherzo, das durch seine Staccati scherzhaft wirkt, in der Form aber ein Sonatensatz ist, und ein Menuett mit zahlreichen Sforzati. Dieses ist nun doch noch ein pathetischer c-moll-Satz, zumal er bei der Wiederholung durch die vorgeschriebene Tempoverschärfung an Dramatik gewinnt. Im Finale fühlt man sich trotz heftigen Akzenten an Haydn erinnert; man kann aber auch das wohl gewollt Einfache feststellen.

Die Überarbeitung der früheren Stücke op. 18,1-3 im Jahr 1800 hat einen entscheidenden Schritt vorwärts gebracht. Gleichwohl hat Beethoven nicht auf die Veröffentlichung des 4. Quartetts verzichtet und es auch nicht überarbeitet. Vielleicht hat gerade das Fehlen des allzu Anspruchsvollen dem Werk den Erfolg verschafft. So hat es positive Beurteilungen erfahren, die Beethoven damals nicht anerkennen wollte, wie der zu Beginn zitierte verärgerte Ausruf belegt. Trotzdem war ihm das Stück gut genug für seine erste Quartettsammlung.

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