Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

928

5.12.2017, 19:30 Uhr (Zyklus A 92. Saison)
Oekolampad Basel

Zyklus «Wiener Klassik», 5. Konzert

Quatuor Zaïde (Paris)

Boulin Raulet, Leslie, Violine
Juillard, Charlotte, Violine
Chenaf, Sarah, Viola
Salmona, Juliette, Violoncello

Bereits ein Jahr nach seiner Gründung 2009 gewann das Quatuor Zaïde mehrere Preise, so den Prix de la Presse beim Wettbewerb in Bordeaux, den 1. Preis bei der Charles Hennen International Competition in Heerlen (NL) und den 3. Preis bei der International String Quartet Competition in Banff (Kanada). 2011 folgte der 1. Preis beim Internationalen Musik-Wettbewerb in Beijing. Den grössten Erfolg feierte das Quatuor Zaïde 2012 mit dem Gewinn des Haydn-Wettbewerbes in Wien. Das Ensemble erspielte sich neben dem 1. Preis alle drei Jury-Preise (beste Interpretationen eines Werkes von Haydn, der Zweiten Wiener Schule und des Auftragswerkes des Wettbewerbs). Es konzertierte in bedeutenden Konzertsälen Europas (Philharmonie Berlin, Wigmore Hall London, Musikverein Wien, Théâtre des Champs-Elysées Paris, Cité de la Musique Paris, zudem in Beijing, Boston sowie in Deutschland, den Niederlanden, Italien, Österreich, Griechenland usw.). Das Quartett spielte mit Cellisten wie Julian Steckel und Jérôme Pernoo oder Pianisten wie Alexandre Tharaud und Bertrand Chamayou zusammen. Sein Repertoire umfasst alle Epochen und Stile der Kammermusik, zeigt aber ein besonderes Interesse für zeitgenössische Musik, etwa von Xenakis, Rihm oder Jonathan Harvey, mit dem es Gelegenheit zur Zusammenarbeit hatte. Seit seiner Gründung wird das Quartett regelmässig von Hatto Beyerle betreut und beraten. Es arbeitet auch im Rahmen der ECMA-European Chamber Music Academy mit ihm zusammen.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 35, f-moll, op. 20, Nr. 5, Hob. III:35 (1772)

Moderato
Menuetto – Trio
Adagio
Finale: Fuga a due soggetti

Ignaz Pleyel
1757-1831

Streichquartett D-dur, op. 1/6, Ben. 306

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 14, G-dur, KV 387 (1782)

Allegro vivace assai
Menuetto: Allegretto – Trio
Andante cantabile
Molto allegro

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 35, f-moll, op. 20, Nr. 5, Hob. III:35)

Man hat Haydns f-moll-Quartett als tragisch und als typischen Vertreter der Tonart f-moll bezeichnet oder seine ernste, schwermütige Grundhaltung hervorgehoben. Von einem tragischen Hintergrund wissen wir jedoch nichts. Es ging Haydn wohl eher um Ernsthaftigkeit, welche das op. 20 generell gerade in der Ausarbeitung auszeichnet – es handelt sich also ganz um absolute Musik. Im ersten Satz des Quartetts Nr. 5 entwickelt sich das kantable ausgedehnte erste Thema in mehreren Windungen, bevor es in As-dur wiederholt wird. Auch das zweite Thema steht in As-dur. Das Ende des Satzes bildet eine nicht nur durch ihre Länge aussergewöhnliche Coda; sie schliesst piano in f-moll. Das Menuett steht wie bei zwei weiteren Quartetten des op. 20 an zweiter Stelle. Hier hat man neben der Weiterführung der schwermütigen Stimmung auch einen graziösen, sanften Charakter festgestellt. Das Trio bringt die Tonart F-dur, bildet aber kaum einen Kontrast zum Menuett. F-dur ist auch die Tonart des Adagio. Sein Sechsachteltakt in der Art eines wiegenden Siciliano hellt die Stimmung insbesondere in den Variationen auf. Das Finale (ohne Tempobezeichnung) wird von einer Fuge mit zwei kontrastierenden Themen gebildet. Sie kehrt in ihrer streng konsequenten Ausführung zum Ernst der Anfangssätze zurück. Über die Bedeutung des op. 20 sagte einst Donald Tovey: „Mit Opus 20 erreicht die historische Entwicklung von Haydns Quartetten ihren Endpunkt; und weiterer Fortschritt ist nicht Fortschritt in irgendeiner geschichtlichen Bedeutung, sondern schlicht der Unterschied zwischen einem Meisterwerk und dem nächsten.“ Eines der Probleme, das Komponisten bei der Sonatenform immer wieder beschäftigte (man denke an Beethovens 9. Sinfonie und Grosse Fuge), war die Gestaltung des Schlusssatzes, der gegenüber den andern Sätzen nicht abfallen sollte. Haydn wählte dazu in drei der Quartette des op. 20 eine Fuge, je eine zu 2, 3 und 4 soggetti. Seine intensive Auseinandersetzung mit den sechs Quartetten zeigen Entwürfe, von denen allerdings nur einer erhalten ist. Selbst die Reihenfolge hat er mehrfach geändert. Im Entwurfskatalog von 1772 steht das f-moll-Quartett am Anfang (Haydn bringt zuerst die Fugenquartette mit aufsteigender Anzahl der soggetti), im Druck bei Chevardière (Paris 1774), der die Opuszahl XX festlegt, an zweiter Stelle. Im Druck von ca. 1779, berühmt geworden durch das Bild der Sonne auf dem Titelblatt (darum „Sonnenquartette“), steht es an 5. Stelle; in der Neuausgabe bei Pleyel von 1802 blieb es dabei, weshalb wir das Quartett heute als Nr. 5 bezeichnen. Für die zweibändige Ausgabe bei Artaria (Wien 1800/01) hat Haydn die Werke und die Reihenfolge sorgfältig revidiert. Band I bringt die Quartette in Es (Nr. 1), A (6) und f (5); Band II jene in D (4), C (2) und g (3). Hier stehen also die beiden Moll-Werke jeweils am Ende eines Bandes. H. C. Robbins Landon vermutet, Haydn habe mit dieser Neuordnung möglicherweise sein op. 20 näher zum damals modernen op. 18 Beethovens stellen wollen, gerade mit der Betonung der dramatischsten Werke am Schluss jeder Teilserie.

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 14, G-dur, KV 387)

Über die Entstehungsgeschichte der sechs sogenannten Haydn-Quartette wissen wir wenig, da Mozart in seinen Briefen darüber weitgehend schweigt. Doch zeigt ein Brief vom 26. April 1783 an den Pariser Verleger Joseph Sieber père, dass schon damals ein Zyklus von sechs Quartetten geplant war, obwohl erst KV 387 vorlag. Wie stark auch darin das Vorbild, Haydns op. 33, war, ist unklar. Auf dem Autograph des G-dur-Quartetts vermerkte Mozart, es sei li 31 di decembre 1782 in vienna geschrieben worden. Den neuen Stil – in Anlehnung an Haydns gantz neue Art des op. 33 – zeigt schon der Kopfsatz: ein bewundernswertes, kontrapunktisch angelegtes Hauptthema wird sogleich in motivisch-thematischer Arbeit weitergeführt. Das Menuett ist überraschend ausgedehnt und in raschem Tempo gesetzt; das Trio weicht in dunkles g-moll aus. Das Andante bildet mit seinen drei fein gegeneinander abgesetzten Themen das expressive Zentrum des Werkes, bevor eine gewagte Verbindung von Sonatenform und Fuge das Werk brillant und geistreich-spielerisch abschliesst.

Worin liegen nun Mozarts Neuerungen gegenüber Haydn?

Im oft als «Frühlingsquartett» bezeichneten G-dur-Werk sind es konstruktive Elemente, so die konsequente Anwendung des Sonatensatzes in allen vier Sätzen - ja, auch im Menuett. Gerade dieser Satz wird, äusserlich an der Dauer erkennbar, aufgewertet, hier etwa durch zwei Themen mit melodischer Umkehrung in der Durchführung. Der langsame Satz in C-dur weist zwar keine Durchführung, wohl aber Durchführungselemente auf. Im Finale verbindet Mozart Fuge und Sonatensatz, also kontrapunktische und homophone Elemente. Auffällig für Mozarts neuartige Verarbeitungstechnik ist der Kopfsatz: Statt wie Haydn die Themen in kleinste Motive aufzulösen, setzt er auf die Auflösung vertikal geprägter Harmonik und Akkordspannungen in die melodische Horizontale.