Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

917

20.12.2016, 19:30 Uhr (Zyklus A 91. Saison)
Oekolampad Basel

Schweizer Klaviertrio

Golubeva, Angela, Violine
Neustroev, Alexander, Violoncello
Staub, Martin Lucas, Klavier

Das Schweizer Klaviertrio – Swiss Piano Trio hat seit seiner Gründung 1998 zahlreiche Konzerte in 40 Ländern auf allen Kontinenten gegeben. Dabei konzertierte es in Konzertsälen wie der Tonhalle Zürich, der Victoria Hall Genève, der Wigmore Hall London, dem Concertgebouw Amsterdam, dem Teatro Coliseo Buenos Aires oder dem Shanghai Grand Theater. Es gewann erste Preise beim Internationalen Kammermusikwettbewerb in Caltanissetta 2003 und beim österreichischen Johannes-Brahms-Wettbewerb 2005. Im selben Jahr wurde dem Trio in der Wigmore Hall London der Swiss Ambassador’s Award verliehen. Wichtige künstlerische Impulse erhielt es von Menahem Pressler (Beaux Arts Trio), Stephan Goerner (Carmina Quartett), Valentin Berlinsky (Borodin Quartett), vom Wiener Altenberg Trio, dem Trio di Milano und Mitgliedern des Amadeus Quartetts. Die Musiker folgen regelmässig Einladungen zu renommierten Festivals und leiten Meisterklassen in verschiedenen Ländern. Zahlreiche Radio- und Fernsehaufnahmen dokumentieren das künstlerische Schaffen des Ensembles. Dazu kommen CD-Einspielungen mit Werken von Mozart, Dvořák und von Schweizer Komponisten (Paul Juon, Frank Martin und Daniel Schnyder). Seit 2011 veröffentlicht das Schweizer Klaviertrio seine Einspielungen beim Label audite, wo sämtliche Klaviertrios von Mendelssohn, von Clara und Robert Schumann, Tschaikowsky sowie 2014 die Trios des kaum bekannten, zeitweise auch in Bern tätigen Eduard Franck (1817-1893) erschienen sind. Von der Einspielung aller Klaviertrios von Beethoven liegen inzwischen die Volumina I bis III vor. Von der internationalen Fachpresse werden die Aufnahmen hochgelobt. Das Ensemble setzt sich auch mit Nachdruck für die zeitgenössische Schweizer Musik ein. Das Schweizer Klaviertrio war am 5. Februar 2013 erstmals in unseren Konzerten zu Gast. Im Sommer 2016 hat der langjährige Cellist Sébastien Singer aus gesundheitlichen Gründen seine Position an Alexander Neustroev übergeben.

Clara Schumann-Wieck
1819-1896

Klaviertrio g-moll, op. 17

Allegro moderato
Scherzo. Tempo di Menuetto – Trio
Andante
Allegretto

Robert Schumann
1810-1856

Vier Phantasiestücke für Violine, Violoncello und Klavier, op. 88 (1842)

Romanze a-moll: Nicht schnell, mit innigem Ausdruck
Humoreske F-dur: Lebhaft – Etwas lebhafter
Duett d-moll: Langsam und mit Ausdruck
Finale a-moll: Im Marschtempo – Nach und nach schwächer – Presto

Johannes Brahms
1833-1897

Klaviertrio Nr. 2, C-dur, op. 87 (1880/82)

Allegro
Andante con moto
Scherzo: Presto – Trio: Poco meno presto
Finale: Allegro giocoso

Drei Trios eines Freundes-Trios

«Es geht doch nichts über das Vergnügen, etwas selbst komponiert zu haben und dann zu hören. Es sind einige hübsche Stellen in dem Trio, und wie ich glaube, ist es auch in der Form ziemlich gelungen, aber natürlich bleibt es immer Frauenzimmerarbeit, bei denen es immer an der Kraft und hie und da an der Erfindung fehlt.» Dies schrieb Clara Schumann am 2. Oktober 1848, gut zwei Jahre nach der Komposition, in ihr Tagebuch. Es erstaunt, wie gering sie sich als Komponistin einschätzte. Dass damals aus männlicher Sicht abschätzige Äusserungen über Kompositionen von Frauen üblich waren, verwundert weniger. Die Auffassung eines Hans von Bülow (1830-1894), eindeutig auf Clara bezogen, fiele heute unter die Rubrik ‚incorrectness’: «Reproductives Genie kann dem schönen Geschlecht zugesprochen werden, wie productives ihm unbedingt abzuerkennen ist. Eine Componistin wird es niemals geben, nur etwa eine verdruckte Copistin. Ich glaube nicht an das Femininum des Begriffes: Schöpfer. In den Tod verhasst ist mir ferner alles, was nach Frauenemancipation schmeckt.» Krasser noch tönt es bei Brahms: «Es wird erst dann eine grosse Komponistin geben, wenn der erste Mann ein Kind zur Welt gebracht hat.» Nachdem Clara Roberts d-moll-Trio (zu dem er wohl durch Claras Trio angeregt wurde und das er ihr 1847 zum 28. Geburtstag schenkte) kennengelernt hatte, meinte sie, beeindruckt von dessen Qualitäten 1848 beim Erscheinen ihres eigenen Trios im Druck noch einmal abwertend: «Mein Trio erhielt ich heute auch fertig gedruckt; das wollte mir aber nicht sonderlich auf des Roberts (D-moll) munden, es klang gar weibisch sentimental.» Claras Kompositionen bestanden vor allem aus Klavierstücken und Liedern. Das Trio ist neben dem Klavierkonzert op. 7 der Vierzehnjährigen ihr einziges grösseres Werk. Zudem ist es das einzige veröffentlichte, das die zyklisch-viersätzige Sonatenform aufweist. Es fand sehr wohl positive Beurteilungen und Beifall. Auch Robert war sehr davon angetan und hatte einige Anregungen gegeben, mehr aber nicht. Aus einem älteren, skizzenhaften Autograph (die Druckvorlage ist – wie so oft – verloren) wissen wir, wie sorgfältig Clara selber es überarbeitet und verbessert hat. Doch spielte sie Roberts d-moll-Trio deutlich häufiger als ihr eigenes. Man wird zugeben, dass es im Vergleich idyllischer wirkt als das vor allem im von Clara bewunderten Kopfsatz leidenschaftliche Trio Roberts. Besonders gut gelungen ist das melodiös ausschwingende Andante, in dem Akzente nicht fehlen. Im ersten Satz exponiert die Violine das Hauptthema, bevor das Klavier es übernimmt. Das menuettnahe Scherzo lebt von vorschlagartigen Motiven; im Es-dur-Trio führt das Klavier. Umfassender ist es, auch in technischen Belangen, im Andante (G-dur) eingesetzt. Im Schlusssatz war Mendelssohn besonders vom Fugato der Durchführung beeindruckt. «Weibisch sentimental» ist das Werk nicht. «In einer geradlinigen und kraftvollen Aussage breitet die Komponistin ihren Entwurf aus, führt ihn mit Geschick und Scharfsinn durch und gestaltet ein schönes, hervorragend spielbares Musikstück (Nancy B. Reich).»

Bald nachdem Schumann in seinem Kammermusikjahr 1842 drei Streichquartette sowie das Klavierquintett und -quartett komponiert hatte, wandte er sich der Triobesetzung zu. Im Dezember 1842 entstand ein Klaviertrio in a-moll. Es ist allerdings nicht unter diesem Titel bekannt geworden. Nach der Komposition des Klaviertrios in d-moll im Sommer 1847 erwog Schumann zunächst eine Veröffentlichung dieses a-moll- und des d-moll-Trios (dieses als Nr. 2) unter einer Opuszahl. Doch nach der Komposition des F-dur-Trios ebenfalls 1847 entschloss er sich, die Klaviertrios jeweils unter eigenen Opuszahlen zu veröffentlichen. Dasjenige in d-moll wurde als die Nr. 1 das op. 63, das F-dur-Trio, jetzt die Nr. 2, op. 80. Das a-moll-Trio dagegen gelangte erst 1850 nach einer Überarbeitung zur Veröffentlichung und erhielt die Opuszahl 88. Schumann hatte realisiert, dass die vier Sätze kein geschlossenes Werk darstellten und gab ihnen neu den Titel «Phantasiestücke». Er trifft besonders auf die ersten beiden Stücke zu. Die melodiös-ausdrucksvolle Romanze (a-moll, 6/8-Takt) erinnert an den Typus von Mendelssohns Liedern ohne Worte und umfasst nur 57 Takte. Umfangreicher ist die rhythmisch geprägte Humoreske in F-dur; in Zwischenpassagen wechselt die Tonart nach a-moll, d-moll und B-dur. Violine und Cello bestimmen, sich in den Melodieteilen ablösend, das elegisch-sangliche d-moll-Duett. Der Marsch im Finale wird durch mehrere Zwischenteile unterbrochen; zuletzt erreicht er A-dur, wird immer leiser und endet in sieben Presto-Takten, die zu den zwei fortissimo-Schlusstakten führen.

Als dritter passt Brahms in dieses «Trio-Trio», hatte er doch enge Beziehungen zu beiden Schumanns. Die Freundschaft mit Clara dauerte bis ins Alter. Claras Trio hat er am 17. Dezember 1854 in Hamburg gespielt. Sein eigenes 1. Klaviertrio (H-dur) vom Januar 1854 darf man in der Erstfassung als eine Art Liebeserklärung an Clara auffassen. Danach hat Brahms mehr als 25 Jahre gewartet, bis er seinem (lässt man ein ihm zugeschriebenes A-dur-Trio ausser Betracht) ersten Klaviertrio ein neues folgen liess. Es waren sogar zwei geplant, doch ist das gleichzeitig in Bad Ischl begonnene Es-dur-Fragment verschollen. Dem umfangreichen Opus 8 von 1854 mit seiner Demonstration gelehrten kompositorischen Könnens und emotionalen Übersteigerungen stellte er nun ein knapperes, konzentriertes Werk gegenüber. Die vier Sätze des op. 87 dauern nur wenig länger als die beiden ersten der Erstfassung von op. 8. Gleichwohl stehen im 1880 entstandenen Kopfsatz den beiden Hauptthemen nicht weniger als sechs Nebengedanken gegenüber, was den ersten Brahms-Biographen nach dessen Tod, Heinrich Reimann, 1897 zur Kritik veranlasst hat, es seien «etwas heterogene Stimmungen aneinandergeschweisst». Die drei übrigen Sätze kamen erst 1882 dazu. Das Andante in a-moll ist ein Variationensatz über ein pathetisches Thema mit magyarischem Einschlag. Auf das spukhafte, von einem klangvollen Trio unterteilte Scherzo folgt ein helles, oft geistreich-witziges Finale in Form eines Sonatensatzes. Clara Schumann war ganz begeistert: «Welch ein prachtvolles Werk ist das wieder! Wie vieles entzückt mich darin, und wie sehnsüchtig bin ich, es ordentlich zu hören. Jeder Satz ist mir lieb, wie herrlich sind die Durchführungen, wie blättert sich da immer ein Motiv aus dem anderen! – Wie reizend ist das Scherzo, dann das Andante mit dem anmutigen Thema, das eigentümlich klingen muss in der Lage der doppelten Oktaven, ganz volkstümlich!» Die Uraufführung fand am 29. Dezember 1882 mit Mitgliedern des Joachim-Quartetts und dem Komponisten am Klavier in Frankfurt statt, nur knapp drei Wochen, nachdem Brahms seinen «Gesang der Parzen» in Basel zur Uraufführung gebracht hatte.