Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

910

22.3.2016, 19:30 Uhr (Zyklus B 90. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Szymanowski Quartett (Hannover)
Claudia Jahn, Sprecherin

Kotów, Grzegorz, Violine
Szymczewska, Agata, Violine
Mykytka, Vladimir, Viola
Sieniawski, Marcin, Violoncello

Jahn, Claudia, Sprecherin

Seit seiner Gründung 1995 hat sich das Szymanowski Quartett, bestehend aus Musikern der Ukraine und aus Polen, innerhalb kürzester Zeit zu einem der bemerkenswertesten Streichquartette seiner Generation entwickelt. Die kammermusikalische Ausbildung erhielt das Quartett an der Musikhochschule Hannover von Hatto Beyerle. Neben der regen Konzerttätigkeit verfeinerte es seine Interpretationen ausserdem durch wiederholte Arbeit mit Isaak Stern, Walter Levin, dem Amadeus und Emerson Quartett, dem Juilliard Quartett, dem Guarneri Quartett und zuletzt im Dialog mit Alfred Brendel. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, wie etwa bei den Wettbewerben von Melbourne, Osaka und Florenz, bestätigen das aussergewöhnliche Niveau des Quartetts. Von 2001 bis 2003 war das Ensemble «New Generation Artists» der BBC und erhielt 2005 als erstes Streichquartett den renommierten Szymanowski-Preis. 2007 wurde es für seine Verdienste an der polnischen Kultur von der polnischen Regierung mit der Ehrenmedaille ausgezeichnet. Das Szymanowski Quartett hat in zahlreichen grossen Konzerthäusern wie der New Yorker Carnegie Hall, der Londoner Wigmore Hall, im Amsterdamer Concertgebouw, im Wiener Musikverein, in Paris, Berlin, Hamburg, Leipzig, im Beethovenhaus Bonn etc. gastiert. Es ist auch gern gesehener Gast bei international renommierten Festivals. Jährliche Tourneen führen das Quartett auch in die USA und nach Kanada. Im Jahr 2008 hat das Quartett das Lviv Chamber Music Festival gegründet. Dieses Projekt rückt mit Lemberg eine Stadt in den Mittelpunkt, die an der Grenze zwischen der Ukraine und Polen liegt und zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Seit dem ersten Auftritt in unseren Konzerten am 15. Oktober 2013 mit Werken von Haydn, Trümpy (UA), Beethoven und Szymanowski hat Agata Szymczewska den früheren Primgeiger abgelöst.

Claudia Jahn, Sprecherin

Claudia Jahn wird in Jena geboren und studiert Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. Es folgen Engagements an den Städtischen Bühnen Nürnberg, am Staatstheater Stuttgart und am Schauspielhaus Hamburg. 1994 gewinnt sie den Darstellerpreis der Bayerischen Theatertage und wird 1997 zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt. Von der Spielzeit 2008/2009 bis Juni 2015 war sie festes Ensemblemitglied am Theater Basel.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett op. 51 Hob. III/50–56 «Die Sieben Worte des Erlösers am Kreuz» (1785/86? bzw. 1787)

Introduction: Maestoso ed Adagio, d-moll
Largo, B-dur: Pater dimitte illis, non enim sciunt, quid faciunt.
Grave e cantabile, c-moll/C-dur: Amen, dico tibi: Hodie mecum eris in paradiso.
Grave, E-dur: Mulier, ecce filius tuus, et tu, ecce mater tua.
Largo, f-moll: Eli, Eli, lama sabachtani?
Adagio, A-dur: Sitio.
Lento, g-moll/G-dur: Consummatum est.
Largo, Es-dur: Pater, in tuas manus commendo spiritum meum.
Finale: «Il Terremoto». Presto con tutta la forza, c-moll

Haydn in Südspanien

Es könnte überraschen, dass sich Haydns Ruf als eines bedeutenden Komponisten nicht nur in Mitteleuropa verbreitet hat und bekanntlich nach London gedrungen ist, sondern dass er auch in eine vermeintlich abgelegene Stadt im äussersten Südwesten Spaniens «jenseits der Säulen des Herakles» gelangt ist. Aber Spanien war eine Musiknation mit grosser eigener Musikproduktion, auch im Instrumentalbereich, und die Entwicklungen im nördlichen Europa und insbesondere in Italien waren bekannt. Zugewanderte italienische Komponisten und Instrumentalisten beeinflussten Spaniens Musik. Am bekanntesten ist Boccherini, der 1769 nach Madrid kam, wo er am Hofe musizierte und zeitweise im Dienste des Königs stand. Natürlich hatte Madrid ein anderes Gewicht als die Provinzstadt Cádiz, mochte sie auch eine weltoffene Hafenstadt sein. Doch auch da war man offenbar über die Entwicklung der europäischen Musik im Bilde. Bei dem in Mexiko geborenen, aus reichem Haus stammenden Padre Santamaría (José Sáenz de Santa María, Marqués de Valde-Iñigo 1738-1804), Priester in Cádiz, ist das der Fall. Er war es, der Haydn eine meditative Orchestermusik für die Karfreitagsliturgie in dem von ihm geförderten Oratorio de la Santa Cueva (nicht wie oft fälschlich zu lesen für die Kathedrale) bestellte. Sie sollte in sieben Sonaten die letzten Worte Christi darstellen, mehr aber noch zur Meditation darüber anregen. Vor jedem Satz las der Priester in der schwarz verhüllten Kirche das jeweils zugehörige Wort und stellte eine Betrachtung dazu an. Haydn führte die Komposition vielleicht 1785 oder 1786 aus. Die Aufführung soll am 6. April 1787 stattgefunden haben, was aber wie alle andern nicht genau belegten erwähnten Daten ungesichert ist, da sich die Korrespondenz zwischen Cádiz und Haydn nicht erhalten hat. Die «Sieben letzten Worte» werden bis heute jedes Jahr in der Karwoche in Cádiz aufgeführt.

Das Werk war bereits vor dem genannten Datum in Wien im Palais des Fürsten Auersperg am 27. und in Bonn am 30. März 1787 zu hören. Fand also in Cádiz keine Uraufführung statt? Oder sind die «7 wort» (so Haydns Bezeichnung) vielleicht früher entstanden und auch früher in Cádiz aufgeführt worden? Eine Aufführung bei Graf Walsegg, dem späteren Auftraggeber von Mozarts Requiem, fand 1787, aber wohl später, statt. Dass das Werk Erfolg hatte, zeigen die Bearbeitungen. Auch Haydn selbst hielt es für eines seiner besten Werke. Neben der wohl bekanntesten Fassung für Streichquartett von 1787 gibt es eine gleichzeitige, von Haydn durchgesehene Klavierfassung und eine spätere eigene Oratorienversion (um 1795/96). Die Einrichtung der Quartettfassung war problemlos und brauchte nur wenige Eingriffe, da die Bläser in der Originalversion meist mit den Streichern zusammengehen und fast nur der klanglichen Bereicherung dienen. Die Orchester-, Quartett- und Klavierversion erschienen im Juli 1787 bei Artaria in Wien. Seinem Londoner Verleger William Forster – der allerdings mit der Orchesterversion keinen Erfolg hatte – kündigte Haydn das Werk am 8. April 1787 folgendermassen an: ein ganz neues werck. bestehend in blosser Instrumental Music, abgetheilt in 7 Sonaten, wovon jede Sonate 7 bis 8 Minuten dauert, nebst einer vorhergehenden Introduction, zu lezt ein Terremoto, oder Erdbeben. diese Sonaten sind bearbeitet, und angemessen über die wort, so Christus unser Erleser am Creutz gesprochen. [...] Jedwede Sonate, oder Jedweder Text ist bloss durch die Instrumental Music dergestalten ausgedruckt, dass es den unerfahrensten den tiefesten Eindruck in Seiner Seel Erwecket, das ganze werk dauert etwas über eine stunde, es wird aber nach jeder Sonate etwas abgesetzt, damit man voraus den darauf folgenden Text überlegen köne.

Haydns Aufgabe war, wie er selber sagt, «keine von den leichtesten», denn der Gegenstand erforderte die Komposition von sieben langsamen Sätzen, die ohne äusserlichen Kontrast der Trauer Ausdruck geben sollten. Das mag der Grund gewesen sein, das Werk mit dem wirkungsvollen «Terremoto» abzuschliessen, wie dies auch in barocken Passionsmusiken üblich war. In fünf Sätzen – die Ausnahmen sind Nr. 5 und 7 – gestaltet Haydn die Musik, indem er die 1. Violine das jeweilige Wort in der lateinischen Form rhythmisch und deklamatorisch aufnehmen lässt und es so zur Grundlage seines Themas macht. Der Charakter der Sätze ist durchaus verschieden: Auf das Pathos der Einleitung, das Christus auch als Triumphator zeigt, folgt die chromatische Seufzersprache des ersten Wortes und die Kantabilität der Paradiesesverheissung des zweiten. Sanft erklingt der Dialog mit der Mutter und Johannes, schmerzlich die Fragen des vierten Wortes. Von Verhaltenheit zum Pathos steigert sich das Mich dürstet, von Schmerz zum Trost das Es ist vollbracht. Fast liedhaft zuversichtlich wirkt «der Gebetston in der Transzendenz-Tonart» Es-dur (L. Finscher), bevor das tonmalerische Nachspiel das Erdbeben vergegenwärtigt. Haydn hat sich den Vortrag der Quartettfassung wohl wortlos vorgestellt und darum die kleine Pause zwischen den Sonaten vorgesehen, damit man voraus den darauffolgenden Text überlegen köne. Es ist aber durchaus üblich geworden, anstelle der Pausen moderne Texte treten zu lassen, so auch heute.

In diesen Pausen werden in unserer Aufführung Texte von Walter Jens vorgetragen. Jens, 1923 in Hamburg geboren und am 9. Juni 2013 in Tübingen gestorben, war Altphilologe und Literarhistoriker, aber auch Schriftsteller. Von 1963 bis 1988 hatte er den Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen inne, seit 1989 war er Präsident der Berliner Akademie der Künste. Er galt als einer der profiliertesten Intellektuellen Deutschlands, der sich bewusst regelmässig in das kulturelle und politische Geschehen einmischte und dies auch für die Pflicht eines Intellektuellen hielt. Er hat sich auch mit theologischen Fragen und religiösen Texten auseinandergesetzt.