Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

907

23.2.2016, 19:30 Uhr (Zyklus B 90. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Athenäum Quartett (Berlin)
Beethoven Quartett

Dinca, Laurentius, Violine
Schulze, Stephan, Violine
Küssner, Walter, Viola
Igelbrink, Christoph, Violoncello

Bartha, Mátyás, Violine
Bonitz, Laurentius, Violine
Aristakesyan, Vahagn, Viola
Conrad, Carlos, Violoncello
Kostyák, Botond, Kontrabass

Das Athenäum-Quartett besteht aus langjährigen Mitgliedern der Berliner Philharmoniker. Laurentius Dinca kam 1984 als Erster Geiger zum Orchester, Stephan Schulze bereits ein Jahr zuvor in die Gruppe der Zweiten Geigen. Der Bratscher Walter Küssner und der Cellist Christoph Igelbrink gehören den Philharmonikern seit 1989 an. Nach seinem Debüt 1990 im Kammermusiksaal der Philharmonie startete das Quartett eine intensive Konzerttätigkeit im In- und Ausland. Tourneen führten es nach Japan, Italien, Österreich und Portugal. Das Ensemble, das sich neben dem klassisch-romantischen Repertoire verstärkt der modernen Musik widmet, gastiert seit 1995 auch während der Salzburger Osterfestspiele in der Reihe «Kontraste».

Das BeethovenQuartett wurde 2006 in Bonn, der Geburtsstadt Beethovens, gegründet und hat jetzt seinen Sitz in Basel. Es öffnet sich nicht nur der Moderne, sondern will auch anregen und animieren zu neuen musikalischen Experimenten und Denkfiguren. Durch ein konzentriertes und thematisiertes Jahresprogramm zeigt das Quartett seinen Stil: in der Schweiz und im sonstigen Europa, aber auch auf anderen Kontinenten. So spielte es im November 2012, neben Werken von Beethoven, die Erstaufführung des Streichquartetts «Madrigaux» (2012) von Jean-Jacques Dünki in sieben Konzerten in China, in Kiev und im Moskauer Tschaikowsky Konservatorium. Ein weiterer Schwerpunkt ist – im Jahr 2014 beginnend – eine jährliche Serie von Konzerten und Produktionen unter dem Titel «Verborgene Schönheit – Das Klang-Idyll Schweiz» mit «Schweizer Komponisten zwischen Romantik und Moderne».

Botond Kostyak, Kontrabass, stammt aus Cluj und studierte in Bukarest. Er ist Solo-Kontrabassist im Orchestre National de Lyon und unterrichtet an der Hochschule für Musik Basel sowie am Konservatorium Wien.

Louis Spohr
1784-1859

Doppelquartett Nr. 1, d-moll, op. 65 (1823)

Allegro
Scherzo. Vivace
Larghetto
Finale. Allegro molto

Richard Strauss
1864-1949

Metamorphosen (Erstfassung für 7 Streicher) (1944/45)

Andante – Agitato – Adagio, tempo primo – Sehr langsam (In memoriam)

Max Bruch
1838-1920

Oktett B-dur für 2 Violinen, 2 Violen, Violoncello und Kontrabass, op. post. (1920)

Allegro moderato
Adagio – Andante con molto di moto
Allegro molto

Aus Randbereichen der Kammermusik

Louis (Taufname Ludewig) Spohr war als Geigenvirtuose, Dirigent, Komponist, Organisator und Pädagoge europaweit aktiv. Sein Kammermusikoeuvre, darunter über 30 Streichquartette, ist umfangreich. Eine ihm eigene Gattung ist das Doppelquartett. Dazu hat ihn der Geiger und Komponist Andreas Romberg (1767-1821), sein Nachfolger als Konzertmeister in Gotha, angeregt, «als wir das letzte Mal vor seinem Tode Quartett spielten». Romberg schrieb damals an einem d-moll-Doppelquartett, das wegen seines Todes am 10. November 1821 unvollendet blieb. Spohr komponierte das eigene d-moll-Werk im März 1823. «Ich stellte mir die Aufgabe, wie auch er sie aufgefasst hatte, zwei Quartetten, neben einander sitzend, ein Musikstück ausführen zu lassen und das achtstimmige nur für die Hauptstellen der Komposition aufzusparen. Ich hatte die Freude zu bemerken, dass seine Wirkung weit über die der einfachen Quartetten und Quintetten hinausreichte. (...) Ein Oktett für Streichinstrumente von Mendelssohn-Bartholdy gehört nämlich einer ganz andern Kunstgattung an, in welcher die beiden Quartette nicht doppelchörig miteinander konzertieren und abwechseln, sondern alle acht Instrumente zusammen wirken.» Das Typische hört man gleich in den ersten Takten: Die ersten vier spielen die acht Spieler unisono; in Takt 5 hat das zweite Quartett ein kurzes «Solo», bevor das erste die Führung übernimmt. Nach drei weiteren Takten spielt das Quartett 2 wiederum unisono das Hauptmotiv, während die erste Violine des Quartetts 1 das Thema in anderer Tonart und rhythmisch verschoben dagegen stellt. Im Scherzo (g-moll, 6/4-Takt) wechseln staccato-Passagen mit legato zu spielenden ab. Das Trio in G-dur hat eine durchgehende rhythmische Struktur im Quartett 2, während Quartett 1 zu Beginn, jeweils auf eine Stimme reduziert, das melodiöse Element vertritt. Die Scherzowiederholung endet mit einem Rückgriff auf das Trio. In den 54 Takten des Larghetto teilen sich beide Quartette die vielfach wiederholte Melodie. Das Finale in D-dur beginnt mit einer den Satz bestimmenden abwärts geführten leisen Achtelfolge im Cello 1. Sie wird von Viertelbewegungen der Bratsche abgelöst; dazu stellt das Cello das Thema vor. Gegen Ende sind in Quartett 1 wieder die Achtelfolgen zu hören. Sie gehen in einen heftigen Aufschwung über, der über liegenden D-dur-Akkorden im Quartett 2 in die ff-Schlussakkorde mündet. Nach dem Erfolg dieses ersten schrieb Spohr 1827 bis 1847 drei weitere Doppelquartette.

Die «Metamorphosen. Studie für 23 Solostreicher» sind eines der bedeutendsten Spätwerke von Strauss. Sie waren ein Auftragswerk von Paul Sacher für das Collegium Musicum Zürich, welches sie am 25. Januar 1946 uraufführte. Der 81-jährige Strauss, damals in Baden AG lebend, war bei den Proben anwesend und dirigierte auf eigenen Wunsch einen Durchlauf des Werks, verzichtete aber auf die Anwesenheit im Konzert. Die Basler Erstaufführung fand am 28. Mai 1947 statt. Die Entstehungsgeschichte ist komplex. 1990 fand man in der Schweiz das Particell einer früheren Fassung. Zudem erwähnte Sacher 1995 in einem Gespräch, Strauss habe sich – wann genau, ist unklar – von ihm einen Kompositionsauftrag gewünscht. Den Wunsch übermittelte Willi Schuh. Nach einem Gespräch im August 1944 in Sils-Maria zwischen Sacher, Karl Böhm und Schuh gelangte, von Böhm übermittelt, Sachers Auftrag für eine Streicherkomposition an Strauss. Dieser schrieb Böhm am 30. September, er arbeite «schon seit einiger Zeit an einem Adagio für etwa 11 Solostreicher». Er hatte die Komposition vermutlich im Frühjahr 1944 begonnen, liess aber das Stück liegen. Später reduzierte er die elf Streicher auf sieben und führte das Werk bis zum 31. März 1945 weitgehend zu Ende. Die Fassung für 23 Streicher entstand vom 13. März bis 12. April zum Teil parallel und hat wohl ihre Ursache in Sachers Wunsch nach einer grösseren Besetzung. Das nicht ganz vollständige Particell hat der Cellist Rudolf Leopold unter Beizug der Endfassung spielbar gemacht und dabei die originale Modulation am Schluss beibehalten. «Metamorphosen», nicht etwa Variationen nannte der Komponist das in drei nicht voneinander abgesetzte Hauptteile (langsam – schnell – langsam) gegliederte Stück. Dazu kommt eine Coda von elf Takten. Die Themen verwandeln sich im Verlauf des Stücks beinahe unmerklich, werden wieder aufgegriffen und umgeformt. Erst am Beginn der Coda wird das Ziel dieses ständigen Wandels klar: Strauss zitiert den Beginn des Trauermarsches aus Beethovens «Eroica» und schreibt dazu: «In memoriam». Das Werk wird so als Klagegesang fassbar, dessen Ursachen die Ereignisse gegen Ende des Krieges bilden, nicht zuletzt die Zerstörung der für Strauss so wichtigen Opernhäuser in Weimar, Dresden, Wien und München und des Goethehauses, «der Welt grösstes Heiligtum». Der Titel verweist auf Goethes Metamorphose-Auffassung. Strauss hatte, wie wiederum Sacher berichtet, kurz zuvor zum zweiten Mal in seinem Leben Goethes Gesamtwerk zu Ende gelesen.

Das Streichoktett ist Bruchs letztes Werk, sieben Monate vor seinem Tod vollendet. Er hat es sich wohl von seinem Freund und Auftraggeber, dem Geiger Willy Hess, noch privat vorspielen lassen. Dass es nicht bekannt wurde, mag daran liegen, dass der Erzromantiker und Brahms-Bewunderer Bruch 1920 nicht mehr der Zeit entsprach; man hat ihn als «Fremdkörper» bezeichnet. Der Hauptgrund war, dass die Partitur lange Zeit vergessen war. Nachdem sie durch viele Hände gegangen war, tauchte sie erst 1986 bei einer Auktion in New York auf und gelangte später in die Österreichische Nationalbibliothek. Gedruckt wurde sie 1996. Heute wird das Werk nicht selten aufgeführt. Natürlich handelt es sich um ein zutiefst romantisches und melodisch geprägtes Werk. Bereits 1867 hatte Bruch bemerkt, er habe, seit er «zurechnungsfähig» sei, immer «den Hauptnachdruck auf die Melodik» gelegt. So beginnt der Kopfsatz mit einem lyrischen Thema in B-dur in Viola und Violine. Es folgen dramatischere Partien in D-dur und d-moll mit dem lebendigen Seitenthema. Die lyrischen und dramatischen Gedanken werden kombiniert und entwickelt. Das Adagio in es-moll beginnt leise mit einem einprägsamen rhythmischen Motiv, das später immer wieder auftaucht. Man hat diesen Teil tragisch, elegisch oder melancholisch genannt und vermutet, er sei unter dem Eindruck des Todes von Bruchs Frau Clara im Vorjahr entstanden. Daneben finden sich durchaus helle Passagen. Auffällig ist der Andante-Teil in H-dur mit einer lyrischen Melodie in der Violine, der die Schwermut wegzuwischen scheint. Nach Rückkehr der es-moll- und H-dur-Partien wendet sich der Satz zum Schluss nach Es-dur. Man hat das Gefühl, Bruch habe die tragischen Ereignisse überwunden. Das Finale jedenfalls lebt von Schwung und brillanter Virtuosität mit kürzeren lyrisch-kantablen Einschüben. Mit diesem an Mendelssohn erinnernden Satzcharakter gibt sich der alte Bruch geradezu als jung Gebliebener.