Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

903

24.11.2015, 19:30 Uhr (Zyklus B 90. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Zemlinsky Quartett (Prag)

Souček, František, Violine 1
Střížek, Petr, Violine 2
Holman, Petr, Viola
Fortin, Vladimír, Violoncello

Das Zemlinsky Quartett knüpft seit seinem Bestehen 1994 an die reiche Tradition der tschechischen Quartett-Schule an. Es gewann den ersten Preis im Internationalen Wettbewerb für Streichquartett in Bordeaux (2010), ist Preisträger des Prager Frühlings und der internationalen Streichquartettwettbewerbe im kanadischen Banff und in London, wo es zugleich den Publikumspreis errang. Auch aus anderen Wettbewerben ging es als Sieger hervor. Im Jahre 2005 wurde dem Quartett der Preis des Tschechischen Vereins für Kammermusik verliehen und 2009 der Förderpreis des Alexander-Zemlinsky-Fonds in Wien. Sein Repertoire umfasst mehr als 200 Werke führender tschechischer und internationaler Komponisten. Nach den erfolgreichen Einspielungen tschechischer Musik auf den ersten beiden CDs erhielt das Zemlinsky-Quartett einen exklusiven Aufnahmevertrag mit der französischen Firma Praga Digitals. Für sie hat es vierzehn Titel aufgenommen, darunter eine Reihe von vier CDs mit dem frühen Quartettschaffen Dvořáks, wofür es den prestigeträchtigen „Diapason d´Or“ erhielt. Während des Studiums am Prager Konservatorium und an der Prager Musikhochschule wurde das Quartett zunächst von Musikern renommierter tschechischer Kammerensembles geschult (Prager Streichquartett, Talich-, Kocian- und Pražák-Quartett). Später studierte das Quartett bei Walter Levin (LaSalle-Quartett) in Basel. Hier unterrichteten seine Mitglieder in den Jahren 2006-2011 selbst als Assistenten in der Kammermusikklasse der Hochschule für Musik. Zudem lehrten sie an der Internationalen Sommer-Musikakademie in Pilsen, die sie mitorganisierten (2007-2011). Im Rahmen ihrer Tourneen geben sie Meisterkurse für Studenten sämtlicher Alterskategorien. F. Souček und P. Holman haben seit kurzem Lehraufträge am Prager Konservatorium. Das Zemlinsky Quartett gastierte am 23. Oktober 2012 in unseren Konzerten und spielte dabei Werke von Beethoven (op. 18/1), Dünki (UA) und Zemlinsky (Nr. 1).

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquartett Nr. 1, A-dur, op. 2, B 8 (1862, rev. 1887)

Andante – Allegro
Andante affettuoso ed appassionato
Allegro scherzando
Finale. Allegro animato

Ernst Krenek
1900-1991

Streichquartett Nr. 7, op. 96 (1943/44)

Allegro ma non troppo, grazioso e dolce –
Adagio –
Allegro ma non troppo, ben misurato, con passione –
Andante sostenuto (Interlude) –
Allegretto con grazia, scherzando e teneramente

Arnold Schönberg
1874-1951

Streichquartett Nr. 1, d-moll, op. 7 (1905)

1. Teil: Nicht zu rasch – 2. Teil: Kräftig – 3. Teil: Mässig –
4. Teil: Mässig – heiter

In Dvořáks Frühwerk, insbesondere bei den Sinfonien und Streichquartetten, herrschte lange Zeit Unklarheit bezüglich Vorhandensein, Reihenfolge und Bedeutung. Bei den Quartetten waren die Nummern 2 bis 4 (wohl 1869 bis 1870, alle ohne Opuszahl, B 17-19) lange verschollen, da Dvořák die Partituren offenbar vernichtet hatte. Erst um 1960 wurden die Stimmen wieder aufgefunden und 1962-68 veröffentlicht. Mit dem Erscheinen von Jarmil Burghausers (Kürzel: B) Werkkatalog 1960 (2. Aufl. 1996) klärte sich die Situation. Eine andere Geschichte hatte das heute aufgeführte A-dur-Quartett, das seit der Entstehung als die Nummer 1 galt. Der gerade 21-jährige Dvořák hatte es ein halbes Jahr nach einem Streichquintett in a-moll op. 1 (B 7) im März 1862 komponiert, ihm die Opuszahl 2 gegeben und es seinem Lehrer Josef Krejcí gewidmet. Ob es je (offiziell) aufgeführt wurde, ist unklar. Im Gegensatz zum Quintett, an dem er nichts zu ändern fand, nahm er sich das Quartett 1887 wieder vor, da er es für unvollkommen und für zu lang hielt. Er sah aber in dem durchaus ambitionierten Stück genug Qualitäten, um es zu revidieren und zu erhalten. (Weitere Kürzungen sind, je nach aufführendem Quartett, in Tschechien bis heute üblich, sodass nicht gesagt werden kann, welche Fassung jeweils gespielt wird.) Der Kopfsatz ist ein schulmässiger Sonatensatz mit langsamer Einleitung von 38 (bzw. gekürzt 13) Takten. Er beginnt mit einem kraftvollen Thema und weist eine Menge an Detailideen auf, schafft aber keine wirkliche Einheit. Allerdings lässt sich durch Kürzungen eine konsequentere Abfolge der Gedanken herstellen. Das Adagio wirkt mit einem unerschöpflichen melodischen Fluss und findet in seiner Kantabilität durchaus zu eigenem Ton. Im kurzen Scherzo, dem wohl gelungensten Satz, bei dem es nichts zu kürzen gibt, kommen Witz und Feinheit zum Vorschein; das Trio ist dank unkonventioneller Harmonik interessant. Das ebenfalls als Sonatensatz gestaltete Finale zeigt neben kantablen Passagen den gewohnt munteren Charakter. Gegen Schluss des mit einer Stretta endenden Satzes lässt Dvořák die langsame Einleitung zum Kopfsatz anklingen und bildet so eine Klammer über das ganze Werk hinweg.

Der in Wien geborene (und zeitweise über Paul Sacher und Werner Batschelet auch mit Basel verbundene) Ernst Krenek war Schüler von Franz Schreker, dem er 1920 nach Berlin folgte. Hier wandte er sich allerdings gemäss eigenen Aussagen „von der spätromantischen Schreibweise meines Lehrers“ ab und näherte sich der freien Atonalität Schönbergs mit einigen Einflüssen Bartóks an (Quartette Nr. 1-3). 1923 lebte er in der Schweiz. In den Zwanzigern erfolgte „das Erlebnis meiner ersten Begegnung mit der westlichen Welt, mit Jazz und Neoklassizismus“. In diese Schaffensphase gehört neben dem 4. Streichquartett Kreneks wenigstens dem Titel nach bekanntestes Werk „Jonny spielt auf“. Später folgte eine „Schubert-Phase“ (5. Streichquartett, „Reisebuch aus den Österreichischen Alpen“). Ab 1930 stand die Hinwendung zur Zwölftontechnik im Zentrum mit einem Höhepunkt im 6. Streichquartett und in der Oper „Karl V.“ (1930-33), einem Kompositionsauftrag der Staatsoper Wien. Seit 1933 war Kreneks Musik in Deutschland verboten. Auch „Karl V.“ konnte 1934 in Wien nicht uraufgeführt werden (UA 1938 in Prag). Darum emigrierte Krenek 1938 in die USA, wo er sich mit alter Musik des Gregorianischen Chorals und des 14./15. Jahrhunderts (Ockeghem etc.) beschäftigte und als Lehrer wirkte. 1945 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an, reiste aber ab 1950 häufig nach Europa, fühlte er sich doch immer als Europäer. Auch das 7. Quartett gehört der Zwölftonphase an, „doch wird die grundlegende Reihe etwas freier behandelt“. Krenek schrieb: „Das 1944 entstandene Quartett besteht aus 5 Sätzen, die durchgehend gespielt werden. Das thematische Material des ersten Satzes wird in den nächsten Sätzen mit manchen Veränderungen und in vielen Kombinationen weiterentwickelt. Der dritte Satz ist eine Fuge mit 3 Themen, die durch Inversion imitiert werden. Der letzte Satz ist ein lebhaftes Rondo, das mit einem erneuten Erscheinen der einleitenden Themen endet. Das Werk basiert auf einer Zwölftonreihe, die sich selten als Einheit zeigt. Sie ist in kleinere Gruppen von Tönen aufgeteilt, die als Grundmuster verwendet und vielfältig kombiniert werden.“ So kann z. B. eine Tongruppe 1-2-3-4-5-6 zu einer neuen 2-3-4-5-6-1 umgeformt werden. Das Werk endet mit einer Rückkehr zum Anfangsthema und zeigt dadurch eine dem Komponisten wichtige konzentrische Form. Es wurde vom Kolisch-Quartett uraufgeführt und gilt als Hauptwerk jener Schaffensperiode. 37 Jahre später schrieb Krenek noch ein einsätziges 8. Quartett (op. 233), in dem er aus allen früheren Quartetten mit Ausnahme des siebten zitiert.

1936 verfasste Schönberg für Schallplattenaufnahmen eine Analyse seiner Streichquartette. Zum ersten bemerkte er: "Danach (gemeint: nach Verklärte Nacht op. 4 und Pelleas und Melisande op. 5 [rs]) gab ich die Programmmusik auf und wandte mich in eine Richtung, die sehr viel mehr meine eigene war als jede vorher. Es war das Erste Streichquartett, op. 7, in dem ich alle Neuerungen meiner Zeit – einschliesslich meiner eigenen – zusammenfasste. Dazu gehörten: der Aufbau sehr grosser Formen; weitgespannte Melodik über einer reich bewegten Harmonie und neuen Klangschritten; und eine Kontrapunktik, die die Probleme löste, die sich aus den überbürdeten, individualisierten, sich frei in entfernteren Regionen der Tonalität bewegenden und häufig in vagierenden Harmonien zusammenklingenden Stimmen ergeben hatten. In Anpassung an die Überzeugung der Zeit vereinigte diese Grossform alle vier Charaktere der Sonate in einem ununterbrochenen Satz. Durchführungen fehlten nicht, auch eine gewisse thematische Einheit innerhalb der kontrastierenden Abschnitte war erreicht worden. Die grosse Ausdehnung erforderte eine sorgfältige Konstruktion." Die erwähnte „Grossform“ geht auf Schubert, insbesondere auf die Wandererfantasie oder auf die f-moll-Fantasie für Klavier zu vier Händen, und auf Liszts Klaviersonate zurück. Es war diese Form, welche bei der Uraufführung von Schönbergs Quartett durch das Rosé-Quartett 1907 in Wien Skandal machte. Was Schönberg über den Verzicht auf Programmmusik sagt, stimmt nicht ganz, obwohl er natürlich aus der späteren Sicht diesen Aspekt möglichst ausklammern wollte. In seinem Skizzenbuch von März 1904 bis 1905 hat der Komponist nämlich ein ausführliches, erst 1984 veröffentlichtes Programm, verbunden mit formalen Aspekten, festgehalten. Es handelt von intensiven Gefühlen, Auflehnung, Angst, Verzweiflung und – „neues Leben fühlend“ – vom Versuch ihrer Überwindung, dann zum Schluss vom Wiederfinden „von Ruhe und Harmonie“ durch Heimkehr. In der Analyse von 1936 werden diese programmatischen Begriffe durch weitgehend musikalische und formale ersetzt.