Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

837

9.2.2010, 20.15 Uhr (Zyklus B 84. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Fauré Quartett (Bonn)

Geldsetzer, Erika, Violine 1
Frömbling, Sascha, Violine 2
Heidrich, Konstantin, Violoncello
Mommertz, Dirk, Klavier

Der Geburtstag des Komponisten Gabriel Fauré jährte sich 1995 – im Jahr der Gründung des Fauré Quartetts – zum 150. Mal. Aus Liebe zu den beiden Klavierquartetten Faurés gab sich das Ensemble dessen Namen. Getroffen haben sich die vier Musiker als Studenten der Karlsruher Musikhochschule, der sie nach wie vor verbunden sind, jetzt als Quartet in Residence. Heute konzertiert das Fauré Quartett, welches mittlerweile als eines der renommiertesten deutschen Kammermusikensembles gilt, auf den wichtigsten internationalen Podien in aller Welt. Etwa 30 Rundfunk- und Fernsehanstalten strahlten weltweit Sendungen über das Quartett, meist Live-Mitschnitte, aus. Das Alban Berg Quartett, von dem es vier Jahre in Köln kontinuierlich betreut wurde, trug massgeblich zu seiner Entwicklung bei. Nach dem 2005 abgeschlossenen Plattenvertrag mit der Deutschen Grammophon wurden pünktlich zum Mozartjahr die beiden Klavierquartette des Komponisten veröffentlicht. 2008 erschien eine CD mit den Klavierquartetten op. 25 und op. 60 von J. Brahms, 2009 Arrangements von Popsongs. Weitere CD-Aufnahmen mit Werken von Fauré, Dvořák, J. Suk und Th. Kirchner wurden bei ARS MUSICI aufgenommen. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen dokumentieren die erfolgreiche Arbeit des Ensembles. Das Quartett spielte im November 2007 bei uns Klavierquartette von Mozart (KV 493), Fauré (Nr. 1) und Brahms (Nr. 1).

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Klavierquartett Nr. 1, g-moll, KV 478 (1785)

Allegro
Andante
Rondo: Allegro

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Klavierquartett Nr. 3, h-moll, op. 3 (1825)

Allegro molto
Andante
Allegro molto
Finale: Allegro vivace

Robert Schumann
1810-1856

Klavierquartett Es-dur, op. 47 (1842)

Sostenuto assai – Allegro ma non troppo
Scherzo: Molto vivace – Trio I – Trio II
Andante cantabile
Finale: Vivace

Quartette – für einmal mit Klavier

Angesichts der Meisterwerke, welche die beiden Klavierquartette Mozarts darstellen, ist es bedauerlich, dass ein geplantes drittes nicht zustande kam. Die neuartige Gattung, zudem mit so viel neuartiger Musik und ernsthaftem Anspruch verbunden, hatte beim damaligen Publikum keinen Erfolg, obwohl sie im Bereich der Kammermusik das Pendant zu den Klavierkonzerten bildet, die zu den beliebtesten und schönsten Instrumentalwerken Mozarts gehören. Man spürt auch hier Mozarts Vorliebe und Vertrautheit mit seinem eigenen (Haupt-)Instrument überall. Die Quartette sind allerdings echte Kammermusik, nicht wie die auch mit Klavier und Streichquartett aufführbaren Klavierkonzerte KV 413-415 und 449 (1782-84). Das Klavier ist bei aller Virtuosität vorbildlich ins Gesamtgefüge eingebaut. So wird das g-moll-Quartett im Unisono aller vier Instrumente mit einer impetuosen Fanfarengeste dramatisch eröffnet. Das Klavier kontert mit einer vehementen punktierten Aufwärtsbewegung, welche zunächst, noch immer im forte, in eine abwärts führende Tonleiter mündet. Die Passage endet piano mit einem weiterhin wichtigen Motiv. Sogleich wird die ganze Passage harmonisch variiert wiederholt. Dann übernehmen die Streicher die Führung, während das Klavier daneben seinen Oktavsprung aufwärts abwandelt; mit diesem Motiv kommt es zu einer weiteren unisono-Passage. Dann kehrt das Kopfmotiv, zuerst in den Streichern, dann im Klavier, wieder. Schon der so einfach wirkende Beginn belegt die sorgfältige Ausarbeitung. Die Tonart g-moll zeigt sich in diesem Satz nicht, wie öfter bei Mozart, von der traurig-empfindsamen Seite, sondern dramatisch. Der Satz endet in einer vehementen Coda, worin die Streicher das Kopfmotiv pathetisch den virtuosen Sechzehntelfiguren des Klaviers entgegensetzen. Damit ist es mit der Dramatik in diesem Werk vorbei. Das herrliche Andante in B-dur setzt mit dem vom Klavier eingeführten innigen Thema den grössten denkbaren Kontrast. Wer im Finale eine Rückkehr zu Klang und Tonart des Kopfsatzes erwartet, sieht sich getäuscht. Ein konzertantes, wieder vom Klavier solo eröffnetes G-dur-Rondo führt das Werk spielerisch-virtuos zum Ende. Das heitere Thema stünde jedem Klavierkonzert gut an, doch ist das Gleichgewicht nie verschoben. Mozart nimmt im Klavier zwei eingängige Themen vorweg, das Hauptthema seines D-dur-Rondos KV 485 (Januar 1786) sowie einen Voranklang an das Andante-Thema aus Haydns Paukenschlagsinfonie (1792), allerdings ohne dessen Überraschungseffekt. Mozart hat im Autograph den Finalsatz nicht bezeichnet; alla breve genügte ihm offenbar. Im Erstdruck (Hoffmeister, Wien 1785/86) erscheint Rondeau und erst 1823 in der sorgfältigen Ausgabe von J. André die wohl doch apokryphe Tempoangabe Rondo. Allegro moderato, die heute auch in der NMA und in Urtextausgaben auftaucht.

Es ist immer interessant zu sehen, welche ihrer Werke Komponisten als erste der Veröffentlichung für wert erachten und mit einer Opuszahl versehen. Beim 13- bis 15-jährigen Mendelssohn waren es drei Klavierquartette (ein weiteres war 1821 vorangegangen), welche die Opuszahlen 1 bis 3 erhielten. Die Tonarten dieser Werke sind ebenfalls aufschlussreich: d-moll, c-moll, f-moll und h-moll. Da wollte einer zeigen, was er drauf hat. Und nehmen wir die Widmungsträger dazu, so ahnen wir dasselbe: Zumindest Nr. 2 und 3 sind keine Kinderarbeiten mehr. Nr. 2 wurde dem gestrengen Lehrer Carl Friedrich Zelter gewidmet, das von Oktober 1824 bis Januar 1825 entstandene dritte keinem Geringeren als „à son Excellence Monsieur le Conseiller Aulique, Ministre d’Etat von Goethe“, bei dem ihn Zelter 1821 eingeführt hatte. Der Kopfsatz beginnt mit einem Motiv, welches auch im Scherzo und im Finale auftaucht. Der komplex gestaltete Satz umfasst einen rascheren Mittelteil mit ständig wechselnder, nicht fassbaren Harmonik. Das Andante in E-dur hat ein schönes Thema, wirkt aber etwas blass. Im vom Klavier dominierten Scherzo (im Autograph als Intermezzo bezeichnet) in fis-moll finden wir erstmals das für Mendelssohn so typische Perpetuum mobile. Die Streicher halten dem mit ihren teils kräftigen Einwürfen entgegen. Das umfangreiche Finale in einem ganz eigenen Mendelssohn-Ton ist komplex gebaut. Ausgehend von einem tarantellahaften Rhythmus im Klavier wird es immer dämonischer und endet in einer Fuge.

Am 8. Juni jährt sich Schumanns Geburtstag zum 200. Mal. In den letzten Konzerten der Saison stehen drei Werke, zwei Streichquartette und das Klavierquartett, auf dem Programm. Die drei Streichquartette, die Schumann als Gegenpol zur Klavierkomposition anging („das Klavier wird mir zu enge“ schrieb er 1838 an Clara) sowie das Klavierquintett und -quartett sind im Kammermusikjahr 1842 entstanden. Offenbar war es Schumann wichtig, nach den Streichquartetten auch die Kombination des eigenen Instruments mit Streichern auszuprobieren. Beide Werke wurden parallel im Oktober/November 1842 geschrieben und stehen in derselben Tonart. Das Klavier verbindet sich darin mit dem zuvor erprobten Streicherklang. Impulsives Drängen und Versonnenheit, Ausbruch und Schwärmerei, Florestan und Eusebius, die zwei Seelen in Schumanns Brust, sprechen die dem noch immer jungen Komponisten eigene Sprache. Im Kopfsatz des Quartetts führt eine pianissimo-Einleitung an das Hauptthema heran: Die Streicher nehmen das Kopfmotiv des Allegro, rhythmisch und in der Artikulation verändert, vorweg. Das Klavier, von den Streichern zunächst im Kopfmotiv nur rhythmisch unterstützt, trägt es dann im raschen Tempo vor und verbindet sein mehrfaches Erscheinen mit einer einstimmigen Reihe von Achteln. Das Seitenthema in g-moll besteht aus aufsteigenden Achteln und absteigenden Vierteln, die jeweils das Klavier kurz vor den Streichern erklingen lässt. Vor der Durchführung wiederholt Schumann die langsame Einleitung in der Grundtonart mit leichten Änderungen. Durchführung und Reprise gehen mit Vehemenz voran; erst in der Coda führt ein ritardando zur Ruhe zurück – eine kurze heftige Passage mit Klavierakkorden und einer tiefen Es-Oktave im Klavier bilden den Schluss. Das fünfteilige Scherzo stellt den staccato und meist im Piano verlaufenden Hauptteil in der Art eines Perpetuum mobile zwei ruhigeren Trios gegenüber, welche aber auf die staccato-Passagen zurückgreifen. Das Andante ist einer der schönsten Sätze Schumanns. Man muss in aller Ruhe einfach zuhören, wie es durch eine Reihe von Variationen hindurchführt. Zu beachten ist allenfalls, mit welcher blinden Virtuosität der Cellist das von Schumann vorgeschriebene Umstimmen („Hier stimmt das Violoncello die C-Saite um einen Ton tiefer nach B“) vornimmt. Das Finale, ein Sonatenrondo, beginnt mit einem Thema, welches dem des Kopfsatzes ähnelt. Aus seinen Sechzehntelläufen entwickelt sich die dramatische Energie des Satzes, die in der Coda wieder auftaucht und das Quartett zu seinem schwungvollen Ende führt.

rs