Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

835

26.1.2010, 20.15 Uhr (Zyklus A 84. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Juilliard Quartet (New York)

Eanet, Nick, Violine 1
Copes, Ronald, Violine 2
Rhodes, Samuel, Viola
Krosnick, Joel, Violoncello

Das Juilliard String Quartet ist sicher eines der legendärsten Streichquartette überhaupt. 1946 von Robert Mann (Mitglied bis 1997) gegründet, führt es seinen hervorragenden Ruf auch nach über sechzig Jahren weiter. Nick Eanet, ein früherer Schüler von Robert Mann, später erster Geiger beim Mendelssohn String Quartet und Konzertmeister des Metropolitan Opera Orchestra, ist im Juli 2009 als erst dritter Primgeiger nach dem Gründer selbst und Joel Smirnoff (er wurde 2008 Präsident des Cleveland Institute of Music) dazugekommen. Das Quartett war zwischen 1976 und 1999 sechsmal in unseren Konzerten zu Gast; der Bratscher (Mitglied seit 41 Jahren) und der Cellist (ab 1974) waren damals bereits immer dabei. Ronald Copes hat 1997 Joel Smirnoff, seinerseits Nachfolger von Earl Carlyss, bei seinem Wechsel ans erste Pult abgelöst. Der Einsatz des JSQ für die Werke der Klassik (mit Beethovenzyklen und -einspielungen), der Romantik, des 20. Jahrhunderts, etwa mit Schönberg oder Bartók (erste zyklische Aufführung der Quartette in Amerika 1948), und der Moderne (mehr als 60 Uraufführungen amerikanischer Werke; Aufführungen der Quartette Elliott Carters zu dessen 100. Geburtstag etc.) kann hier nicht genauer dargestellt werden – man kennt ja die Leistung dieses einzigartigen Quartetts. Zahllose Platteneinspielungen (seit 1949 bei Sony), darunter viele Referenzaufnahmen, belegen diesen Einsatz und die Bedeutung des JSQ über sechs Jahrzehnte hin – auch sie brauchen hier nicht aufgezählt zu werden. Das JSQ ist Quartet in residence an der New York City’s Juilliard School; seine Mitglieder haben als Professoren zur Ausbildung zahlreicher heute nicht weniger berühmter jüngerer Quartette, etwa des Emerson String Quartet, beigetragen.

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 3, D-dur, op. 44, Nr. 1 (1838)

Molto allegro vivace
Menuetto: Un poco Allegretto
Andante espressivo ma con moto
Presto con brio

Mario Davidovsky
1934-

Streichquartett Nr. 5 "Dank an Opus 132" (1998)

Robert Schumann
1810-1856

Streichquartett Nr. 3, A-dur, op. 41/3, Felix Mendelssohn-Bartholdy gewidmet (1842)

Andante espressivo – Allegro molto moderato
Assai agitato (con variazioni) – Un poco adagio – Tempo risoluto
Adagio molto
Finale: Allegro molto vivace – Quasi Trio

Mendelssohn hat die drei Quartette op. 44 in der Reihenfolge 2, 3 und 1 in den Jahren 1837 und 1838, zehn Jahre nach op. 13 und 12, komponiert. Die Nr. 1 hat er in der ersten Fassung im April 1838 in Leipzig begonnen und am 24. Juli 1838 in Berlin abgeschlossen. Alle drei Werke hat er vor der Drucklegung – sie erschienen 1839 mit einer Widmung an den schwedischen Kronprinzen bei Breitkopf und Härtel in Leipzig – überarbeitet. In Leipzig fand am 16. Februar 1839 auch die Uraufführung des op. 44/1 statt. Mendelssohns Freund, der Gewandhauskonzertmeister Ferdinand David, spielte es mit drei anderen Mitgliedern des Gewandhausorchesters. Wie oft bildet das letzte Werk eines Zyklus – man denke an Beethovens op. 59 – die Synthese der vorangehenden Stücke, ist ausgeglichener, konziser in Form und Ausdruck. Dies gilt auch für Mendelssohns op. 44. Das D-dur-Quartett ist wohl das eleganteste, brillanteste und virtuoseste, aber auch das ausgeglichen regelmässigste der drei Stücke. Schwungvoll eröffnet die 1. Violine den Kopfsatz mit dem ersten Thema; sie führt auch sonst häufig und vermittelt mit virtuosen Übergängen zwischen den Hauptteilen des Satzes. Dies gibt dem Satz, ja dem ganzen Werk den Charakter eines Quatuor brillant; man hat es sogar ein verkapptes Violinkonzert genannt. Kein Zweifel, dass Mendelssohn dabei an seinen Freund David gedacht hat. Das Menuett wirkt scheinbar altertümlich; darauf wird der Komponist angespielt haben, wenn er vom „Rococogeschmack“ des Werks gesprochen hat. Im Trio brilliert wieder die 1. Violine. Das Menuett steht in enger Verbindung mit dem folgenden Andante, was wohl auch dessen Charakter mitbestimmt hat. Es bietet – auch wieder nur scheinbar – ein typisches Lied ohne Worte, vorgetragen wiederum von der 1. Violine, doch wird die Gesangslinie speziell in der Reprise von Figuren und raschen Bewegungen überlagert, wie sie für Mendelssohns Scherzi typisch sind. Die beiden Sätze verbinden in sich somit in neuartiger Weise Elemente von Intermezzo, langsamem Satz und Scherzo. Das rasante Finale wirkt vor allem durch seinen Impetus und kehrt das Moment des virtuos Brillanten noch stärker hervor als der Kopfsatz.

Mario Davidovsky wurde in Médanos, Argentinien, geboren. Seine Familie gab ihm Interesse an der Musik und am Judentum mit; sein Vater lehrte ihn das Geigenspielen. Er studierte in Buenos Aires, später bei Aaron Copland und Milton Babbit in Lenox, Massachusetts. Zunächst unterrichtete er in Buenos Aires, später an der Manhattan School und am Columbia-Princeton Electronic Music Center in New York City. 1994 wurde er Professor in Harvard. Er hat neben Orchesterwerken und Werken mit jüdischem Hintergrund oder Text vor allem Kammermusik und Elektronische Musik geschrieben. Er arbeitete, nicht zuletzt als technischer Mitarbeiter, eng mit Edgar Varèse zusammen, mit dem er befreundet war. Seinen ersten Erfolg erlebte er 1954 mit dem 1. Streichquartett. Nach 1970 traten die elektronischen Kompositionen in den Hintergrund und die Kammermusik in verschiedensten Besetzungen und Kombinationen wurden ihm wichtig. Er hat mehrere Preise (u.a. Pulitzer Prize 1971) und Kompositionsaufträge erhalten. Sein 5. Streichquartett (Dauer: 12 Minuten) hat er 1998 für das Mendelssohn String Quartet (in dem heute Nicholas Mann, der Sohn des Gründers des JSQ, die 2. Geige spielt) geschrieben und nutzte diese Komposition auch gleich, um seine Verbundenheit und Vertrautheit mit der klassischen Kammermusik zu demonstrieren. Der Untertitel bezieht sich auf Beethovens 15. Streichquartett in a-moll, op. 132, speziell auf dessen langsamen Satz, den Heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart. Das Werk ist somit ein Dank an einen Dank. Davidovsky sagt dazu: “For my Fifth String Quartet, I took some intervallic material from the very beginning of the first section of the slow movement of Beethoven’s Quartet: [the intervals of] a sixth, a fifth and a minor third. These become important generative cells of my piece and sometimes they seem distantly to echo the Heiliger Dankgesang itself. Large segments of my Quartet depict agitated and unstable landscapes and suggest bits of fragmented stories, projecting a musical narrative seemingly far removed from the peaceful, sublime and famous movement by Beethoven that generated it. Although the two pieces seem to be unrelated, my modest composition would not have existed without the ‘Big Bang’ impressions that have lingered in my memory since I first heard Beethoven’s work. My String Quartet No. 5 is in one, relatively short movement.”

Am 8. Juni jährt sich Schumanns Geburtstag zum 200. Mal. In den letzten vier Konzerten der Saison verweisen drei Werke, zwei Streichquartette und das Klavierquartett, darauf. Schumanns Schaffen verlief lange in Schüben: Auf die Klavierjahre folgten das Liederjahr 1840, das Sinfoniejahr 1841 und das Kammermusikjahr 1842. Bereits 1838/39 hatte Schumann an Streichquartette gedacht. An Clara schrieb er am 11. Februar 1838: „Auf die Quartette freue ich mich selbst, das Klavier wird mir zu enge, ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann, namentlich ist es sonderbar, wie ich fast alles kanonisch erfinde.“ Ehe er dann seine Idee 1842 mit gleich drei Quartetten in die Tat umsetzte, studierte er die Quartette Mozarts und Beethovens, aber auch Mendelssohns op. 44, das offensichtlich auch in der Anzahl zum Vorbild wurde. Er widmete sein op. 41 denn auch Mendelssohn; formal hält er sich mehr an dieses Vorbild als etwa an Beethoven. Noch 1847, als er sich mit der Komposition von Klaviertrios wieder der Kammermusik zuwandte, freute er sich an seinen einzigen Streichquartetten: „Ich betrachte sie noch immer als mein bestes Werk der früheren Zeit, und Mendelssohn sprach sich oft in demselben Sinne aus.“ Das 3. Quartett darf wohl als der Höhepunkt des op. 41 gelten (Mendelssohn gab allerdings bei der ersten privaten Aufführung der Nr. 1 den Vorzug), ist es doch wohl das klangschönste und kühnste. Innerhalb des Werks dürfte der 2. Satz der ungewöhnlichste sein, ein Pseudo-Scherzo, das sich zu einer Folge von vier Variationen in fis-moll entwickelt. Nach der ruhig-sanglichen dritten (Un poco adagio) und der schwungvollen vierten beschliesst eine ruhige Coda den Satz mit schönen Gesangslinien. Der erste Satz beginnt mit einem versonnenen, pausendurchsetzten Andante, welches die im ganzen Satz bedeutsame fallende Quinte exponiert und nahtlos ins ruhige Allegro überleitet. Dieses ist in seinen Einzelteilen, von denen Schumann die Exposition wiederholen lässt, knapp gehalten. Der Satz endet mit der fallenden Quinte im Cello. Vor dem heiteren Finale, einem Rondo mit beinahe haydnschem Humor, das von sanglichen Einschüben unterbrochen wird, erklingt ein ebenfalls rondoartig angelegtes Adagio in D-dur, das von ausdrucksvoller Lyrik geprägt ist. Es klingt wie eine Hommage an Mendelssohn und ist vom ständigen Wechsel von Dur und Moll geprägt.

rs