Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

830

17.11.2009, 20.15 Uhr (Zyklus A 84. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Wiener Klaviertrio (Wien)

Redik, Wolfgang, Violine
Gredler, Matthias, Violoncello
Mendl, Stefan, Klavier

Das Wiener Klaviertrio wurde 1988 gegründet. Es betrieb intensive Studien beim Trio di Trieste, beim Beaux Arts-Trio und beim Haydn Trio Wien, bei Isaac Stern und Joseph Kalichstein sowie bei Mitgliedern des LaSalle- und des Guarneri Quartetts. Nach Auftritten in Wien debütierte es 1993/94 in New York und London mit grossem Erfolg. Es gastiert bei Musikfestivals (Schubertiade Schwarzenberg, Aix en Provence, Mozartwoche Salzburg, Beethoventage Bonn, Kammermusikfestival Kuhmo/Finnland) sowie auf ausgedehnten Tourneen in Musikmetropolen wie London, Paris, New York, Buenos Aires, Bogota, Toronto, Montreal, Mexico City, Tokio, Sydney, Brüssel, Barcelona und Berlin. Seit der Saison 2006/2007 hat das Ensemble einen eigenen Zyklus von vier Konzerten für die Wiener Konzerthausgesellschaft im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses. Seine Aufnahmen umfassen bei Nimbus Records Werke von Haydn, Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Dvorak, Schostakowitsch und Schnittke. Seit 2002 spielte es für Dabringhaus & Grimm die Klaviertrios von Schubert (mit beiden Finale-Versionen in op. 100) (2002), Dvořák (2004), Schönberg, Zemlinsky, Mahler (Klavierquartettsatz) (2005), Tschaikowsky, Smetana (2008) und Haydn (2009) ein. Viele dieser Aufnahmen wurden mit Preisen ausgezeichnet. Neben seiner Konzerttätigkeit widmet sich das Ensemble immer häufiger dem Unterrichten. Die drei Musiker leiteten Meisterklassen in London, Sydney, Wellington/Neuseeland sowie in Finnland, Frankreich und in den USA. Das Wiener Klaviertrio gastierte erstmals 2000 in unseren Konzerten, dann 2002, 2004 und 2006. Dabei hat es uns den vollständigen Zyklus der Klaviertrios Schuberts (mit der vollständigen Version des Finales im Es-dur-Trio) dargeboten. Die Basler Zeitung betitelte 2004 ihre Kritik mit „Hohe Schule des Trios“ und der Kritiker war des Lobes voll über das Spiel der drei Künstler.

Joseph Haydn
1732-1809

Klaviertrio Nr. 41, es-moll, Hob. XV:31, „Sonata Jacob’s Dream“ (1794/95)

Andante (cantabile)
Allegro (ben moderato)

Robert Schumann
1810-1856

Klaviertrio Nr. 3, g-moll, op. 110 (1851)

Bewegt, doch nicht zu rasch – Rascher
Ziemlich langsam – Etwas bewegter – Erstes Tempo
Rasch – Etwas zurückhaltend bis zum langsameren Tempo – Erstes Tempo –
Sehr rasch
Kräftig, mit Humor

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Klaviertrio Nr. 2, c-moll, op. 66 (1845)

Allegro energico e con fuoco
Andante espressivo
Scherzo: Molto allegro quasi presto
Finale: Allegro appassionato

Das zweisätzige 41. Trio Haydns führt uns wieder nach London zur hervorragenden Aachener Pianistin und Clementi-Schülerin Therese (Bartolozzi-) Jansen, bei deren Hochzeit am 16. Mai 1795 Haydn Trauzeuge war. Wir sind ihr dort in der letzten Saison im Zusammenhang mit den Trios Hob. XV:27 und 29 begegnet. Auch bei der Sonata mit dem Titel „Jacob’s Dream“ spielte sie den (Klavier-)Part. Der erste Haydn-Biograph Albert Christoph Dies überliefert 1810 dazu die anekdotische Geschichte (Se non è vero...): „[Haydn] stand in London in genauer Bekanntschaft mit einem deutschen Musikliebhaber, der sich auf der Geige eine an Virtuosität gränzende Fertigkeit erworben, aber die üble Gewohnheit hatte, sich immer in den höchsten Tönen, in der Nähe des Steges zu versteigen. Haydn nahm sich vor, einen Versuch zu machen, ob es nicht möglich wäre, dem Dilettanten seine Gewohnheit zu verleiden und ihm Gefühl für ein solides Spiel beyzubringen. Der Dilettant besuchte oft eine Demoiselle J[ansen], die mit grosser Fertigkeit das Pianoforte spielte, wozu er gewöhnlich akkompagnirte. Haydn schrieb ganz in der Stille eine Sonate für das Pianoforte mit Begleitung einer Violine, betitelte die Sonate Jakobs Traum und liess sie versiegelt, ohne Nahmensunterschrift durch sichere Hände, der Demoiselle J. überliefern, die auch nicht weilte, die dem Anschein nach leichte Sonate, in Gesellschaft des Dilettanten zu probiren. Was Haydn vorher gesehen hatte, traf richtig ein; der Dilettant blieb immer in den höchsten Tönen, wo die Passagen überhäuft waren, stecken, und sobald Demoiselle J. dem Gedanken auf die Spur kam, dass der unbekannte Verfasser die Himmelsleiter, die Jakob im Traum sah, habe vorstellen wollen, und sie dann bemerkte, wie der Dilettant auf dieser Leiter bald schwerfällig, unsicher, stolpernd, bald taumelnd, hüpfend auf und abstieg: so schien ihr die Sache so kurzweilig, dass sie das Lachen nicht verbergen konnte, während der Dilettant auf den unbekannten Compositor schimpfte, und dreist behauptete: derselbe wisse nicht für die Violine zu setzen. Nach fünf oder sechs Monathen entdeckte es sich erst, dass die Sonate Haydn zum Author habe, der nun dafür von der Demoiselle J. ein Geschenk erhielt.“ Wenn das keine tolle Geschichte ist! Interessant ist allerdings, dass nicht von einem Trio die Rede ist, sondern offenbar, wie wir dies heute bezeichnen würden, von einer Violinsonate. Haydn schickte im Jahr der Veröffentlichung, die erst 1803 in Wien erfolgte und bei der er den ursprünglichen Titel wegliess, das Werk ebenfalls als Sonate nach Paris für die Frau des Generals Moreau. Das Cello scheint also eher beiläufig dazugekommen zu sein. Das Werk besteht aus dem später komponierten ernsten Variationen-Rondo in es-moll und dem virtuosen „Traum“-Allegro in einer lockeren Mischung von Sonatensatz und Rondo in Es-dur.

Das letzte der vier Klaviertrios Schumanns (Fantasiestücke 1842, Nr. 1 und 2 1847) ist in der kurzen Zeit vom 2. bis 9. Oktober 1851 in Düsseldorf entstanden und Niels W. Gade gewidmet. Als Spätwerk hat es das Stück schwerer gehabt als die früheren Trios, herrscht doch bis heute das Vorurteil vor, Schumanns späte Werke seien weniger bedeutend, nur ein Abglanz des früheren Schaffens, was man mit seiner psychischen Krankheit in Verbindung brachte. Die Äusserung von Wilhelm Joseph von Wasielewski, der am 27. Oktober bei der ersten Probe die Violine spielte, bekräftigt dieses Vorurteil. „Diesem originellen Werke liegt in den drei ersten Sätzen eine gereizte, düstere Stimmung zu Grunde, welche nicht gerade zum Mitgenuss einladet. Schumann mochte dies selbst empfunden haben, und hatte daher gesucht, dem Finale einen humoristisch schwungvollen Ton zu geben. Er meinte aber selbst, nachdem er’s gehört, es habe damit nicht so recht gehen wollen.“ Gewiss liegt über dem ganzen Werk eine Unruhe, aber ob sie als Gereiztheit interpretiert werden darf, ist fraglich. Sie macht sich gleich im Hauptthema des Kopfsatzes mit Auf- und Abwärtsbewegungen (Dezime aufwärts und danach None abwärts) bemerkbar. Trotzdem ist der Satz von beeindruckender Geschlossenheit. Der im Schema A – B – A’ – Coda gehaltene langsame Satz in Es-dur sorgt zunächst im 12/8-Takt mit seinen melodischen Bögen für Ruhe, bevor im B-Teil (f-moll, 9/8) mit einem Anklang an das Hauptthema des 1. Satzes die Unruhe wieder zum Vorschein kommt. Dieses Thema klingt auch im fünfteiligen Scherzo (c-moll) an; es steht überraschend im 2/4-Takt und sorgt gleich für Erregung. Doch die beiden Trios geben Gegensätze dazu: das erste in C-dur mit synkopierten Rhythmen durch Zurückhaltung, das zweite (As-dur) in trochäischem Rhythmus durch tanzhafte Fröhlichkeit. Das Finale hatte Schumann zuerst mit Mässig überschrieben, änderte dies jedoch in Kräftig, mit Humor. Der erwünschte Humor wirkt etwas gezwungen; gleichwohl hat der Satz Schwung, trotz einem Rückgriff auf das Seitenthema des 1. Trios im Scherzo. Mit dem Hauptthema schliesst er in G-dur. Clara empfand das Werk als „durch und durch von Leidenschaft“ bestimmt, was man nicht abstreiten kann. Schumann selbst schrieb am 27. Oktober ins Haushaltbuch: „Probe zum Trio zum ersten Mal, Freude.“

Sechs Jahre nach dem ersten Trio hat Mendelssohn in einer Phase, in welcher er die Ruhe suchte und auf Reisen verzichtete, in Frankfurt eine zweites, wieder in Moll, geschrieben und es Louis Spohr gewidmet. Es hat nicht ganz die Beliebtheit des früheren Werks erreicht, obwohl es an Schwung und Dramatik dem ersten Trio nicht nachsteht. Es ist das komplexere Werk und seine Entstehung war komplizierter als beim Trio op. 49. Das gilt vor allem für den Klavierpart, über den Felix an seine Schwester Fanny schrieb: „Das Trio ist ein bisschen eklig zu spielen.“ Das Werk ist dramatischer angelegt, worauf schon die Bezeichnung des Kopfsatzes hinweist: Allegro energico e con fuoco. Sein wenig melodiöses Hauptthema, das sich zunächst wie eine Begleitfigur anhört, schraubt sich im pianissimo in sechs Takten immer weiter empor, bevor es im siebten zum Grundton C zurückfällt. Es eignet sich aber gut für kontrapunktische Verarbeitung. Im Höhepunkt dominieren heftige Oktavgänge und kräftige Akkorde des Klaviers. Das Andante in Es-dur mit seinen Kantilenen kehrt die vorangehenden Leidenschaften ins Idyllische, bleibt aber blass. Grandios und im Klavier besonders „eklig“ ist das Scherzo in g-moll mit dem graziösen Trio in G-dur. Mendelssohn wiederholt zum Schluss nicht einfach den Scherzoteil, sondern verkürzt ihn und verbindet ihn mit Themen des Trios. Höhepunkt des ganzen Trios ist das leidenschaftliche Finale mit drei Themen, die intensiv verarbeitet werden. Das erste, heftig bewegte Thema beginnt mit einem die Bewegung gleichsam anreissenden Nonensprung. Die weiteren Themen beruhigen das Geschehen. Besonders wichtig wird das dritte, ein Choral („Vor deinen Thron tret ich hiermit“ bzw. „Herr Gott, dich loben alle wir“). Er führt in der Coda in Kombination mit dem 1. Thema das Werk zum krönenden Abschluss in C-dur.

rs