Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

821

6.1.2009, 20:15 Uhr (Zyklus B 83. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Haydn Trio Eisenstadt (Eisenstadt)

Stourzh, Verena, Violine
Gradwohl, Hannes, Violoncello
Kosik, Harald, Klavier

1992 gegründet, spielt das Haydn Trio Eisenstadt seit 1998 in der heutigen Besetzung. Studien in der Kammermusikklasse der Wiener Musikhochschule wurden durch die Teilnahme an Meisterkursen des Trio di Trieste ergänzt. Das Trio gehört zu den führenden Kammermusikensembles Österreichs. Eine rege Konzerttätigkeit im In- und Ausland sowie eine Vielzahl von CD-Einspielungen dokumentieren den hervorragenden Ruf des Trios. Der Fokus des Trios ist zur Zeit stark auf das Haydn-Jahr 2009 zum 200. Todestag von Joseph Haydn gerichtet. Es wird als musikalischer Botschafter der Heimatregion Haydns die ganze Welt bereisen. Im Juni 2008 hat das Ensemble seine Aufnahme sämtlicher Klavier-Kammermusikwerke Haydns im berühmten Haydnsaal auf Schloss Esterházy in Eisenstadt abgeschlossen (28 CDs mit allen 39 Klaviertrios, den 429 Schottischen Liedern und allen Divertimenti und Concertini). Die Aufnahme sämtlicher Beethoven-Trios liegt seit Mai 2008 vor. Ein weiteres Grossprojekt wurde für 2009 ins Leben gerufen und stellt einen der Höhepunkte im Jubiläumsprogramm von Haydn2009 und dem Haydn Festival Eisenstadt dar, das weltweite Kompositionsprojekt D2H – DedicatedToHaydn, welches unter der Projektleitung von Harald Kosik steht. In Anlehnung an Haydns Ausspruch «Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt» werden 6 österreichische Komponisten, 6 Komponisten aus weiteren europäischen Ländern und 6 Komponisten aus den anderen Kontinenten ein Klaviertrio komponieren. Das Haydn Trio Eisenstadt wird sie in Eisenstadt vom 30.4 bis 3.5.2009 und im Rahmen seines Schwerpunktes für zeitgenössische Musik (ton.art.project) weltweit aufführen und aufnehmen. Das Österreichische Kulturforum Bern („brn“) unterstützte das Projekt.

Joseph Haydn
1732-1809

Klaviertrio Nr. 43, C-dur, Hob. XV:27 (vor 1797)

Allegro
Andante
Finale. Presto

Elisabeth Harnik
1970-

«schatten.risse» Klaviertrio D2H (2009)

Joseph Haydn
1732-1809

Klaviertrio Nr. 45, Es-dur, Hob. XV:29 (vor 1797)

Poco Allegretto
Andantino ed innocentemente –
Finale: Allemande, Presto assai

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Klaviertrio Nr. 7, B-dur, op. 97 «Erzherzog-Trio» (1811)

Allegro moderato
Scherzo: Allegro
Andante cantabile (ma però con moto) –
Allegro moderato – Presto

Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt

1785 erhielt Haydn, dessen Todestag sich am 31. Mai 2009 zum 200. Mal jährt, in Esterházy Besuch vom Kupferstecher und Kunsthändler Gaetano Stefano Bartolozzi (1757-1821). Er versuchte, dem Komponisten England schmackhaft zu machen, weil dort Musiker viel mehr geschätzt würden, als es Haydn im Dienst des Fürsten Esterházy widerfahre. Am 29. Januar 1786 erschien im Public Adviser ein Bericht über Haydn, der sich auf Bartolozzi beruft: «Der Musiker gilt wie der Prophet nichts im eigenen Land, so scheint es. Ein deutlicher Beweis dafür ist der berühmte Haydn. Der Fürst Esterházy bringt zwar den Werken Haydns, der ständig in seinen Diensten steht, die grösste Bewunderung entgegen, die einzige Entlohnung aber, die er für ihn bereit hält, ist ein kümmerliches Gehalt, das in London selbst der geringste Geiger verächtlich zurückweisen würde.» Bartolozzi rühmte die Musikförderung in England so sehr, dass Haydn zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, London zu besuchen. Zehn Jahre später heiratete eben dieser Bartolozzi in London Therese Jansen. 1770 in Aachen geboren, war sie in London Schülerin Clementis geworden. Einer der Trauzeugen bei der Hochzeit am 16. Mai 1795 war Haydn, der von Johann Peter Salomon zweimal (1791/92 und 1794/95) nach London geholt worden war. Als Haydn vor seinem ersten Besuch Mozart von seinem Plan berichtete, wandte dieser ein, er verstehe doch die Sprache nicht. Haydn entgegnete: «Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt.» Wie sehr er Recht hatte, zeigen seine riesigen Erfolge in London. Meist denkt man dabei an die zwölf Londoner Sinfonien oder an die Streichquartette op. 71 und 74. Haydn schrieb aber eben für Therese Jansen in London drei Klaviertrios (1797 in London erschienen) und widmete ihr die letzten Klaviersonaten (Hob. XVI:50-52), welche, insbesondere diejenige in Es-dur, als Höhepunkt in seinem Klavierschaffen gelten. Jansen muss eine hervorragende Pianistin gewesen sein, wie die technischen Anforderungen in diesen Werken zeigen. Auch instrumententechnisch zeigt sich Haydn der neusten Entwicklung zugeneigt, schreibt er doch für die Trios nicht mehr Cembalo, sondern Pianoforte vor. Dabei hatte er wohl Instrumente der Firma Broadwood (gegr. 1738, als älteste bestehende Klavierfabrik 2003 geschlossen) im Auge, deren kraftvoller Klang und Tonumfang (5½ Oktaven gegenüber 5 bei den Wiener Klavieren) ihn beeindruckte. Die Virtuosität des Klaviersatzes im C-dur-Trio ist bemerkenswert. Im 1. Satz überrascht es durch grosse Gesten und starke forzato-Akzente. Das Andante, ein Siciliano in A-dur bzw. im Mittelteil a-moll setzt auf Kontraste, die auf Beethoven vorausweisen. Das humorvolle Presto-Finale, ein Sonatenrondo, erhält seine Originalität im Harmonischen wie durch die «falschen» Akzente. Laut Charles Rosen weist der Klavierstil auf den mittleren Beethoven (Klaviersonate op. 31/1) voraus. Weniger virtuos und einfacher wirkt das Es-dur-Trio. Es beginnt, wie es jeweils in einem Werk der früheren Gruppen der Fall war, mit einem wie eine Fantasie wirkenden Variationensatz, der als eine Art Doppelvariation kunstvoll mit der Rondoform verknüpft wird. Darin fällt die Minore-Variation (Nr. 2) in es-moll auf. Das H-dur-Andantino mit einem vom Klavier vorgestellten Hymnen-Thema geht nach einem Dominant-Sept-Akkord und Orgelpunkt attacca in den Schlusssatz über, der in der englischen Erstausgabe mit «in the German Style» überschrieben ist. Es handelt sich um eine Allemande mit ländlerhaften Anklängen, die kunstvoll Scherzo und Sonatensatz verbindet.

Anlässlich des 100. Todesjahres Joseph Haydns entstand 1909 auf Initiative einer französischen Musikzeitschrift ein Kompositionsprojekt für sechs Klavierstücke zu Ehren Haydns. Sechs Komponisten (Debussy, Dukas, R. Hahn, d’Indy, Ravel, Widor) erhielten den Auftrag. Für 2009 entsteht anlässlich des 200. Todesjahres ein diesem Gedanken folgendes, aber weiter reichendes Kompositionsprojekt: D2H – Dedicated to Haydn. D2H ist zum einen Hommage an Haydn, zum andern stellen die 18 neuen Kompositionen ein besonderes Beispiel einer internationalen Zusammenarbeit und eine Erweiterung der Klaviertrio-Literatur dar. Die 18 Werke sollen auch nach 2009 häufig aufgeführt werden, als Einheit, in einer Auswahl oder als einzelne Klaviertrios. Die in Graz geborene Elisabeth Harnik ist als Pianistin und Sängerin in vielen innovativen Projekten aktiv und konzertiert weltweit. Als Komponistin (Studium bei Beat Furrer), die für die verschiedensten, auch ungewöhnliche Besetzungen schreibt, hat sie mehrere Stipendien und Preise erhalten. Über ihren etwa acht Minuten dauernden Beitrag zu D2H sagt sie: »Es ist eine große Herausforderung, für eine traditionell konnotierte Besetzung zu schreiben. Ich habe den Versuch unternommen, der durch Haydns Klaviertrios erzeugten «Kontur» nachzuspüren, an einer klanglichen Tradition aus gegenwärtiger Sicht «anzuknüpfen» und sie mit heutigen Mitteln «aufzubrechen», um Neues zu gewinnen. Die Komposition «schatten.risse» greift beispielsweise den klanglichen Aspekt der ausdrucksvollen Modulation nur eines Tones aus dem Mittelsatz des Es-Dur-Trios Hob. XV:22 auf. Weiters thematisiert das Werk die Schichtung unterschiedlicher Artikulationsformen wie sie zum Beispiel beim Beginn des E-Dur-Trios Hob. XV:28 zu finden sind. Diese und andere klangliche Dimensionen erfahren mittels veränderter Perspektive eine Erweiterung. Der raumgreifende Einsatz extremer Lagen und das Ausschreiten des «Umraums» einzelner Tonhöhen bis hin zu Mikrointervallen bringt «Risse» zum Vorschein, die ins Offene locken.«

Die Werke, die Beethoven seinem zeitweiligen Schüler Erzherzog Rudolph von Österreich widmete (5. Klavierkonzert, Hammerklaviersonate, Missa solemnis etc.) zeichnen sich durch besondere Grösse und Bedeutung aus und bilden nicht selten den Höhepunkt der jeweiligen Gattung. Dies ist beim «Erzherzog-Trio» nicht anders. Nicht nur die Länge des Werkes, sondern auch seine Themengestaltung zeigt Weite und würdevollen Ernst. Und doch liegt über dem Ganzen eine «poetisch-klangschöne» Farbe, die auch der benachbarten, ebenfalls dem Erzherzog gewidmeten Violinsonate op. 96 eigen ist. Das Klavier dominiert zwar (ganz neu ist der Soloeinsatz zu Beginn mit dem weit gespannten Hauptthema, und erst noch im dolce), wirkt aber nicht solistisch-virtuos, sondern gibt dem Klangbild einen sinfonischen Zug. Den Kopfsatz prägt weniger die kontrastierende Dualität der Themen (es sind letztlich drei) als eine gewisse Verwandtschaft. Die motivische Arbeit bezieht ihr Material vor allem aus den ersten vier Tönen und dem Trillermotiv des Hauptthemas. Das eher kurze Scherzo steht wie später in der 9. Sinfonie an zweiter Stelle und lässt Raum für das dem Kopfsatz in der Länge entsprechende Adagio, einen kantablen Variationensatz in D-dur. Auf vier Variationen folgt als fünfter Teil eine lange Coda, die Durchführungselemente aufweist. Attacca schliesst das tänzerische, überraschungsreiche Final-Rondo an; es endet in einer Presto-Stretta.

rs