Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

812

26.2.2008, 20:15 Uhr (Zyklus A 82. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Spiegel Quartett (Antwerpen)
Roeland Hendrikx, Klarinette

Kawaguti, Elisa, Violine 1
Willems, Stefan, Violine 2
De Neve, Leo, Viola
Sciffer, Jan, Violoncello

Hendrikx, Roeland, Klarinette

Musik – Spiegel der Seele... – das ist das Motto des Spiegel Streichquartetts, und darum nennt es sich so. Es wurde 1996 in Antwerpen von Mitgliedern des Eugène Ysaÿe-Ensembles gegründet. Gleich bei den ersten Konzerten reagierte das Publikum mit Enthusiasmus. Die Presse bedachte das Ensemble mit äusserst positiven Kritiken. Die Musiker waren alle Konzertmeister oder Solisten der wichtigsten belgischen Orchester (Orchestre de la Monnaie, Filharmonie van Vlaanderen), Elisa Kawaguti Preisträgerin des Königin Elisabeth-Wettbewerbs Brüssel. Mit Ausnahme von beschränkten Lehrverpflichtungen an den Musikhochschulen Belgiens widmen die Musiker sich jetzt ausschliesslich dem Quartettspiel. Das Spiegel Quartett konzertiert bei Musikfestivals und in bedeutenden Musiksälen Europas und Südafrikas. Es ist nicht auf eine Stilrichtung festgelegt. Die Klassik ist genau so sein Gebiet wie die Moderne (Crumb, Schostakowitsch, Swerts, Takemitsu, Xenakis etc.). Zeitgenössische Komponisten widmeten dem Quartett ihre neuesten Werke, so etwa Ivan Fedele, Wim Henderickx, Luc Brewaeys, Peter Vermeersch, Jörg Widmann und Matthias Pintscher; weitere Uraufführungen sind in den nächsten Jahren geplant. Das Spiegel Quartett wird von der Flämischen Regierung unterstützt und ist beim Muziekcentrum De Bijloke Gent und dem Koninklijk Vlaams Muziekconservatorium String quartet in residence. Auf CD hat es Werke von Franck, Chausson, Lekeu und Swerts eingespielt. Die Mitglieder spielen Instrumente des 17. und 18. Jahrhunderts; das älteste ist die Viola von David Tecchler aus dem Jahr 1693.

Der belgische Klarinettist Roeland Hendrikx studierte in Leuven und Antwerpen. Zudem besuchte er Meisterkurse bei Wesley Foster (Banff, Canada), Thea King (London) und Charles Neidich (Juilliard School New York). Neben seiner solistischen Tätigkeit spielte er bis 2003 im Symfonieorkest van de Munt (La Monnaie, Brüssel) und ist heute Soloklarinettist im Belgischen Nationalorchester. Er musiziert mit bekannten Musikern und Ensembles zusammen. Soloauftritte führten ihn zu belgischen, deutschen und niederländischen Orchestern. Für seine Auftritte in Belgien und seine Bemühungen um die belgische Musik sowie für seine CD-Einspielungen erhielt er mehrfach Preise, so für die Einspielung des für ihn geschriebenen Klarinettenquintetts von Piet Swerts 2006 den Klara-Musikpreis und 2007 den Caecilia-Preis für die beste belgische CD des Jahres. Die Westfalenpost lobte ihn im Dezember 2004: «Der Belgische Klarinettist Roeland Hendrikx ist ein unglaublich guter Musiker, der virtuose Leidenschaft mit poetischer Tongebung verbindet. Hendrikx kann vor allem in der von Mozart so geliebten jenseitsdunklen tiefen Lage, die für die Bassettklarinette typisch ist, samtig-leuchtende Kantilenen gestalten.»

Morton Feldman
1926-1987

Clarinet and String Quartet (1983)

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Quintett für Klarinette und Streicher, A-dur, KV 581 (1789)

Allegro
Larghetto
Menuetto – Trio I – Trio II
Allegretto con Variazioni – Adagio – Allegro

Die angenehme Nachricht vorweg: Wer Morton Feldmans 2. Streichquartett von 1983 kennt oder davon gehört hat, wird sich erschreckt fragen, ob das Klarinettenquartett aus dem gleichen Jahr ebenfalls vier bis sechs Stunden dauern wird. (Diese Angaben kann man lesen; die Universal Edition gibt 3,5 bis 5,5 Stunden an.) Keine Angst! Clarinet and String Quartet – so der Originaltitel (Feldman benennt viele Werke nach Besetzung) – dauert laut UE–Angaben 45 Minuten. Der in New York geborene Feldman, 1944 Schüler von Stefan Wolpe, fand den Weg zu einem eigenständigen Stil, nachdem er 1950 John Cage kennen gelernt hatte. Inspiriert wurde er auch durch moderne Maler (Rothko, Pollock, Rauschenberg etc.); eines seiner Hauptwerke heisst Rothko Chapel. Meist stellen die langsamen und leisen (Kammermusik-)Werke die Klangfarbe ins Zentrum. Für die frühen Werke ab 1950/51 verwendete er eine graphische Notationsweise, die er 1969 aufgab, da sie dem Interpreten zu viel Freiheiten liess. Damals begann er, vermehrt auf typische Instrumenteneigenschaften zu achten, wie dies auch im heute aufgeführten Werk der Fall ist. Typisch für Feldmans Arbeit war die Reduktion des kompositorischen wie instrumentalen Materials. Seine Musik will nichts ausdrücken: Sie ist das Gegenteil der deutschen Romantik und vermeidet jede Empfindungsäußerung. Die musikalische Entwicklung ist weitgehend ausser Kraft gesetzt. Man hat seine Musik manchmal als Meditationsmusik verstehen wollen oder sie in die Nähe der Minimal Music gerückt. Das war aber nicht Feldmans Absicht. Seine Musik will nichts anderes sein als Musik, die gehört werden soll – l’art pour l’art ohne weitere Absichten. So bleibt vieles geheimnisvoll, mag es auch absichtsvoll geplant sein. Ein typisches Beispiel bietet das aufgeführte Werk: Vier Klarinettentöne, je zwei in aufsteigenden Halbtonschritten, Ces – C – A – B, bilden das Grundmaterial. Da wird jeder Musikkenner gleich sagen, das sei doch der Krebs von B-A-C-H. Doch Feldman schreibt ausdrücklich Ces und nicht H. Warum? Es bleibt sein Geheimnis. Handkehrum schreibt er der Klarinette den Wechsel von Ces und H vor. Die Tonfolge wird rhythmisch variiert und transformiert – alles im leisesten Bereich bei langsamem Tempo. Dem Cello notiert Feldman die Tonfolge variiert so: H – Deses – Gisis – Ais, was nicht leicht spielbar ist. Im temperierten System ist das natürlich wieder die Ausgangstonfolge. Da sie anders phrasiert und in der Spielweise des Flageoletts erscheint, finden wir hier eine dieser feinen Varianten, auf welche Feldman so grossen Wert legt. «Die Gleichzeitigkeit des Gleichen und doch nicht genau Gleichen: So entsteht eine irisierende Doppeldeutigkeit, ein Schwebezustand zwischen Identität und Differenz. Nichts ist bei Feldman so einfach, wie es scheint.» So erklärt der Musikwissenschaftler Peter Niklas Wilson diese Technik. Der Schlussteil des Werks weist «weitausgreifende Klarinettenfiguren in durchlaufenden Achteln», später auch in Sechzehnteln auf, die wie «traditionelles Klarinettenlaufwerk» wirken könnten. Dazu meint Wilson: «Vom Instrumentalen her ist Feldmans Schreibweise für die Klarinette ‚klassischer‘ als die brahmssche. [...] Und wenn man weiß, dass der Einzelgänger Feldman ein sehr genauer Kenner des klassischen Repertoires war, mag man sogar so weit gehen, die rhythmischen und metrischen Mehrdeutigkeiten des Stücks als Hommage à Brahms zu lesen, dessen Klarinettenquintett mit derartigen Finessen gespickt ist.» Natürlich meidet Feldman direkte Bezüge. Er stellt auch die Klarinette mehr dem Streichquartett gegenüber als sie zu integrieren, wie dies Mozart und Brahms tun. Dies rechtfertigt den Titel, der eben nicht «Klarinettenquintett» lautet.

Bei der Klarinette haben oft hervorragende Spieler bedeutende Werke für dieses Instrument angeregt. War für Weber der Inspirator Heinrich Baermann, für Brahms Richard Mühlfeld, so für Mozart Anton Stadler (1753–1812). Dieser war wohl auch an der Weiterentwicklung des Instruments beteiligt. Ihm und dem Instrumentenbauer Theodor Lotz ist die Bassettklarinette zuzuschreiben, für welche Mozart das Quintett und das Konzert, beide in A-dur, geschrieben hat. Es handelt sich um ein Instrument, das unterhalb des A-Klarinettenumfangs weitere Töne (bis zum geschriebenen C bzw. klingenden A) produzieren kann. Es gibt im Quintett Stellen, bei denen der für A-Klarinette überlieferte Stimmenverlauf auf der Bassettklarinette besser zur Geltung kommt (z.B. in Takt 40f. des Allegro). Stadler hat weitere Werke Mozarts zur Aufführung gebracht, so Teile der Gran Partita, im Rahmen der Freimaurer-Loge Trios für Klarinetten bzw. Bassetthörner, welche als die Logeninstrumente galten (5 Divertimenti KV 439b / Adagio KV 411) und die beiden solistisch begleiteten Arien aus La clemenza di Tito. Mozart war mit Stadler eng befreundet. Auf ihrer gemeinsamen Reise nach Prag – nicht der berühmten, die fand im September darauf statt – im Januar 1787 erhielt Stadler von Mozart, der wieder einmal seiner sprachlichen Phantasie keine Grenzen setzte, den gewiss ehrenden Beinamen Nàtschibinìtschibi. Wer will es Stadler angesichts der Meisterwerke, die er angeregt hat, heute verübeln, dass er wie bei Lotz auch bei Mozart nach dessen Tod Schulden von 500 Gulden hatte und zudem – eine ominöse Geschichte – offenbar einen Koffer unter anderem mit Noten von Mozart-Werken, darunter vielleicht die Bassettklarinettenstimme des Quintetts, versetzt hat. Mozart vollendete das Werk, das er öfters als «des Stadler’s Quintett» bezeichnete, während der Arbeit an Così fan tutte am 29. September 1789. Die erste Aufführung fand drei Monate später in Wien statt. Der auf drei Themen aufgebaute Kopfsatz verbindet, wie das ganze Werk, die fünf Instrumente in bewundernswerter Weise so, dass keines hervorsticht. Wenn eines die Führung übernimmt, folgt alsobald die Ablösung. Im Larghetto (D-dur, in dreiteiliger Liedform) übernimmt die Klarinette mit dem Gesangsthema unüberhörbar die Führung; sie wird später von der 1. Violine in dessen Entfaltung unterstützt. Das Menuett weist zwei Trios auf. Im ersten (a-moll) schweigt die Klarinette wie schon während einiger Takte im Menuett, als habe Mozart dem Spieler Zeit zum Verschnaufen geben wollen. Umso deutlicher darf sie im zweiten Trio in A-dur die Hauptrolle übernehmen, als ob sie zum Walzer aufspielen möchte. Im Schlusssatz wird ein sechzehntaktiges heiter-beschwingtes Thema sechsmal variiert. Während zuvor die Aufgaben der Stimmen ausgeglichen waren, darf sich in der 3., der Moll-Variation (a-moll) die Bratsche gesanglich entfalten. Die 4. Variation lässt der Virtuosität von Klarinette und 1. Violine freien Lauf, bevor in der folgenden das Tempo zurückgenommen wird (Adagio), gleichsam als Ruhepol vor dem Schluss-Allegro. Angesichts der Bläserbeteiligung, der zwei Trios im Menuett und des Variationssatzes könnte man versucht sein, das Werk als Serenade oder Divertimento einzustufen. Aber Mozart gelingt auch mit diesen Elementen ein vollendetes Kammermusikwerk höchsten Ranges.

rs