Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

802

13.3.2007, 20.15 Uhr (Zyklus A 81. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Quatuor Terpsycordes (Genf)

Bottiglieri, Girolamo, Violine 1
Raytcheva, Raya, Violine 2
Haas, Caroline, Viola
Grin, François, Violoncello

„TERRE-PSY-CORDES: Ein Name, der Erde und Geist miteinander verbindet. Diese Quadratur entstand durch das Zusammentreffen eines Italieners, einer Bulgarin und zwei Schweizern, welche sich von der wohlwollenden Aufmerksamkeit der Muse Terpsichore inspirieren liessen.“ So wird der Name des heutigen Ensembles im Booklet der Schumann-Aufnahme und als Zitat auf der Homepage des Quartetts erklärt. Das Quartett wurde 1997 am Conservatoire Supérieur de Musique de Genève in der Klasse von Gábor Takács-Nagy gegründet. 2001 gewann es den 1. Preis am 56. Concours de Genève. Es war zudem Preisträger bei mehreren anderen Wettbewerben (Trapani, Weimar, Graz). Es besuchte Kurse bei berühmten Quartettmitgliedern und anderen namhaften Musikern wie Milan Skampa (Smetana Quartett), Franco Rossi (Quartetto Italiano), Martin Lovett (Amadeus Quartett), Christophe Coin (Quatuor Mosaïques), Rainer Schmidt (Hagen Quartett) und Walter Levin sowie bei Tibor Varga, Sigiswald Kuijken oder György Kurtág. Es tritt regelmässig in der Westschweiz, insbesondere aber auch in Italien, Frankreich und Belgien auf. Sein Repertoire umfasst die Werke der Klassik und Romantik genauso wie solche der neuesten Zeit. Das Quatuor Terpsycordes hat bei Claves die drei Quartette Schumanns, hochgerühmt von der Kritik, und drei Quartette aus Haydns op. 33 eingespielt. 2006 nahm das Quartett zudem bei der Aufnahme der ersten CD mit Werken von Gregorio Zanon sowie bei einer Doppel-CD mit Werken von Ernest Bloch teil.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 8, e-moll, op. 59, Nr. 2 «2. Rasumovsky-Quartett» (1806)

Allegro
Molto adagio
Allegretto - Maggiore (Thème russe)
Finale: Presto

Gregorio Zanon
1980-

Légende à quatre (2005)

Robert Schumann
1810-1856

Streichquartett Nr. 1, a-moll, op. 41, Nr. 1 (1842)

Introduzione: Andante espressivo – Allegro
Scherzo: Presto – Intermezzo
Adagio
Presto

Viermal Schumann in klassisch-romantischer und moderner Umgebung: Nr. 4

Die letzten vier instrumentalen Konzerte dieser Saison weisen auffällige Übereinstimmungen auf: Immer steht ein Werk Schumanns am Schluss (als ob das etwas versäumte Schumann-Jahr nachgeholt werden soll). Ihm voran geht jeweils ein modernes Werk von bei uns noch nie aufgeführten Komponisten bzw. Komponistinnen. Zu Beginn ist dreimal ein Werk der Klassik und einmal ein romantisches zu hören.

Beethovens drei vom Grafen Andrej Rasumowsky, dem russischen Botschafter in Wien, bestellte und ihm auch gewidmete Streichquartette des Opus 59 sind offensichtlich als Zyklus konzipiert. Zu dessen für das damalige Publikum schwierigen Zügen hat sicher der sinfonische Tonfall beigetragen, zu dem, angeregt durch die Qualitäten des Schuppanzigh-Quartetts, weitere Elemente wie spieltechnische Ansprüche, die Harmonik und die Rhythmik hinzutreten. Im Gegensatz zum F-dur-Quartett (Nr. 1) bleibt das zweite stärker der Tradition verpflichtet. Es wirkt wie die Antithese zum kühnen ersten – das dritte in C-dur würde dann die Synthese bilden. Auf den düsteren Kopfsatz, einen Vorgriff auf op. 95 in f-moll, folgt ein zunächst scheinbar lichter Adagio-Choral – Czerny berichtet, er sei Beethoven beim Anblick des Sternenhimmels eingefallen. Durch Beifügen von Gegenstimmen und rhythmischen Kontrapunkten löst sich der Choral-Charakter immer mehr auf. Im fünfteiligen rhythmisch pointierten Scherzo fällt im Trio das aus Mussorgskys Boris Godunow und anderen russischen Werken bekannte Thème russe ins Ohr. Beethoven hatte es in einer Sammlung russischer Volkslieder von Iwan Pratsch gefunden, die erstmals 1790 in St. Petersburg erschienen war. Das Finale weist, nicht nur mit seinem Beginn in C-dur, auf das dritte Quartett, die Synthese des Opus 59, voraus.

Gregorio Zanon wurde 1980 in Genf geboren, wo er ab 1997 am Conservatoire de Musique bei Jean Balissat und Eric Gaudibert studierte. 2001 begann seine Zusammenarbeit mit dem Quatuor Terpsycordes mit dem Quatuor no 1 (unterstützt von Pro Helvetia), das im selben Jahr am Festival von Villevieille (zwischen Nîmes und Montpellier) uraufgeführt und später mehrfach in der Schweiz und ausserhalb aufgeführt wurde. 2001 bis 2004 studierte Zanon in London, wo er ausgezeichnet und mit Kompositionsaufträgen bedacht wurde. 2005 erfolgte die Uraufführung des heute gespielten Stücks im Rahmen des „Festival Archipel“ Genf. Weitere Werke (Cellokonzert, Monodrame pour Soprano jazz et ensemble etc.) folgten. Im vergangenen Jahr ist die erste CD bei Claves erschienen: Kammermusik, u.a. gespielt vom Quatuor Terpsycordes. Zu seiner Légende schreibt Zanon: Plutôt que d’ écrire une introduction à une œuvre encore en gestation, il m’ a paru plus pertinent de proposer ici mes objectifs esthétiques et formels– Raconter, évoquer une légende à travers quatre points de vue, en une alternance d’ épisodes tutti et de cadences solo de chacun des membres du quatuor. – Opposer l’intonation tempérée à l’intonation naturelle, en faire naturellement découler l’usage d’inflexions micro-tonales.– Le mouvement introductif définit trois types d’écritures: mélodique (présentation du thème au 1er Violon), polyphonique (la terminaison en trille du thème se développe dans toutes les voix) et sonoriste (le passage précédent se résout en évocation d’oiseaux). Cette dialectique devra se retrouver dans l’ensemble de l’œuvre: chant subjectif à conflit à dissolution dans l’inhumain (nature/chaos). – Légende à quatre est dédiée avec toute mon amitié au Quatuor Terpsycordes.

1847, fünf Jahre nach ihrer Vollendung, beurteilte Schumann seine Streichquartette noch immer als sein bestes Werk der früheren Zeit. Auch der Widmungsträger Mendelssohn sprach sich oft im selben Sinn aus. Schon früh hat man sie als vollkommen und schön bezeichnet. Clara Schumann fand sie ebenso neuartig wie luzide, gut durchgearbeitet und im typischen Quartett-Idiom geschrieben. Trotzdem nehmen die drei Quartette heute nicht unbedingt eine vordere Position in der Beliebtheit, sei es unter den Streichquartetten, sei es unter den Werken Schumanns, ein. Gerade was damals als Vorzug gelten mochte, wird heute eher als Nachteil gesehen: die Tendenz zu liedhaften, wenig kontrastierenden Themen, ja zu einer gewissen Monothematik, dazu die Umgestaltung der klassischen Sonatenform zu relativ fest gefügten Sektionen, in denen die Themen um- und weitergebildet werden. Nur die Introduzione, welche keinen thematischen Bezug zum Hauptsatz aufweist, steht in a-moll; die Tonart des Kopfsatzes ist eigenartigerweise F-dur. Auf das grandiose Scherzo, das man einen der erregendsten Sätze dieser Art in der gesamten Quartettliteratur genannt hat, folgt im Adagio eine Art Lied ohne Worte. Hier steuert die Bratsche beinahe klaviermässig Arpeggien bei. Das Finale ist zwar kraft- und schwungvoll, leidet aber vielleicht am stärksten unter der erwähnten Tendenz zur Monothematik.

rs