Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

757

14.10.2003, 20.15 Uhr (Zyklus B 78. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Minguet Quartett (Köln)

Isfort, Ulrich, Violine
Reisinger, Annette, Violine
Schwalb, Irene, Viola
Diener, Matthias, Violoncello

Pablo Minguet lebte im 18. Jahrhundert in Madrid. In seinen philosophischen Schriften bemühte er sich darum, dem breiten Volk Zugang zu den schönen Künsten zu verschaffen. Seit seiner Gründung im Jahre 1988 ist für das Minguet Quartett der Name Programm. Das seit 1996 in der heutigen Besetzung spielende Quartett erhielt seine Kammermusikausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen und daneben von Walter Levin sowie von Mitgliedern des Amadeus-, Melos und Alban Berg Quartetts. 1997 erhielt das Quartett einen Lehrauftrag für Kammermusik an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Heute gastiert das Minguet Quartett an Festivals und in allen Kammermusikzentren Europas, so auch an den Römerbad Musiktagen in Badenweiler. Seit 2002 stehen auch Tourneen in Asien auf dem Programm. Neben der klassisch-romantischen Literatur konzentriert sich das Ensemble auf die Musik der Moderne und spielt auch häufig Uraufführungen. Die erstmalige Gesamtaufnahme aller 12 Streichquartette von Wolfgang Rihm zu dessen 50. Geburtstag im Jahre 2002 zählte zu den herausragenden Projekten. Im weniger gängigen Repertoire des romantischen und neueren Bereichs hat es die Quartette von Robert Fuchs und Othmar Schoeck eingespielt.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 82, F-dur, op. 77, Nr. 2, Hob. III:82 (1799)

Allegro moderato
Menuetto: Presto (ma non troppo) – Trio
Andante
Finale: Vivace assai

Wolfgang Rihm
1952-

Streichquartett Nr. 3 «Im Innersten» (1976)

I. schroff
II.
III.
IV. äusserst gedehnt
V.
Zwischenspiel, senza tempo
VI.

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 6, f-moll, op. 80 (1847)

Allegro (vivace) assai – Presto
Allegro assai
Adagio
Finale: Allegro molto

Das F-dur-Werk op. 77/2 ist Haydns letztes vollendetes Streichquartett, obwohl auch das Opus 77 als Sechser- oder zumindest Dreierserie geplant war. Es ist dem Fürsten Lobkowitz, dem Förderer Beethovens und anderer Musiker, gewidmet und wurde zusammen mit dem Schwesterwerk in G-dur am 13. Oktober 1799 (also fast auf den Tag genau vor 204 Jahren!) im Palais des Fürsten Esterházy in Eisenstadt erstmals aufgeführt. Wenn Donald Tovey das Quartett als „vielleicht Haydns grösstes Instrumentalwerk neben zwei der letzten Sinfonien“ bezeichnet hat, so hatte er die thematische Arbeit im Auge, die in der Durchführung des Kopfsatzes einen Höhe-punkt findet. Es ist erstaunlich, wie Haydn den ganzen Satz aus den Motiven des Hauptthemas entwickelt. Als ob er diese „Schwerarbeit“ mildern wollte, vereinfacht er die Reprise gegenüber der Exposition. Das Menuett, ein Scherzo, lässt an Beethovens gleichzeitig entstehendes und ebenfalls Lobkowitz gewidmetes op. 18 denken. Das D-dur-Andante ist ein Variationensatz - und was für einer! Das Marschthema mit dynamischer Steigerung erfährt figurale Umspielungen und wird durch freie Zwischenspiele weitergeführt. Der Satz endet nicht mit einer raschen Steigerung des Themas, sondern verklingt ernst im pianissimo. Das Finale weist drei Themen auf; sie sind aber wieder aus einem entwickelt. Sie sind rhythmisch prägnant; eines ist sogar à la polacca bezeichnet. Kontrapunktik und Schwung verbinden sich so zu stets überraschender Wirkung.

Knappe dreissig Minuten höchster Expressivität und Unmittelbarkeit in sechs Sätzen mit einem Umfang von zwei bis knapp zehn Minuten bietet Rihms 3. Streichquartett. Schwankend zwischen Verinnerlichung mit kaum Hörbarem bis zu Eruptionen der Bewegung und der Lautstärke (am Ende des 4. Satzes soll die 1. Violine morendo in ffff spielen!), zwischen Sanglichkeit und Schroffheit ziehen sechs Sätze am Zuhörer vorüber. Vor dem Schlusssatz, dem umfangreichsten des Werks, ist ein geräuschhaftes Zwischenspiel quasi niente eingeschoben. Dem Zuhörer und der Zuhörerin ist es überlassen, mit diesen Klängen Verbindungen herzustellen oder über den Titel „Im Innersten“ nachzudenken. Sind es „Intime Briefe“ wie bei Janáček oder in Bergs „Lyrischer Suite“, zu der man neben der Sechssätzigkeit Verbindungen in der „Formulierung innerer Prozesse“ festgestellt hat? Rihm hält wenig von der Erklärung seiner Werke: Die einzigen Einführungen, die für die Musik etwas bewirken (im positiven wie im negativen Sinn), sind die Ohren der Hörer. Aus purer Freiheitsliebe plädiere ich für äusserst unterschiedliche Ohren. An jedem Kopf sollten mindestens zwei völlig verschiedene Zugänge zu mindestens zwei völlig verschiedenen Hörweisen installiert sein.

1847 war Mendelssohns Schicksalsjahr. Am 14. Mai war seine geliebte Schwester gestorben, am 4. November sollte er ihr nachfolgen. Das f-moll-Quartett, das wichtigste Werk dieser Zeit, darf als eine Art Requiem für Fanny gelten, eine Klage um die Schwester. Das Werk ist, bei Mendelssohn eine Seltenheit, autobiografisch zu verstehen. Es ist aus einem Guss, und schon allein das sollte auf die enorme Qualität des Stücks aufmerksam machen. Die Mendelssohn oft vorgeworfene oberflächlich-klangschöne Unverbindlichkeit ist hier wie weggefegt. Schroffe Klänge gleich im ersten Satz lassen das Aufwühlende erfahren und schlagen um in Klage. Und wenn dann noch Fragmente eines Lieblingsmotivs Fannys aufscheinen, so wird erst recht klar, wem diese Klage gilt. Der Kritiker der letzten Aufführung in unseren Konzerten vor dreizehn Jahren zeigte sich (mit Recht) erstaunt, „dass dieses herrliche Spätwerk eines Frühvollendeten nicht häufiger auf den Programmen erscheint“.

rs