Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

749

19.11.2002, 20:15 Uhr (Zyklus A 77. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Emerson String Quartet (New York)

Drucker, Eugene, Violine
Setzer, Philip, Violine
Dutton, Lawrence, Viola
Finckel, David, Violoncello

Das Emerson Quartett ist heute nicht mehr das einzige Quartett, bei dem regelmässig der erste und zweite Geiger ihre Positionen tauschen - aber es ist sicher das grossartigste und bedeutendste, das diese Eigenschaft konsequent pflegt. Mitte der siebziger Jahre von Musikern der Generation der ersten Hälfte der fünfziger Jahre unter dem Patronat von Robert Mann (Juilliard String Quartet) gegründet und nach dem amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803-1882), dem Begründer des amerikanischen Transzendentalismus benannt, hat es inzwischen die höchsten Stufen der Quartettkunst erklommen. Sein Ruf und seine Interpretationen bilden heute Referenzstandard. Es zählt nicht nur unter den amerikanischen Quartetten als das Ausnahme-Ensemble, sondern gehört weltweit zu der ganz schmalen Spitzengruppe der bedeutendsten Quartette. Es gastiert heute zum siebten Mal bei uns. Vor gut einem halben Jahr hat es Bartók Nr. 3, Schostakowitsch Nr. 15 und Beethoven op. 59/3 gespielt.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 33, g-moll, op. 20, Nr. 3, Hob. III:33 (1771)

Allegro con spirito
Menuetto
Poco Adagio
Finale: Allegro molto

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 8, c-moll, op. 110 (1960)

Largo –
Allegro molto –
Allegretto –
Largo –
Largo

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 14, d-moll, op. post., D 810 «Der Tod und das Mädchen» (1824/26)

Allegro
Andante con moto
Scherzo: Allegro – Trio
Presto

"Mit Opus 20 erreicht die historische Entwicklung von Haydns Quartetten ihren Endpunkt; und weiterer Fortschritt ist nicht Fortschritt in irgendeiner geschichtlichen Bedeutung, sondern schlicht der Unterschied zwischen einem Meisterwerk und dem nächsten. [...] Keine spätere Gruppe von sechs Quartetten, nicht einmal Opus 76, ist so einheitlich gewichtig und so vielgestaltig wie Opus 20." Solches schrieb Donald Tovey vor rund 70 Jahren. Und Ludwig Finscher meint: "Weder früher noch später hat Haydn Streichquartette geschrieben, die so dunkel und schwer zugänglich sind, in de-nen sich so viele Sphären so verwirrend durchdringen wie hier." Das g-moll-Quartett geht dabei am weitesten: Der Kopfsatz, der das bereits erregte Hauptthema in der Durchführung geradezu zertrümmert, ist von enormer Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit, ja Grimmigkeit. Das Menuett löst sie in Melancholie auf, ebenso wirkt das f-moll-Trio.

Schostakowitschs 8. Quartett ist wohl sein bekanntestes, nicht zuletzt dadurch, dass es auch in der Orchestrierung Rudolf Barshais als Kammersinfonie häufig gespielt wird. Es ist innerhalb von nur drei Tagen in der Nähe von Dresden entstanden, wo Schostakowitsch sich 1960 aufhielt, um die Filmmusik zu einer deutsch-russischen Koproduktion zu schreiben. Dies vergegenwärtigte ihm die Zerstörung Dresdens und die Vernichtung unzähliger Menschen. Darum widmete er das Werk "den Opfern des Faschismus und des Krieges". Viel später gewichtete der Komponist anders, mehr autobiographisch. So jedenfalls wollte er das Zitat aus dem berühmten russischen Revolutionslied "Erschöpft von schwerer Gefangenschaft" verstanden wissen. überhaupt ist das Werk voller Zitate: Im zweiten Satz erklingt das jüdische Thema, das bereits im 2. Klaviertrio eine wichtige Rolle spielte; im 3. Satz erscheint das Anfangsmotiv des 1. Cellokonzerts aus dem Vorjahr und leitet in den 4. Satz über. Darin zitiert er aus seiner Oper "Lady Macbeth von Mzsenk". Es klingen zudem die 1. und 10. Sinfonie an. Vor allem im 1. und dem das Werk zyklisch beschliessenden 5. Satz spielt das auch sonst immer wieder begegnende Motiv D-eS-C-H, das Kürzel von Schostakowitschs eigenem Namen, eine wichtige Rolle. So wird die von seiner Tochter geäusserte Meinung, Schostakowitsch habe das Quartett "sich selbst gewidmet", richtig sein. Dass er es als eine Art Requiem für sich selbst auffasste, bestätigt ein Brief an Isaak Glikman.

Im Februar und März 1824 war Schubert "unmenschlich fleissig" (Schwind). Neben dem am 1. März beendeten Oktett kündigt er drei Quartette an, doch nur das in a-moll erlebt am 24. März seine Uraufführung. Auch das d-moll-Werk muss damals entstanden sein, wird aber erst 1826 geprobt und überarbeitet. Hat Schubert das düstere Werk - alle vier Sätze stehen in Moll - wegen seiner Kühnheit zurückbehalten? Denn was er im Harmonischen und mehr noch im Ausdruck erreicht, ist selbst im Vergleich zum Spätwerk Beethovens neuartig. Schon in der Wahl der Variationenvorlage ist Todesnähe erkennbar. Das "Todesmotiv" tritt im bei Schubert häufigen daktylischen Wanderrhythmus auf. Der Tod kommt als Wanderer, Verkörperung von Fremd- und Ausgeschlossensein, daher. Mag er im Lied (Bin Freund und komme nicht zu strafen.) sanft und friedlich auftreten und nicht so trostlos traurig wie der Leiermann in der „Winterreise“, so zeigen doch einige Variationen seine gewalttätige Macht. Und die gehetzte Kavalkade des Finale erinnert wohl nicht zufällig an den Erlkönig (Frage des Knaben: Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?). So gewinnt das Quartett eine existenzielle Ausdruckskraft, die ebenso erschreckend wirken musste wie vier Jahre später die schauerlichen Lieder der „Winterreise“.

rs