Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

734

27.3.2001, 20:15 Uhr (Zyklus A 75. Saison)
Stadtcasino Basel, Festsaal

Aria Quartett (Basel/Bern)

Füri, Thomas, Violine
Oprean, Adelina, Violine
Schiller, Christoph, Viola
Brotbek, Conradin, Violoncello

Die Musiker des Aria Quartetts sind zum Teil eng mit Basel verbundenen: Thomas Füri war einige Zeit Konzertmeister des Sinfonieorchesters, 1979-93 leitete er die Camerata Bern, 1985-2000 die äusserst populären Salonisti. Adelina Oprean führt eine Meisterklasse an der Musikhochschule Basel. Die beiden Künstler lösen sich am ersten Pult ab. 1994 verspürten die vier Musiker den Wunsch, ihre reiche Erfahrung als Solisten, Kammermusiker und Pädagogen in der anspruchsvollsten Form der Kammermusik zu vertiefen. Seither besteht das Aria Quartett, das rasch zu den führenden Schweizer Streichquartetten zählte. Die ersten Konzerte wurden begeistert aufgenommen und hatten zahlreiche Auftritte im In- und Ausland zur Folge. 1996 führte das Quartett einen Schubert-Zyklus durch und spielte danach mehrere Werke Schuberts bei NOVALIS auf CD ein. Im letzten Jahr entstand eine Aufnahme beim gleichen Label, die dem Streichquartett und den beiden Streichtrios von Willy Burkhard aus Anlass von dessen 100. Geburtstag gewidmet ist.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 66, G-dur, op. 64, Nr. 4, Hob. III:66 (1790)

Allegro con brio
Menuetto: Allegretto
Adagio cantabile sostenuto
Finale: Presto

Hans Werner Henze
1926-2012

Streichquartett Nr. 5 (1976/77)

Die Viertelnote gleich 72
Atemlos, wild
Die Viertelnote gleich dem Herzschlag
Still, entlegen
Echos, Erinnerungen, ganz von fern
Morgenlied

Maurice Ravel
1875-1937

Streichquartett, F-dur (1902/03)

Allegro moderato, Très doux
Assez vif, Très rythmé – Lent – 1º Tempo
Très lent
Vif et agité

Zwölf Quartette hat Haydn dem Geiger und Tuchhändler Johann Tost in den Jahren 1788 und 1790 gewidmet, die Opera 54, 55 und 64. Man schreibt dem Einfluss Tosts, des ehemaligen Geigers im Orchester von Eszterhaza, die virtuose Gestaltung des Geigenparts zu. Ein weiteres Element ist die verstärkte sinfonische Tendenz der Werke, die nun nicht mehr nur für die Kammer, sondern für den Konzertsaal gedacht sind. In der Tat hat Haydn auf seiner ersten Englandreise mindestens drei Werke des op. 64 erfolgreich aufgeführt. Das 4. Quartett beginnt glanzvoll-energisch, aber zugleich hell und heiter. Das Seitenthema entpuppt sich auch hier als Variante des Hauptthemas. Überraschend steht das Menuett (wie in Nr. 1) nochmals an zweiter Stelle, doch ist dies beide Male vor einem bewegten Variationssatz der Fall; bei ruhig-ernsten langsamen Sätzen steht es dahinter. Es ist einem Ländler angenähert; im Trio glaubt man beinahe eine Klarinette über einer Gitarre zu vernehmen. Im Adagio kontrastiert der dunklere c-moll-Mittelteil mit den Rahmenpartien. Trotz Chasse-Charakter wirkt das Finale, eine Art Sonatenrondo, entspannt und im Seitensatz sogar lyrisch melodiös.

Als Komponist von Opern, Balletten und Sinfonien ist Henze allgemein bekannt und anerkannt. Dass sein Oeuvre auch reichhaltige Kammermusik, darunter mehrere Streichquartette (das erste 1947) umfasst, ist weniger geläufig. Im März 1976 machte Henze auf einer Flugreise von Rom nach Sydney Skizzen zu seinem 5. Quartett. In Sydney habe ihm der Tänzer Mark Wraith einen seiner choreographischen Träume aufgeschrieben. Darin sei vom Alleinsein, von Kampf und Nachtmahren, von Stille, vom Heraufkommen des Morgens, von Genesung die Rede gewesen. Daneben ist überall der tagebuchartige Charakter dieses Quartetts zu verfolgen. Im klagenden Arioso, einer lyrischen Invention, bildet sich die Thematik der ganzen Arbeit schon vor. Den Schwerpunkt bildet der stürmische 2. Satz, ein vierstimmiger Kontrapunkt, in dem zunächst 58 Takte lang die Bratsche die Haupt- und das Cello die Nebenstimme ausführt. Gleichzeitig wird von der ersten Geige das Tonmaterial der Bratschenmusik krebsförmig in verminderter Quintlage gespielt, und das des Cellos auf die gleiche Weise, aber in Quartlage, von der zweiten Geige. Die Sätze drei bis fünf bringen Beruhigung, der sechste, ein Morgenständchen (Aubade) in vier Strophen, beginnt noch unsicher, noch halb im Traum. Obwohl Henze vom Zerbrechen des Traums spricht, wodurch das Material zerstoben (ist), verflogen wie Nachtvögel und Fledermäuse im Frühlicht (2. Strophe), und in der dritten Strophe fast quälend die Helle des Tages einbrechen lässt, erhält in der vierten unter Führung des Cellos die Traumwelt neue Realität im Licht der Sonne, bis die Stimmen vertikal gehört werden können und zu Harmonie werden (alle Zitate: Henze).

Ravel hielt sich in seinem frühen Quartett - er empfand es als Abschluss seiner Studienzeit - eng an das Vorbild Debussy, und doch ist es ein eigenständiges Werk, besonders in der Ableitung der meisten Gedanken aus den Themen des 1. Satzes und der Wiederaufnahme früherer Motive. Eigenständig ist auch die Klanglichkeit, vor allem im 3. Satz. Im Finale lässt Ravel, der Sohn einer Baskin, zwar baskische Tanzrhythmik des Zortzico anklingen, allerdings selbständig variiert. Die Uraufführung 1904 rief verschiedene Reaktionen hervor: Debussy war begeistert, der Widmungsträger Fauré fand einiges zu kritisieren, und die Klassizisten, die den Rom-Preis zu vergeben hatten, konnten gar nichts damit anfangen.

rs