Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

733

20.3.2001, 20:15 Uhr (Zyklus A 75. Saison)
Stadtcasino Basel, Festsaal

Amar Quartett (Zürich)
Dimitri Ashkenazy, Klarinette

Brunner, Anna E., Violine 1
Gamma, Lorenz, Violine 2
Bärtschi, Hannes, Viola
Weber, Maja, Violoncello

Ashkenazy, Dimitri, Klarinette

Licco Amar hiess der Primgeiger jenes berühmten, 1921-1929 existierenden Quartetts, in dem Paul Hindemith die Bratsche spielte. Aus Anlass des 100. Geburtstages Hindemiths nahm das neue Amar-Quartett diesen Namen an, denn es möchte dem heute zu sehr vernachlässigten Oeuvre Hindemiths besondere Beachtung schenken. Das 1987 gegründete, seit 1996 in der heutigen Besetzung spielende Ensemble besteht aus vier jungen, zwischen 1971 und 1977 geborenen Schweizer Musikern. Geiger und Geigerin wechseln sich, wie in vielen jungen Quartetten üblich, am ersten Pult ab. Seit 1998 arbeitet das Quartett regelmässig mit dem Alban Berg Quartett in Köln. Im gleichen Jahr erhielt es in Cremona und in Bubenreuth Preise in Wettbewerben und gewann 1999 den Kammermusik-Wettbewerb des Migros-Kulturprozents. Für seine Konzerttätigkeit wurden ihm vier Stradivari-Instrumente der Stiftung Habisreutinger anvertraut.

Dimitri Ashkenazy, 1969 in New York geboren, seit 1978 in der Schweiz ansässig, begann mit dem Klavierspiel, wechselte aber bereits mit zehn Jahren zur Klarinette. Seit 1989 studierte er in Luzern und gewann viele Wettbewerbe. Seit 1991 tritt er in der ganzen Welt als Solist und Kammermusiker auf, leitet die Kammermusikgruppe «European Soloists Ensemble», musiziert mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering, seinem Bruder Vovka und seinem Vater Vladimir Ashkenazy.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 64, h-moll, op. 64, Nr. 2, Hob. III:68

Allegro spirituoso
Adagio ma non troppo
Menuetto. Allegretto - Trio
Finale. Presto

Paul Hindemith
1895-1963

Klarinettenquintett op. 30 (Neufassung 1954/55) (1923/54-55)

Sehr lebhaft
Ruhig
Schneller Ländler
Arioso
Sehr lebhaft

Ernest Bloch
1880-1959

Streichquartett Nr. 1, h-moll (1916/19)

Lamento. Andante moderato
Allegro frenetico
Pastorale. Andante molto moderato
Finale. Vivace allegro con fuoco

Haydns zweites Quartett ist das Moll-Werk der sechs dem Geiger und Tuchhändler Johann Tost gewidmeten Quartette op. 64. Sie scheinen - unser Stern belegt es - vom «Lerchenquartett» (Nr. 5) abgesehen - wenig gespielt zu werden. Dabei belegen sie Haydns Experimentierfreude, wie sie nach seinem Austritt aus dem Hofdienst und vielleicht bereits im Hinblick auf seine Englandreise typisch ist. Gerade das h-moll-Quartett ist ein besonders feines, sorgfältig gearbeitetes Stück. Kopfsatz und Finale leben vom Wechsel Moll-Dur. Der stark chromatisierte Kopfsatz ist auf zwei stark kontrastierenden Themen aufgebaut. Das Adagio in H-dur weist geradezu konzertante Elemente auf. Menuett und Trio (H-dur) kontrastieren: Tanzrhythmik in ständiger motivischer Arbeit und freundlich-helle Geigenmelodie. Virtuos das monothematisch geschlossene, gleichwohl pointenreiche Finale.

Sein Klarinettenquintett hat Hindemith als Mitglied des Amar-Quartetts am 7. August 1923 in Salzburg uraufgeführt. Die Jahre um 1920 sind für Hindemiths Entwicklung äusserst wichtig. Auf der einen Seite stehen die schockierend-progressiven Werke wie die Klaviersuite 1922 oder das skandalträchtige Opern-Triptychon, auf der andern Seite, und dies gerade in der Kammermusik, die Suche nach einer neuen Klassizität, insbesondere im Formalen, in der Melodik und in der Kontrapunktik. Im Quintett schliessen drei rasche Sätze zwei langsame ein: das kanonisch geführte Ruhig in dreiteiliger Liedform und das expressive Arioso. In der Mitte steht der scherzohafte Ländler. Was man bei der Lektüre der Satzbezeichnung höchstens ahnt: Kopf- und Schlusssatz sind (fast) identisch. Hindemith verwendet nämlich für das Finale den Kopfsatz im Krebs, d.h. er lässt ihn einfach rückwärts ablaufen. Was man gelegentlich spöttisch als billige Lösung aus Zeitknappheit beim Vielschreiber Hindemith bezeichnet hat, ist richtiger eine raffinierte kontrapunktische Technik, wie sie der Komponist mehrfach angewendet hat. 1954/55 hat Hindemith eine Neufassung des Quintetts angefertigt.

Der Genfer Bloch war als Geiger Schüler von Eugène Ysaye, als Komponist von Emile Jaques-Dalcroze und Ludwig Thuille. 1916 verliess er seine ihm wenig gewogene calvinistische Heimat, um zunächst als Tournee-Dirigent in den USA zu wirken. Hier hatte er als Komponist und Dirigent rasch Erfolg, was ihn vorerst bewog, in Amerika zu bleiben. Die Jahre 1912-17 gelten als seine jüdisch-hebräische Phase (bekanntestes Werk: Schelomo). Das umfangreiche 1. Quartett steht genau an diesem Übergang. Noch in Genf begonnen wurde es in New York als eines der letzten Werke der jüdischen Phase vollendet. In einem Brief an Alfred Ponchon vom Flonzaley Quartet, welches das Werk in New York mit grossem Erfolg uraufführte, äusserte sich Bloch über die drei ersten Sätze (gekürzt): Part I - LAMENTO. Decidedly of JEWISH inspiration - mixture of bitterness violence and of pain. Later a very Jewish theme of faith and ardour (which is found in others of my Jewish works), and then harsh and raucous, and more Hebraic especially the viola part to which I could almost give words. / Part II - I am almost certain that this Allegro frenetico will make you grind your teeth at first, regardless of your familiarity with modern music. My view of humanity is not too kindly. It is a horrible grimace, a witch’s stew with no small part of bile./ Part III - PASTORALE. It was composed almost entirely in open air, in the woods, the mountains. It is rather a «rêverie» in the solitude of nature. Das Finale beschrieb Bloch später als rhapsodisch und die vier Sätze abrundend und verbindend.

rs