Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

722

25.1.2000, 20:15 Uhr (Zyklus A 74. Saison)
Stadtcasino Basel, Festsaal

Henschel-Quartett (München)

Henschel, Christoph, Violine 1
Henschel, Markus, Violine 2
Henschel, Monika, Viola
Beyer, Mathias D., Violoncello

Immer wieder einmal ergibt sich die glückliche Konstellation des Familien-Quartetts – nicht selten allerdings mit einem/einer Zugewandten. Zu den jüngsten, aber um so erfolgreicheren zählt das 1988 gegründete Henschel Quartett. Sehr rasch erfolgten Einladungen in viele Länder Europas, in die USA und nach Japan sowie zu bedeutenden Festivals. 1995 erhielt das Quartett fünf internationale Preise für die überzeugendsten Interpretationen von Mozart über Bartók bis hin zu zeitgenössischen Werken. Dazu kommen Preise bei den bedeutendsten Wettbewerben (Charles Hennen Concours 1993, Mozart Wettbewerb Salzburg, Évian und Banff 1995, Osaka 1996). Die Zusammenarbeit mit Franz Beyer, dem Amadeus Quartett sowie Mitgliedern des Melos und Alban Berg Quartetts trug zur Qualität des Henschel Quartetts im Zeichen der europäischen Quartetttradition bei. Das Quartett pflegt das klassische und das zeitgenössische Repertoire. Auf Platten ist es mit Einspielungen von Haydn, Mendelssohn und Schubert (Streichquintett) hervorgetreten.

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 4, e-moll, op. 44, Nr. 2 (1837)

Allegro assai appassionato
Scherzo: Allegro di molto
Andante –
Presto agitato

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 73, F-dur, op. 74, Nr. 2, Hob. III:73 (1793)

Allegro spirituoso
Andante grazioso
Menuetto: Allegro
Finale: Presto

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 3, D-dur, op. 44, Nr. 1 (1838)

Molto allegro vivace
Menuetto: Un poco Allegretto
Andante espressivo ma con moto
Presto con brio

Der Höhepunkt in Mendelssohns Quartettschaffen mit insgesamt acht Werken ist, trotz den bewundernswerten Frühwerken op. 13 und 12 sowie dem aufwühlenden Requiem für seine Schwester Fanny, dem f-moll-Quartett op. 80, die Trias der Quartette op. 44. Das e-moll-Werk bildet, zehn Jahre nach dem offiziell ersten (op. 13) und acht nach op. 12 entstanden, den Auftakt. Mendelssohn hat es während seiner Hochzeitsreise skizziert und am 18. Juni 1837 zwar abgeschlossen, für die Herausgabe der drei Quartette aber nochmals gründlich überarbeitet, vor allem im Schlusssatz. Immer aufgefallen ist der Beginn, der im 1. Thema wörtlich das Finale von Mozarts g-moll-Sinfonie KV 550 zitiert. Das 2. Thema ist davon kaum abgesetzt, was den ganzen Satz als einen einheitlichen, formal nicht leicht zu durchschauenden Komplex erscheinen lässt. Leicht qualifizierbar ist das Scherzo: Elfenmusik à la Mendelssohn eben! Und doch klingen – neben einer komplizierten Formstruktur (einer Mischung zwischen Sonatenrondo und Scherzo-Trio-Typ) – nachdenkliche, besonders von der Bratsche vorgetragene Töne hinein. Der 3. Satz soll „durchaus nicht schleppend“ gespielt werden. Auch hier ist der Satzcharakter mit „Lied ohne Worte“ rasch umschrieben. Das attacca anschliessende Finale folgt ebenfalls einem Lied ohne Worte-Typ: dem schwungvoll dahinschiessenden, von wichtigen melodiösen Phrasen des Seitenthemas durchbrochenen impulsiven Sonatenrondos, wie es Mendelssohn mit grossem Erfolg auch in den beiden Klaviertrios angewendet hat.

Als Mendelssohn sein e-moll-Quartett komponierte, stand für ihn nicht fest, dass sich mit der Zeit ein Zyklus ergeben sollte. Doch im Juli 1837 schrieb er an Ferdinand Hiller, er habe ein „neues Violin-Quartett im Kopf fast ganz fertig“. Abgeschlossen wurde es am 6. Februar 1838. Auch an diesem Werk feilte er vor der Drucklegung immer wieder. Der Kopfsatz erinnert so sehr an Beethoven, dass man ihn gerne als klassizistisch abqualifiziert hat. Das Scherzo in c-moll lässt sich leicht in ein symmetrisches Schema ABCACBA aufteilen, doch werden die Grenzen der Teile verschleiert und der Satz nähert sich durch Verwandtschaft der Themen bzw. durch Kontraste einem Sonatenrondo an. Das As-Dur-Adagio, im Autograph noch als Andante sostenuto bezeichnet, erinnert sowohl an ein Lied ohne Worte als auch an den Charakter des e-moll-Quartetts. Das problemlos wirkende, doch raffiniert gearbeitete Finale verbindet Virtuosität mit strengem Satz, Spielfreudigkeit mit Spannung. Es ist vielleicht einer jener Sätze, auf die man nur allzu gerne den Vorwurf der Formglätte und des Klassizismus anwenden könnte, wären sie nicht, wie man gerade heute wieder neu entdeckt, in ihrem Miteinbezug der Gattungstradition Meisterwerke eigener Prägung.

Haydns Apponyi-Quartette sind die ersten für den grossen Konzertsaal geschriebenen Streichquartette. Was Haydn bereits in den für London komponierten Sinfonien gelungen ist, überträgt er hier auf die Kammermusik. Besonders das F-dur-Quartett hat, wie zu Beginn hörbar, sinfonischen Charakter: Ein achttaktiges Unisono-Signal eröffnet das Werk; daraus wird das Thema des monothematischen Kopfsatzes entwickelt. Das Andante gibt sich als unkomplizierte Variationenfolge (3 Variationen und Coda). Im Menuett kontrastiert das zarte Trio in Des-dur mit dem Ernst des Hauptteils. Grandios auftrumpfend das Finale: ein Sonatenrondo ohne Wiederholung, das unverkennbar zu Beethoven hinführt. Die lange Coda kulminiert fortissimo auf einem Orgelpunkt, bevor das Hauptthema nochmals auftritt und den Satz rasch zu Ende führt.

rs