Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

700

3.2.1998, 20:15 Uhr (Zyklus A 72. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Quatuor Mosaïques (Wien)

Höbarth, Erich, Violine 1
Bischof, Andrea, Violine 2
Mitterer, Anita, Viola
Coin, Christophe, Violoncello

Das 1988 gegründete Quatuor Mosaïques ist das namhafteste unter den Streichquartetten, die auf historischen Instrumenten spielen. Doch nicht nur Darmsaiten und der klassische Stimmton von 434 Hertz sind dabei entscheidend. Den französischen Namen des Quartetts hat der in Basel lehrende Cellist Christophe Coin als musikalisches Konzept angeregt: Man müsse auch bei einem musikalischen Text wie bei einem Mosaik die richtige Blickweise, nicht zu nah und nicht zu fern, finden, die Details und Einzelelemente genauso wie das Ganze pflegen. Den wesentlichen Impuls für die historische Aufführungspraxis erhielten die Quartettmitglieder von Nikolaus Harnoncourt. Erich Höbarth spielte neben seiner Funktion als Konzertmeister der Wiener Symphoniker gleichzeitig im Concentus Musicus. Noch heute bedient sich Höbarth der modernen Praxis: Als Primarius des Wiener Streichsextetts war er vor zwei Jahren bei uns zu Gast. Als einziges Ensemble mit historischen Instrumenten war es vor einem Jahr beim Beethoven-Zyklus in Zürich dabei. Der Kritiker der NZZ schrieb damals: «Die Musik Beethovens wird [...] in eine Fremde gerückt, die sie erst wieder neu erfahren lässt. In diesem Resultat fallen historische und avantgardistische Interpretation zusammen».

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 43, d-moll, op. 42, Hob. III:43 (1785)

Andante ed Innomentemente
Menuet – Trio
Adagio e cantabile
Finale: Presto

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 22, B-dur, KV 589 (1790)

Allegro
Larghetto
Menuetto: Moderato – Trio
Allegro assai

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 4, c-moll, op. 18 Nr. 4 (1798/1800)

Allegro ma non tanto
Scherzo: Andante scherzoso, quasi Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro – Prestissimo

Von Einzelstücken, Dreier- und Sechserserien

Haydns d-moll-Quartett op. 42 ist ein merkwürdiges Werk. Nicht nur steht es als einziges nicht im Rahmen einer Dreier- oder Sechsergruppe, sondern überrascht durch sein Kürze, einen langsamen Kopfsatz, ein Menuett an 2. Stelle und ein fugiertes Finale. Dies könnte auf eine Entstehung vor dem op. 33 hindeuten. Nun weiss man, dass Haydn 1784 an kurzen Quartetten für Spanien arbeitete; sie sind verloren. Vielleicht finden wir im op. 42, das im sorgfältig bearbeiteten Manuskript mit 1785 datiert ist, einen Rest oder zumindest einen Reflex dieser spanischen Quartette. Die zwar einfache, doch konzise Arbeit des op. 42 zeigt, dass die vielfach bezweifelte Datierung und Stellung zwischen den Opera 33 und 50 richtig ist. Der Kopfsatz ist ein monothematischer Sonatensatz, der mit drei Dur-Akkorden im pianissimo endet. Daran schliesst das D-dur-Menuett mit einem kurzen Trio, wieder in d-moll, an. Das einfache Adagio in B-dur mit seinem innigen Thema lässt an Mozart denken. Das Finale, eine Kombination von Fuge und Sonatensatz, ist trotz seiner Kürze der wichtigste Satz des Werkes. Nicht auf sein eigenes op. 20 greift Haydn hier zurück, sondern offensichtlich auf Mozarts KV 387, das erste jener ihm kurz zuvor gewidmeten sechs Quartette.

Mozart hat nach der lunga, e laboriosa fatica der «Haydn-Quartette» nur noch einmal zu einem Zyklus von sechs Quartetten angesetzt. Voller Hoffnung wollte er sie für Seine Mayestätt dem König in Preussen schreiben, doch wurde der Plan nie Wirklichkeit. Die Widmung kam nicht zustande, und es blieb bei drei Quartetten. Am 12. Juni 1790, wohl kurz nach Vollendung von KV 590, schrieb Mozart an Puchberg: Nun bin ich gezwungen meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen. Daraus ist zu entnehmen, dass Mozart die Komposition von Quartetten generell schwer fiel, er also nicht einmal in Geldnot noch rasch eine Sechserfolge komplettieren konnte, obwohl die drei «Preussischen» einfacher sind als die «Haydn-Quartette». Das Werk gipfelt nach einem durch seine ungeraden Taktperioden spannenden Menuett in einem Finale, das wie eine Huldigung an Haydn wirkt. Es geht aber in seiner kühnen Kontrapunktik und im schroffen Nebeneinander der Tonarten über jenen hinaus.

Als Beethoven seine sechs Quartette op. 18 veröffentlichte, war er dreissigjährig, kein jugendlicher Komponist mehr wie Mozart oder Schubert bei ihren ersten Quartetten – und auch keiner, der die Gattung erst schaffen musste wie Haydn. Nun steht unter den frühen Quartetten gerade das in c-moll mehr im Bereich der Konvention als die andern fünf Stücke. Darum hat man wie bei Haydns op.42 eine frühere Entstehung angenommen. Man höre sich nur das Finale an! Formale Vereinfachung und der Verzicht auf Durchführungselemente überraschen bei Beethoven ebenso wie der wenig individuelle c-moll-Charakter. Man hat das Werk aber auch anders, positiver bewertet. Beethoven hingegen war ungehalten darüber, dass sich Kritik und Publikum ausgerechnet für dieses Quartett begeisterte, und erklärte: Das ist ein rechter Dreck! gut für das Saupublikum. Trotzdem dürfen Sie, verehrtes Publikum, heute Gefallen an diesem Werk finden.

rs