Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

669

21.3.1995, 20:15 Uhr (Zyklus B 69. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Keller-Quartett (Budapest)
Michel Beroff, Klavier

Keller, András, Violine 1
Pilz, János, Violine 2
Gál, Zoltán, Viola
Kertész, Ottó, Violoncello

Beroff, Michel, Klavier

Im Jahre 1986 begannen vier junge ungarische Solisten in Budapest Kammermusik zu spielen. An der Franz Liszt-Akademie erhielten sie Unterricht bei Sándor Devich und György Kurtág. 1990 gewann das Quartett beim Wettbewerb in Evian den 1. Preis, wenig später den Primo Premio im Concorso Borciani. Es folgten Tourneen in Europa und Japan sowie Auftritte bei den Festspielen in Bath und Salzburg. In der Saison 91/92 war das Keller-Quartett mit grossem Erfolg erstmals in unseren Konzerten zu Gast. Die Kritik schrieb damals: »Bemerkenswert an dieser Formation ist vor allem die Homogenität in der klanglichen Erscheinung. Selten ist vier Musikern zu begegnen, die sich technisch durchgehend ebenbürtig sind, deren Auffassung in Phrasierung, Dynamik oder Vibrato-Gebrauch sich derart deckt.«

Michel Beroff, Klavier

Michel Beroff, 1950 in Epinal geboren, studierte in Paris bei Yvonne Loriod, der Gattin Messiaens. 1967 gewann er den 1. Preis im Messiaen-Wettbewerb von Royan; mit der Aufführung von Messiaens Werken schuf er sich einen Namen. Generell gilt er als Spezialist für das 20. Jahrhundert (Debussy, Bartók, Strawinsky, Prokofjew und Avantgarde), hat sich aber auch intensiv mit Mozart und Liszt auseinandergesetzt. Seit 1988 unterrichtet er in Bloomington (USA).

Robert Schumann
1810-1856

Klavierquintett Es-dur, op. 44 (1842)

Allegro brillante
In Modo d’una Marcia: Un poco largamente – Agitato
Scherzo: Molto vivace – Trio I – Trio II
Allegro ma non troppo

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 16, B-dur, op. 133 «Grosse Fuge» (1825)

Overtura: Allegro – Meno mosso e moderato –
Fuga: Allegro – Meno mosso e moderato – Allegro molto e con brio

Béla Bartók
1881-1945

Klavierquintett, Sz 23/DD 77 (1903–4, 1920)

Andante e allegro molto
Vivace scherzando
Adagio molto
Poco a poco più vivace – Allegro vivace quasi presto

Im Schaffen Bartóks steht das (zweite) Klavierquintett (nach einem ersten von 1897) an einer Wende. Es bildet den Abschluss der Früh- und Jugendwerke; darum trägt es im Verzeichnis dieser Werke von Denijs Dille [DD], der das Werk auch herausgegeben hat, die letzte Nummer. (A. Sz1oll1osy [Sz] kannte noch nicht das gesamte Frühschaffen, darum ist seine Nummer deutlich tiefer.) Bartók selbst gab dem folgenden Werk, der Klavierrhapsodie von 1904, ostentativ die Opuszahl 1. Vorausgegangen war dem Quintett Bartóks erfolgreichstes Frühwerk, die grosse patriotische Sinfonische Dichtung Kossuth über den Helden des ungarischen Freiheitskampfes von 1848/49 gegen Österreich. War Kossuth von Liszt und Richard Strauss beeinflusst, so steht das sich ebenfalls ungarisch gebende Quintett durch Vermittlung des um vier Jahre älteren Freundes Ern1o (Ernst) von Dohnányi unter dem Einfluss von Brahms. Wer in der europäischen Kunstmusik hätte einem jungen Romantiker besser die Verbindung ungarischer Musiksprache und (Klavier-) Kammermusik vermitteln können als Brahms? Und doch ist es Bartók, den wir hören, etwa in der Spannung der gegensätzlichen Tonarten C und Fis im Verhältnis des Tritonus (des verpönten Diabolus in Musica), die sieben Jahre später in der Hauptszene von Herzog Blaubarts Burg so bedeutungsvoll werden sollte. »Das Werk ist gänzlich mit offenbaren und verborgenen Fäden thematischer Beziehungen durchwoben, wodurch die Komposition auch als eine auf einige Grundgedanken aufgebaute, monumentale ›Variationsreihe‹ aufgefasst werden kann, die im Rahmen des klassischen Sonatenzyklus untergebracht ist« (F. Bonis). Bartók hat das Quintett wiederholt selber gespielt und es dafür mehrmals revidiert. Als ihm aber 1921 Zuhörer sagten, es gefalle ihnen besser, als was er später geschrieben habe, zog er es erzürnt zurück, so dass es lange als verloren galt.

Beethovens ursprüngliches Finale des B-dur-Quartetts op. 130 war wohl für lange Zeit das kühnste und modernste Werk des 19. Jahrhunderts. In der Overtura werden die vier Varianten des nachher »tantôt libre, tantôt recherchée« abgehandelten Fugenthemas vorgestellt. Für Beethoven ist »das Fugenmodell mit seinen kontrapunktischen Möglichkeiten und Kunstgriffen willkommen als Mittel und Zweck, 4 Stimmen in höchster linearer Selbständigkeit in gemeinsamer Aussage aneinanderzuketten« (A. Werner-Jensen).

Schumanns Klavierquintett entstand kurz nach Abschluss der drei Streichquartette vom 23. bis 28. September 1842 und ist seiner Frau Clara zugeeignet. Im Februar 1843 spielte sie es anlässlich ihrer Versöhnung mit ihrem Vater in Dresden. Auch Richard Wagner, damals noch ein Bewunderer Schumanns, war anwesend; er schrieb am 25. Februar an Schumann: »Ihr Quintett, bester Schumann, hat mir sehr gefallen: ich bat Ihre liebe Frau, es zweimal zu spielen. Besonders schweben mir noch lebhaft die zwei ersten Sätze vor. Ich hätte den vierten Satz einmal zuerst hören wollen, vielleicht würde er mir dann besser gefallen haben. Ich sehe, wo hinaus Sie wollen, u. versichere Ihnen, da will auch ich hinaus: es ist die Schönheit!«

rs