Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

668

14.3.1995, 20:15 Uhr (Zyklus A 69. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Emerson String Quartet (New York)

Drucker, Eugene, Violine
Setzer, Philip, Violine
Dutton, Lawrence, Viola
Finckel, David, Violoncello

Das Emerson-Quartett darf heute ohne Zweifel zu den bedeutendsten Streichquartetten nicht nur amerikanischer Provenienz gezählt werden. Es ist regelmässiger Gast in unseren Konzerten. Die vier Musiker, zwischen 1951 und 1954 geboren, haben ihr Ensemble Mitte der siebziger Jahre nach dem Begründer des amerikanischen Transzendentalismus, dem Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803-1882) benannt. Nach der Quartettgründung, die unter Obhut von Robert Mann, dem Primarius des Juilliard String Quartet, geschah, liessen Erfolge in Wettbewerben (Naumburg Foundation Award 1978) und auf Konzerttourneen nicht auf sich warten. Beibehalten haben die beiden Geiger seit Anbeginn als Zeichen der Gleichberechtigung, wie sie sonst kaum zu finden ist, den regelmässigen Wechsel ihrer Positionen. Für viele ihrer Aufnahmen wurden die Emersons mit Preisen ausgezeichnet. Schon 1988 erschienen Bartóks Quartette, dann Mozart, Ives, Barber, Schuller, Dvo6rák (mit dem Pianisten Menahem Pressler) und neuerdings, ebenso preiswürdig, Weberns Werke für Streichtrio und für Quartett.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 37, h-moll, op. 33, Nr. 1, Hob. III:37 (1778/81)

Allegro moderato
Menuetto (Scherzando): Allegro – Trio
Andante
Finale: Presto

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. 51, B 92 (1878/79)

Allegro ma non troppo
Dumka (Elegie): Andante con moto – Vivace
Romanze: Andante con moto
Finale: Allegro assai

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 6, Sz 114 (1939)

Mesto – Vivace
Mesto – Marcia
Mesto – Burletta: Moderato
Mesto

Fast zehn Jahre hatte Haydn nach der Komposition der 18 Quartette op. 9, 17 und 20 (1769-1772) gewartet, bis er sich wieder der Streichquartettkomposition zuwandte. So gross war der Unterbruch nur noch zwischen den Opera 1 und 2 bis hin zu den erwähnten Quartetten. Beidemale war der Sprung in der Entwicklung gewaltig. Mit dem op. 33, das Haydn wohl kaum nur aus Werbegründen als »auf eine gantz neue besondere Art« geschrieben bezeichnet hat, ist nicht nur ein Standard erreicht, an dem der Komponist später keine wesentlichen Veränderungen mehr vornehmen musste, sondern es hatte, jedenfalls gemäss den veröffentlichten Meinungen der Zeitgenossen, eine neue Epoche der Quartettkunst begonnen. Das h-moll-Quartett, zwar nicht als erstes der Serie komponiert, zeigt noch am ehesten Bezüge zu den älteren Quartetten, etwa in der Leidenschaftlichkeit, wie sie sich im ernsten Tonfall des Kopfsatzes äussert. Hier erinnert der raffinierte, tonal unbestimmte Beginn, der erst in mehreren Anläufen zur Haupttonart und zum Thema findet, an op. 20. Anstelle des Menuetts ist in allen sechs Quartetten das Scherzo getreten. Im h-moll-Werk nimmt Haydn das Scherzo-Thema unverkennbar im Andante wieder auf, bevor er das Werk mit einem nur bedingt heiteren Sonatensatz abschliesst.

Mit den Opera 34 und 51 (1877 und 1878/79) hat auch Dvorák nach acht früheren Werken seine Quartett-Meisterschaft erreicht. Sie geht einher mit dem Einsatz der Nationalmusik in der Kunstmusik, also ausserhalb jenes Bereichs der Tänze, Duette und Rhapsodien, der bisher Dvorák so viel Erfolg gebracht hatte. »Die nationale Komponente tritt bei diesem Es-dur-Quartett vor allem im 2. und 4. Satz zutage. Um eine Dumka, eine Art Ballade ukrainischen Ursprungs, handelt es sich beim 2. Satz. Als tschechische Skocna wiederum entpuppt sich der auf die Romanze folgende, in Rondoform durchgeführte Schlussatz. Auch in diesem Allegro assai findet Dvorák zu einer glücklichen Synthese von kraftvoller Urwüchsigkeit und feinster kammermusikalischer Satzkunst« (H.C. Worbs). Immerhin sei festgehalten, dass der Einbezug der Nationalmusik auf den Wunsch des Auftraggebers Jean Becker, des Primarius des Florentiner Streichquartetts, zurückgeht, der von Dvorák ausdrücklich ein slawisches Quartett wünschte.

Bartók, lange Zeit ein Meister in der Synthese von Kunst- und Volksmusik, wandte sich im sechsten, vom Komponisten als Gast Paul Sachers in Gstaad im August 1939 begonnenen Quartett von diesem Prinzip ab. Die Zeit verlangte wohl anderes, wie die verschiedenen, stetig wachsenden Abhandlungen derselben Mesto-Musik zu Beginn der vier Sätze zeigen. Obwohl parodistisch-groteske Elemente in den Mittelsätzen nicht fehlen, ist es der Trauerton, der den Charakter des Werks bestimmt. Die Rückkehr zur Viersätzigkeit und zur Tonalität sind äussere Zeichen für den neuen Standort in Bartóks Leben und Schaffen. Das Auskosten des Mesto-Charakters bis hin zum Verstummen bedeutet nicht nur den Schluss von Bartóks Quartettschaffen, sondern auch, was der Komponist nicht wissen konnte, des letzten in Europa geschriebenen Werks.

rs