Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

647

19.1.1993, 20:15 Uhr (Zyklus B 67. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Brodsky Quartet (London)

Thomas, Michael, Violine 1
Belton, Ian, Violine 2
Cassidy, Paul, Viola
Thomas, Jacqueline, Violoncello

Das Quartett hat seinen Namen nach dem russischen Geiger Adolf Brodsky (1851-1929) - er hatte 1881, dem Geburtsjahr Bartóks, in Wien Tschaikowskys Violinkonzert uraufgeführt - gewählt. Die vier Quartettmitglieder musizieren seit frühester Kindheit miteinander und haben trotz noch immer jugendlichem Alter eine gemeinsame Praxis und Erfahrung von mehr als zwanzig Jahren. Vier Jahre lang waren sie Quartet in residence der University of Cambridge. Zur Zeit unterrichten sie am Welsh College of Music und sind Resident Quartet an der University of Middlesex. Berühmt geworden ist das Ensemble durch seine Aufnahme sämtlicher Quartette Schostakowitschs im Jahre 1989. Diese Aufnahmen wurde von der Kritik mit hohem Lob bedacht. In der "russischen" Saison 92/93 gastierte das Brodsky Quartet mit grossem Erfolg in unseren Konzerten und spielte dabei Schostakowitschs 10. Streichquartett. Erwähnenswert für die Aufgeschlossenheit des Quartetts ist die Partnerschaft mit dem britischen Pop-Intellektuellen Elvis Costello, der 1992 die "Juliet Letters, a song sequence for string quartet and voice" entsprangen.

Frank Bridge
1879-1941

Three Idylls for String Quartet, H. 67 (1906)

Adagio molto espressivo – Allegro moderato e rubato
Allegro poco lento
Allegro con moto

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 10, As-dur, op. 118 (1964)

Andante –
Allegretto furioso –
Adagio –
Allegretto

Franz Schubert
1797-1828

Quartettsatz c-moll, D 103 (Fragment, ergänzt von Alfred Orel) (1814)

Grave – Allegro

Robert Schumann
1810-1856

Streichquartett Nr. 3, A-dur, op. 41/3, Felix Mendelssohn-Bartholdy gewidmet (1842)

Andante espressivo – Allegro molto moderato
Assai agitato (con variazioni) – Un poco adagio – Tempo risoluto
Adagio molto
Finale: Allegro molto vivace – Quasi Trio

(zu Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 10, As-dur, op. 118)

Nur gerade elf Tage brauchte Schostakowitsch im Juli 1964, um das 10. Quartett niederzuschreiben. Er widmete es seinem jüngeren Freund, dem polnischen Komponisten und Pianisten Moissej Wainberg (Mieczysław Weinberg, 1919-1996, 1939 nach Russland geflohen), der erst jetzt richtig entdeckt wird (Uraufführung seiner Oper „Die Passagierin“ von 1968 und Aufführungen anderer Werke bei den Bregenzer Festpielen 2010). Dessen damals neun Quartette (von insgesamt 17) hat Schostakowitsch zu diesem Zeitpunkt mit dem zehnten zumindest an Zahl überboten. Im Gegensatz zum 9. Quartett mit seinen fünf attacca ineinander übergehenden Sätzen, das kurz zuvor entstanden war und mit dem zusammen es am 20. November vom Beethoven-Quartett uraufgeführt wurde, weist das 10. Quartett einzig zwischen dem 3. und 4. Satz die Bezeichnung attacca auf. Die Satzfolge ist Langsam - Schnell - Langsam - Schnell. Auf eine leichte, zurückhaltende Sonatine folgt ein wildes Scherzo, das in seiner harten Motorik an das Stalin-Porträt in der 10. Sinfonie erinnert. Nach diesem kurzen aggressiven Zwischenspiel beruhigt eine langsame Passacaglia (mit einem neun- statt achttaktigen Thema) die Gemüter wieder. Das Finale nimmt am meisten Raum ein und weist einen ebenfalls bei Schostakowitsch typischen Charakter auf: Ein nicht allzu schnelles ostinatohaftes Thema im Staccato wird, von wenigen Unterbrüchen abgesehen, ständig wiederholt, bis es nach dem Zitat des Hauptthemas aus dem ersten Satz zum Schluss beruhigt pianissimo ausläuft.

(zu Schumann, Streichquartett Nr. 3, A-dur, op. 41/3, Felix Mendelssohn-Bartholdy gewidmet)

Schumanns Schaffen verlief in der Frühzeit in Schüben: Auf die Klavierjahre folgten das Liederjahr 1840, das Sinfoniejahr 1841 und das Kammermusikjahr 1842. Doch hatte Schumann bereits 1838/39 an die Komposition von Streichquartetten gedacht, ja wohl auch mit der Komposition begonnen. An Clara schrieb er am 11. Februar 1838: „Auf die Quartette freue ich mich selbst, das Klavier wird mir zu enge, ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann, namentlich ist es sonderbar, wie ich fast alles kanonisch erfinde.“ Ehe er seine Idee 1842 mit gleich drei Quartetten in die Tat umsetzte, studierte er eingehend die Quartette Mozarts und Beethovens. Auch die Quartette Mendelssohns, dessen drei Quartette op. 44 1837/38 entstanden, fehlten nicht. Ihm widmete er seine neuen Werke - und hält sich auch formal mehr an diese Vorbilder als etwa an Beethoven. Noch 1847, als er sich mit der Komposition von Klaviertrios wieder der Kammermusik zuwandte, freute er sich an seinen einzigen Streichquartetten: „Ich betrachte sie noch immer als mein bestes Werk der früheren Zeit, und Mendelssohn sprach sich oft in demselben Sinne aus.“ Das 3. Quartett darf wohl als Höhepunkt gelten (Mendelssohn gab allerdings bei der ersten privaten Aufführung der Nr. 1 den Vorzug.), ist es doch auch das schwungvollste der drei. Innerhalb dieses Werks dürfte der 2. Satz der ungewöhnlichste sein, ein Pseudo-Scherzo, das sich zu einer Variationenfolge in fis-moll entwickelt. Vor dem heiteren Finale, das von sanglichen Einschüben unterbrochen wird, erklingt ein ebenfalls rondoartig angelegtes Adagio in D-dur, das von ausdrucksvoller Lyrik geprägt ist.