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17.3.1992, 20:15 Uhr (Zyklus A 66. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Emerson String Quartet (New York)

Drucker, Eugene, Violine
Setzer, Philip, Violine
Dutton, Lawrence, Viola
Finckel, David, Violoncello

Das Emerson String Quartet ist nicht das einzige Quartett, bei dem regelmässig der erste und zweite Geiger ihre Positionen tauschen – aber es ist sicher das grossartigste und bedeutendste, das diese Eigenschaft konsequent pflegt. Mitte der siebziger Jahre wurde es von Musikern der Generation der ersten Hälfte der fünfziger Jahre unter dem Patronat von Robert Mann (Juilliard String Quartet) gegründet und nach dem amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803–1882), dem Begründer des amerikanischen Transzendentalismus, benannt. Inzwischen hat es die höchsten Stufen der Quartettkunst erklommen und darf als das namhafteste amerikanische Quartett gelten. Sein Ruf und seine Interpretationen bilden heute Referenzstandard. Zahlreich sind seine CD-Einspielungen...

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 14, G-dur, KV 387 (1782)

Allegro vivace assai
Menuetto: Allegretto – Trio
Andante cantabile
Molto allegro

Maurice Ravel
1875-1937

Streichquartett, F-dur (1902/03)

Allegro moderato, Très doux
Assez vif, Très rythmé – Lent – 1º Tempo
Très lent
Vif et agité

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 5, Sz 102 (1934)

Allegro
Adagio molto
Scherzo: Alla bulgarese
Andante
Finale: Allegro vivace – Presto

(zu Bartók, Streichquartett Nr. 5, Sz 102)

Mit Bartóks 5. Quartett schliesst unser diesjähriger Bartók-Zyklus. H. Oesch schrieb 1958 anlässlich des Basler Bartók-Festes: "In ziemlich weitgehender Übereinstimmung mit dem architektonischen Bau der fünf Sätze (schnell-langsam-schnell-langsam-schnell) des vierten Quartetts ist das Werk symmetrisch um einen Mittelpunkt herum gebaut und gleicht einer Blütenknospe, deren Blätter den Blütenkeim einhüllen. Dieser Symmetriemittelpunkt ist das Trio des schnellen Mittelsatzes oder noch genauer: eine in diesem Trio von der Bratsche vorgetragene schlichte Melodie. Um diesen Kern hüllt sich auf beiden Seiten erst einmal das Scherzo mit seinem Da-capo-Teil; eine zweite Hülle bilden die langsamen Sätze 2 und 4, die sich formal und im Charakter entsprechen, und eine dritte die raschen Sätze 1 und 5, die ebenfalls wieder wegen des gleichen, aber verschieden verarbeiteten Materials zusammengehören."

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 14, G-dur, KV 387)

Über die Entstehungsgeschichte der sechs sogenannten Haydn-Quartette wissen wir wenig, da Mozart in seinen Briefen darüber weitgehend schweigt. Doch zeigt ein Brief vom 26. April 1783 an den Pariser Verleger Joseph Sieber père, dass schon damals ein Zyklus von sechs Quartetten geplant war, obwohl erst KV 387 vorlag. Wie stark auch darin das Vorbild, Haydns op. 33, war, ist unklar. Auf dem Autograph des G-dur-Quartetts vermerkte Mozart, es sei li 31 di decembre 1782 in vienna geschrieben worden. Den neuen Stil – in Anlehnung an Haydns gantz neue Art des op. 33 – zeigt schon der Kopfsatz: ein bewundernswertes, kontrapunktisch angelegtes Hauptthema wird sogleich in motivisch-thematischer Arbeit weitergeführt. Das Menuett ist überraschend ausgedehnt und in raschem Tempo gesetzt; das Trio weicht in dunkles g-moll aus. Das Andante bildet mit seinen drei fein gegeneinander abgesetzten Themen das expressive Zentrum des Werkes, bevor eine gewagte Verbindung von Sonatenform und Fuge das Werk brillant und geistreich-spielerisch abschliesst.

Worin liegen nun Mozarts Neuerungen gegenüber Haydn?

Im oft als «Frühlingsquartett» bezeichneten G-dur-Werk sind es konstruktive Elemente, so die konsequente Anwendung des Sonatensatzes in allen vier Sätzen - ja, auch im Menuett. Gerade dieser Satz wird, äusserlich an der Dauer erkennbar, aufgewertet, hier etwa durch zwei Themen mit melodischer Umkehrung in der Durchführung. Der langsame Satz in C-dur weist zwar keine Durchführung, wohl aber Durchführungselemente auf. Im Finale verbindet Mozart Fuge und Sonatensatz, also kontrapunktische und homophone Elemente. Auffällig für Mozarts neuartige Verarbeitungstechnik ist der Kopfsatz: Statt wie Haydn die Themen in kleinste Motive aufzulösen, setzt er auf die Auflösung vertikal geprägter Harmonik und Akkordspannungen in die melodische Horizontale.

(zu Ravel, Streichquartett, F-dur)

Am 5. März 1904 gelangte das einzige Streichquartett von Ravel zur Uraufführung, das in den vorangehenden zwei Jahren (Dezember 1902, Sätze 1 und 2, bis April 1903, Sätze 3 und 4) entstanden war und fast ein Jahr auf die Uraufführung warten musste. Diese rief verschiedene, z.T. heftige Reaktionen hervor: Debussy war begeistert, Ravels Lehrer und Widmungsträger Fauré fand einiges zu kritisieren, und die Klassizisten, die den Rom-Preis zu vergeben hatten, konnten gar nichts damit anfangen. Deshalb wurde Ravel 1905 die Teilnahme am Rompreis-Wettbewerb verwehrt. Dies hatte allerdings Konsequenzen: der Direktor Dubois wurde entlassen, und Fauré wurde sein Nachfolger – was ein Streichquartett nicht alles auslösen kann! Ravel hielt sich in diesem frühen Werk – er empfand es als Abschluss seiner Studienzeit – zwar an das Vorbild Debussys, und doch ist ein eigenständiges Werk entstanden, besonders in der Ableitung der meisten Gedanken aus den Themen des 1. Satzes und der Wiederaufnahme früherer Motive, insbesondere im 3. und 4. Satz. Eigenständig ist auch die Klanglichkeit, vor allem im 3. Satz, der mit seinen Tempo- und Tonartwechseln rhapsodischen Charakter aufweist. Die besonderen Klänge werden durch spezielle Spielweise, nicht zuletzt in hohen Lagen, bewirkt. Im Finale, das auf einem chromatischen Fünftonmotiv beruht, lässt Ravel, der Sohn einer Baskin, die baskische Tanzrhythmik des Zortzico anklingen (Abwechslung von Fünfer- und Dreiertakt), variiert diese allerdings selbständig.