Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

591

3.11.1987, 20:15 Uhr (Zyklus A 62. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Trio di Trieste (Triest)

Zanettovich, Renato, Violine
Baldovino, Amedeo, Violoncello
de Rosa, Dario, Klavier

Joseph Haydn
1732-1809

Klaviertrio Nr. 44, E-dur, Hob. XV:28 (vor 1797)

Allegro moderato
Allegretto
Finale: Allegro

Johannes Brahms
1833-1897

Klaviertrio Nr. 3, c-moll, op. 101 (1886)

Allegro energico
Presto non assai
Andante grazioso
Allegro molto

Franz Schubert
1797-1828

Klaviertrio Nr. 1, B-dur, op. 99, D 898 (1828 ?)

Allegro moderato
Andante un poco mosso
Scherzo. Allegro – Trio
Rondo: Allegro vivace

(zu Brahms, Klaviertrio Nr. 3, c-moll, op. 101)

Sieben Jahre nach Hubers Trio erklang am 21. November 1887 das im Sommer 1886 am Thunersee entstandene c-moll-Trio überraschend erstmals in Basel – mit Brahms am Klavier. Das kam so: Joseph Joachim sollte mit dem Beethoven-Konzert bei der AMG auftreten, brachte unerwartet Brahms und den Cellisten Robert Hausmann mit und setzte auch das neue, im Oktober uraufgeführte Doppelkonzert op. 102 aufs Programm. Während der Probe trat Brahms mit der Bemerkung «Ich bin nämlich der, der das Stück gemacht hat» ans Dirigentenpult, «übernahm selbst die Direktion in Probe und Konzert und belohnte die Basler für die ihnen aufgezwungene, etwas spröde Kost durch die Mitwirkung in einem Kammermusikabend am darauffolgenden Tag, in dem er sein Trio in C-moll spielte» (Erinnerungen von Rudolf Löw, 1924; von ihm stammen mehrere Huber-Bildnisse, eines hier im Hause). «Im nicht eben überfüllten alten Konzertsaale des Stadtkasinos», schrieb der Kritiker der Basler Nachrichten, «war den Hörern eine tüchtige receptive Leistung zugemuthet», doch scheinen ihm die Mittelsätze des Trios gefallen zu haben. Den zweiten Satz nennt er «eine Perle Brahms’scher Dichtung», die beweise, «dass der Meister auch Melodien, und zwar von den schönsten und süssesten bieten kann. Der erste etwas wilde und der vierte Satz sind schwerer verständlich.» Wie schon bei Huber spielte der Basler Cellist Moritz Kahnt den Cellopart. Ebenso überraschend erklang das Trio tags darauf in Zürich. Arthur Steiner beschrieb das Konzert in der NZZ vom 29. November: «Es war ein denkwürdiger Abend. Der Komponist spielte selbst den Klavier-Part in der ihm eigenen breiten, prägnanten Weise. Was die Kompositionen betrifft, so glaubten wir zu bemerken, dass das Trio einen grossen überzeugenden Eindruck gemacht hat. Es wird ohne Zweifel sehr rasch sich durch alle Konzertsäle seinen Weg bahnen und sich in den eisernen Bestand der Kammermusik-Literatur einreihen. Es ist jung und lebhaft ohne jede Überschwänglichkeit. Auch das Andante will nicht in die Tiefe bohren, süss und schwärmerisch wie ein alter Minnesang, aber einfach und natürlich strömt es dahin. Die Streicher auf der einen, das Klavier auf der anderen Seite führen einen überaus reizvollen Wechselgesang. Ist es ein altes Lied, auf das sich Beide besinnen müssen? Wo die eine Gruppe den Faden verlor, nimmt ihn die andere auf und spinnt ihn weiter, und so ergänzen und erwärmen sie sich gegenseitig. Das Trio führt die Sprache des Meisters, der aus dem Vollen schöpft; mit leichter Hand führt er seine Stimmen durch die sonnigen Gefilde quellenden Wohllautes, seltener als früher durch zerklüftete Engpässe. Das Publikum drängte sich auf allen Plätzen und verstieg sich in seiner Begeisterung zu Temperaturen, die sonst nicht gebräuchlich sind.»

(zu Schubert, Klaviertrio Nr. 1, B-dur, op. 99, D 898)

Das Trio op. 99 - Schubert hat die Opuszahlen der beiden Trios noch selbst vergeben - ist eines der beliebtesten und schönsten Instrumentalwerke Schuberts, obwohl manche das Trio op. 100 vorziehen. Es wirkt scheinbar problemlos, pendelt zwischen Energie (gleich zu Beginn) und melodischer Lyrik (im Andante), zwischen lockerer Heiterkeit (Scherzo) und wienerischem Charme (Finale) hin und her - und passt so gut in eines der zahlreichen Schubert-Klischees: Schubert, der ohne Reflexion und wo möglich ohne völlige Beherrschung der strengen Form naiv-heiter und ohne Schwierigkeiten Meisterwerke schafft, doch am stärksten in der lyrischen Kleinform des Liedes volle Meisterschaft erreicht. Dass Schubert im Spätwerk gerade im Formalen bewusst eigene, andere Wege als die Vorbilder ging, hat die neuere Forschung klar erwiesen. So hat er seine eigene Frage, wer nach Beethoven noch etwas zu machen vermöge, selber beantwortet, gerade in der formalen Vielfalt, der Andersartigkeit der Themengestaltung und deren Verarbeitung, d.h. in der nicht selten bewussten Abkehr vom übermächtigen Vorbild. So wirkt auch das B-dur-Trio äusserlich klassisch, im Detail steckt es aber voller Überraschungen.