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4.11.1986, 20:15 Uhr (Zyklus A 61. Saison)
Stadtcasino, Festsaal
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Stern, Mitchell, Violine 1
Carney, Laurie, Violine 2
Avshalomov, Daniel, Viola
Geber, David, Violoncello
(zu Schönberg, Streichquartett Nr. 3, op. 30) Schönbergs 3. Quartett fand widersprüchliche Beurteilungen: Ein Wiener Kritiker beanstandete nach der Uraufführung durch das Kolisch Quartett "dieses nun schon seit Jahren zur Genüge bekannte ständige Gepiepse in den Geigen und Geraunze im Cello, diese belanglose Thematik und ihre gehörmässig ununterscheidbaren organischen Zusammenhänge". Theodor W. Adorno hingegen schrieb nach der Frankfurter Erstaufführung: "Ein mächtiges Werk, unerbittlich und unangreifbar wie keine Kammermusik seit 1827, von niederzwingender Gewalt!". Seit den beiden ersten, noch weitgehend tonal gebundenen Quartetten hatte Schönberg in den frühen zwanziger Jahren seine Theorie von der "Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" entwickelt. Er behandelt die Zwölftontechnik allerdings öfters frei und hält sich nicht strikt an das Verbot der Tonwiederholung. So umfassen die beiden Themen, welche im ersten Satz des 3. Quartetts die Zwölftonreihe ergeben, auf der das ganze Werk aufgebaut ist, jeweils zehn Töne; es kommen drei Tonwiederholungen vor. Vielfache Variationen (Umkehrung, Krebs etc.) dieses Reihenmaterials erleichtern das Erkennen der musikalischen Vorgänge nicht - was durchaus Schönbergs Vorstellungen entsprach, denn er glaubte, dass das moderne Ohr die unveränderte Wiederholung von Themen nicht mehr wünsche. Die amerikanische Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge hatte Schönberg um eine Komposition für Kammerorchester gebeten. Schönberg ersetzte sie durch sein beinahe beendetes 3. Quartett. Dass Miss Sprague, extra aus Amerika angereist, bei der Uraufführung mit ihrem Hörrohr in der ersten Reihe sass, veranlasste den bereits erwähnten Kritiker zur Bemerkung, sie möge "für das schöne Geld infolge ihrer Schwerhörigkeit hoffentlich einen wenigstens erträglichen Eindruck davon gewonnen haben". Heutige Ohren schaffen dies leicht.
(zu Schubert, Streichquartett Nr. 14, d-moll, op. post., D 810 «Der Tod und das Mädchen») Im Februar und März 1824 war Schubert in einer Art Schaffensrausch «unmenschlich fleissig» (Schwind). Neben dem am 1. März beendeten Oktett kündigt er drei Streichquartette an. Nur das a-moll-Quartett erlebt am 24. März seine Uraufführung und erscheint im Druck. Doch auch das d-moll-Werk muss damals entstanden sein, wird aber erst 1826 geprobt (Schubert nimmt dabei noch Korrekturen vor) und am 1. Februar erstmals aufgeführt. Hat Schubert das düstere Werk – alle vier Sätze stehen in Moll – wegen seiner Kühnheit zurückbehalten? Denn was er im Harmonischen und mehr noch im Ausdruck erreicht, ist selbst im Vergleich mit Beethovens Spätwerk neuartig. Schon in der Wahl der Variationenvorlage ist Todesnähe erkennbar. Das Todesmotiv tritt in Verbindung mit dem für Schubert so typischen Wanderrhythmus des Daktylus: lang-kurz-kurz. Der Tod kommt als Wanderer, Verkörperung von Fremdsein und Ausgeschlossensein (Denken wir an den wandernden Müllerburschen und an den Wanderer der Winterreise!), daher. Im Lied sanft und friedlich (Bin Freund und komme nicht zu strafen...), lange nicht so traurig wie der Leiermann am Ende der Winterreise, zeigen einige Variationen seine gewalttätige Macht. Noch gewaltsamer ist sein Auftritt in der Reiterhektik des Finale, wo plötzlich des Knaben Frage Siehst Vater du den Erlkönig nicht? aufscheint. So endet das Quartett in einer Art Totentanz und erreicht eine existenzielle Ausdruckskraft, die um 1824/26 ebenso schauerlich wirken musste wie die Lieder der Winterreise.
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