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5.2.1985, 20:15 Uhr (Zyklus A 59. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Orford String Quartet (Toronto)

Dawes, Andrew, Violine 1
Perkins, Kenneth, Violine 2
Helmer, Terence, Viola
Brott, Denis, Violoncello

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 3, D-dur, op. 18, Nr. 3 (1798/1800)

Allegro
Andante con moto
Allegro – Minore – Maggiore
Presto

R. Murray Schafer
1933-

Streichquartett Nr. 1 (1970)

In einem Satz

Johannes Brahms
1833-1897

Streichquartett Nr. 1, c-moll, op. 51, Nr. 1 (1873)

Allegro
Romanze: Poco adagio
Allegretto molto moderato e comodo – Un poco più animato
Finale: Allegro

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 3, D-dur, op. 18, Nr. 3)

Mit Beethovens Opus 18 steht die Komposition von Streichquartetten im Moment eines entscheidenden Wandels. Es ist kein Zufall, dass dies genau im Zeitpunkt der Jahrhundertwende geschah: Die Klassik eines Haydn und Mozart, die noch vor nicht allzu langer Zeit im Gewande des Rokoko daher gekommen war, neigte sich ihrem Ende zu, eine neue Klassik, die sich mit romantischen Elementen verbinden sollte, stand am Horizont. 1797 hatte Haydn die Quartette op. 76 komponiert und sie 1799 veröffentlicht; in diesem Jahr entstand auch das unvollständige op. 77. Zur gleichen Zeit arbeitete Beethoven erstmals an Streichquartetten. Zuvor oder gleichzeitig hatte er sich in erstaunlicher Weise fast allen Kammermusikgattungen gewidmet und folgende Werke einer Opuszahl, d.h. der Veröffentlichung gewürdigt: Klaviertrios (op.1; um 1794), Klaviersonaten (op. 2, 7, 10, 13 und 14; 1795-99), Streichquintett (op. 4 nach einem früheren Bläseroktett), Cellosonaten (op. 5; 1796), Streichtrios (op.3, 8 und 9; 1798), Violinsonaten (op.12; 1797), Klavierquintett mit Bläsern (op.16; 1796), Hornsonate (op. 17; 1800). Jetzt war die Zeit reif, fühlte er sich reif für die Komposition und Veröffentlichung von Quartetten - kurz danach sollte die 1. Sinfonie folgen.

Natürlich wurzeln die sechs Quartette noch im 18. Jahrhundert und berufen sich auf Haydn und Mozart. Noch einmal taucht auch jene Sechserzahl für ein Opus auf, die für Haydn die Regel gewesen war. Sie zeigen aber auch die Suche nach dem eigenen Stil. (...)

Im Jahre 1800, nach Abschluss aller sechs Quartette, überarbeitete Beethoven die Nummern 1 bis 3 grundlegend. (...) Die zuerst entstandene Nr. 3 wirkt freundlich-melodiös und endet mit einem Finale in virtuoser Entladung von Spielfreude, schliesst aber ganz überraschend-witzig im Pianissimo. Hier ist Haydn ganz nah. (...)

(zu Brahms, Streichquartett Nr. 1, c-moll, op. 51, Nr. 1)

Bei Brahms dauerte der Weg zum gültigen Streichquartett beinahe so lange wie der zur Sinfonie. Waren es dort Serenaden und das d-moll-Klavierkonzert, so hier zwei Streichsextette, ein Streichquintett (das zuletzt zum Klavierquintett wurde) und angeblich «über zwanzig Streichquartette», die nie das Licht der Veröffentlichung erblickten. Und als die beiden Quartette des op. 51 endlich zur Geburt reif waren, bedurfte es, wie Brahms scherzhaft vermerkte, für die «Zangengeburt» des Chirurgen. Ihm, dem Freund Theodor Billroth, sind sie denn auch gewidmet. Im Vergleich zu den Sextetten oder Klavierquartetten muss im c-moll-Werk der neue Klang und die Verdichtung mit einer geradezu spröden Verschlossenheit, strengem Ernst und der letztlich fast monothematischen Substanz überrascht haben. Die Sätze charakterisiert Ludwig Finscher mit den Begriffen «dramatisch zerklüftet» (Kopfsatz), «melancholisch» (Romanze), «nachdenklich-versponnen» (Allegretto anstelle eines Scherzos!) und «emotionale Hochspannung» (Finale). Kein Wunder, dass die Uraufführung am 11. Dezember 1873 in Wien nur einen Achtungserfolg einbrachte.