Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

519

17.2.1981, 20:15 Uhr (Zyklus B 55. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Basler Streichquartett [1972-1985] (Basel)

Novšak, Primoz, Violine 1
Hoever, Herbert, Violine 2
Lesueur, Max, Viola
Strauss, Ernest, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 2, D-dur, KV 155 (134a) (1772)

Giuseppe Verdi
1813-1901

Streichquartett e-moll (1873)

Allegro
Andantino
Prestissimo
Scherzo – Fuga: Allegro assai mosso – Poco più presto

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 9, C-dur, op. 59, Nr. 3 «3. Rasumovsky-Quartett» (1806 ?)

Introduzione: Andante con moto – Allegro vivace
Andante con moto quasi allegretto
Menuetto (grazioso) mit Trio –
Allegro molto

(zu Verdi, Streichquartett e-moll)

„Tutto nel mondo è burla – Alles in der Welt ist Posse.“ So beginnt das Schlussstück von Verdis letzter Oper „Falstaff“ (Uraufführung am 9. Februar 1893 an der Mailänder Scala) – in Form einer Fuge. Der achtzigjährige Komponist beschloss damit witzig sein Opernschaffen, indem er sich über die Welt als Narrenhaus mokiert und mit der Erkenntnis endet, im Stück – im Leben? – seien „tutti gabbati – alle betrogen“, auch die, welche kurz zuvor noch glaubten, sie hätten die Lage im Griff. Wenig zuvor hiess es „Ride ben chi ride la risata final – Gut lacht, wer den letzten Lacher lacht.“ Lachen – ist das die Quintessenz eines langen Lebens? Nachdem er 24 ernsthafte Opern und jung eine komische geschrieben hatte, lässt er sein Schaffen im Lachen enden. Erstaunlich ist, dass er bereits zwanzig Jahre zuvor im Streichquartett den Schlusssatz nicht nur als Fuge gestaltet hat, sondern sie als Scherzo in raschestem Tempo charakterisiert. Im einzigen Werk einer Gattung, die man Verdi kaum zutraut, die er aber bestens kannte, sie aber nicht für „italienisch“ hielt, nimmt er senza parole den Schluss der letzten Oper vorweg. Bereits im vorangehenden Satz (Prestissimo), dem eigentlichen Scherzo, das als Trio eine kantable Serenade mit „Gitarrenbegleitung“ aufweist, scheint der spätere Falstaff-Ton präsent. Sein durcheinander wirbelndes Geschwätz dürfte man allerdings eher den „lustigen Weibern“ zuschreiben als der Schlussweisheit Falstaffs; das Trio lässt in den hohen Cellophrasen an den schmachtenden Ton Fentons denken. Der Kopfsatz deutet musikalisch die Entstehung des Quartetts an: 1873 musste Verdi in Neapel bei der Einstudierung der „Aida“ eine dreiwöchige Pause einlegen, da die Sängerin der Titelrolle, Teresa Stolz, an einer Halsentzündung litt. Da komponierte er zum Zeitvertreib eben ein Streichquartett – und schon beim ersten Thema scheinen Anklänge an „Aida“ auf, speziell an Passagen der Amneris am Beginn der Oper. Die Vortragsbezeichnung dolcissimo, con eleganza im nicht tiefgründig sein wollenden Andantino passt durchaus auch ins Opernhaus. Obwohl man bei Verdi immer dieses Opernhafte sucht (und findet) – das Quartett ist ein originelles Kammermusikwerk. Verdi dachte zunächst nicht an öffentliche Aufführungen und liess es nur im Freundeskreis spielen; erst drei Jahre später gab er es frei. Er wusste selber nicht (oder tat wenigstens so), was er von dem Werk halten solle, „aber dass es ein Quartett ist, das weiss ich!“

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 9, C-dur, op. 59, Nr. 3 «3. Rasumovsky-Quartett»)

Mit dem Opus 59 beginnt das moderne Streichquartett. Hatten das erste und etwas weniger das zweite Quartett damals schockierend gewirkt, so erscheint das dritte weniger gewagt. Die Allgemeine Musikalische Zeitung von 1806/07 bezeichnete es als „allgemeinfasslich“. Es ist das kürzeste und konzentrierteste der drei Schwesterwerke und bildet gleichsam die Synthese der beiden vorangegangenen Werke. Gleichwohl zeigt es die modernen Errungenschaften der Quartettkomposition. Mag die Wiederaufnahme einer langsamen Einleitung zunächst als Rückgriff auf die Tradition erscheinen, so bildet gemäss A. Werner-Jensen die Art, wie dies hier geschieht, mehr einen Traditionsbruch als eine Fortführung gewohnter Formen. Erstaunlich ist zudem, dass nach dieser Einleitung am Beginn des Allegro noch eine weitere folgt. Das Hauptthema kommt erst später nach einer überleitenden Violinkadenz mit einem C-dur-Akkord zum Zug. Die Durchführung verwendet nicht nur die drei Gedanken der Exposition, sondern auch die Septakkorde der Einleitung und die Violinkadenz. Im Gegensatz zu den beiden ersten Quartetten zitiert Beethoven in diesem Werk kein thème russe, doch klingt das Thema des Andante (a-moll) irgendwie russisch. Das als grazioso bezeichnete Menuett wirkt wie ein Spiel mit vergangenen Formen; dafür fährt das Trio in F-dur energisch dazwischen. Nach diesen zahlreichen Eigenheiten überrascht auch das virtuose, attacca an das Menuett anschliessende Finale, eine Verbindung von Sonatensatz und Fuge. Gerade diese nicht regelkonforme Fuge hat es in sich und hat Beethoven nicht wenig Kritik eingetragen, beweist aber auch die Kühnheit und Modernität dieses heute so klassisch wirkenden Werkes. Mit der „Grossen Fuge“ am Ende von op. 130 wird Beethoven auf viel gewagtere Weise im Spätwerk auf eine solche „unregelmässige“ Fuge (tantôt libre, tantôt recherchée) zurückgreifen. Die drei Werke des Opus 59 sind in der Reihenfolge der Nummerierung entstanden, das C-dur-Quartett ist also tatsächlich das Abschlussstück. Dies ist ein weiterer Hinweis auf die zyklische Gestaltung der Werkgruppe.