Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

518

3.2.1981, 20:15 Uhr (Zyklus B 55. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Odeon-Trio (München)

Guntner, Kurt, Violine
May, Angelica, Violoncello
Hokanson, Leonard, Klavier

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Klaviertrio («Sonata») Nr. 2, G-dur, KV 496 (1786)

Allegro
Andante
Allegretto

Maurice Ravel
1875-1937

Klaviertrio, a-moll (1914/15)

Modéré
Pantoum: Assez vif
Passacaille: Très large
Final: Animé

Johannes Brahms
1833-1897

Klaviertrio Nr. 3, c-moll, op. 101 (1886)

Allegro energico
Presto non assai
Andante grazioso
Allegro molto

(zu Brahms, Klaviertrio Nr. 3, c-moll, op. 101)

Sieben Jahre nach Hubers Trio erklang am 21. November 1887 das im Sommer 1886 am Thunersee entstandene c-moll-Trio überraschend erstmals in Basel – mit Brahms am Klavier. Das kam so: Joseph Joachim sollte mit dem Beethoven-Konzert bei der AMG auftreten, brachte unerwartet Brahms und den Cellisten Robert Hausmann mit und setzte auch das neue, im Oktober uraufgeführte Doppelkonzert op. 102 aufs Programm. Während der Probe trat Brahms mit der Bemerkung «Ich bin nämlich der, der das Stück gemacht hat» ans Dirigentenpult, «übernahm selbst die Direktion in Probe und Konzert und belohnte die Basler für die ihnen aufgezwungene, etwas spröde Kost durch die Mitwirkung in einem Kammermusikabend am darauffolgenden Tag, in dem er sein Trio in C-moll spielte» (Erinnerungen von Rudolf Löw, 1924; von ihm stammen mehrere Huber-Bildnisse, eines hier im Hause). «Im nicht eben überfüllten alten Konzertsaale des Stadtkasinos», schrieb der Kritiker der Basler Nachrichten, «war den Hörern eine tüchtige receptive Leistung zugemuthet», doch scheinen ihm die Mittelsätze des Trios gefallen zu haben. Den zweiten Satz nennt er «eine Perle Brahms’scher Dichtung», die beweise, «dass der Meister auch Melodien, und zwar von den schönsten und süssesten bieten kann. Der erste etwas wilde und der vierte Satz sind schwerer verständlich.» Wie schon bei Huber spielte der Basler Cellist Moritz Kahnt den Cellopart. Ebenso überraschend erklang das Trio tags darauf in Zürich. Arthur Steiner beschrieb das Konzert in der NZZ vom 29. November: «Es war ein denkwürdiger Abend. Der Komponist spielte selbst den Klavier-Part in der ihm eigenen breiten, prägnanten Weise. Was die Kompositionen betrifft, so glaubten wir zu bemerken, dass das Trio einen grossen überzeugenden Eindruck gemacht hat. Es wird ohne Zweifel sehr rasch sich durch alle Konzertsäle seinen Weg bahnen und sich in den eisernen Bestand der Kammermusik-Literatur einreihen. Es ist jung und lebhaft ohne jede Überschwänglichkeit. Auch das Andante will nicht in die Tiefe bohren, süss und schwärmerisch wie ein alter Minnesang, aber einfach und natürlich strömt es dahin. Die Streicher auf der einen, das Klavier auf der anderen Seite führen einen überaus reizvollen Wechselgesang. Ist es ein altes Lied, auf das sich Beide besinnen müssen? Wo die eine Gruppe den Faden verlor, nimmt ihn die andere auf und spinnt ihn weiter, und so ergänzen und erwärmen sie sich gegenseitig. Das Trio führt die Sprache des Meisters, der aus dem Vollen schöpft; mit leichter Hand führt er seine Stimmen durch die sonnigen Gefilde quellenden Wohllautes, seltener als früher durch zerklüftete Engpässe. Das Publikum drängte sich auf allen Plätzen und verstieg sich in seiner Begeisterung zu Temperaturen, die sonst nicht gebräuchlich sind.»

(zu Ravel, Klaviertrio, a-moll)

Fast zwölf Jahre nach dem Streichquartett hat Ravel auch die Gattung Klaviertrio mit einem Werk bedacht. Pläne dafür gab es bereits 1908. Entstanden ist es in baskischer Umgebung, in St-Jean-de-Luz, nahe von Ravels Geburtsort Ciboure. Darauf weisen die Anklänge an baskische Rhythmen gleich zu Beginn des Kopfsatzes hin, dessen Hauptthema im ungewöhnlichen 8/8-Takt, allerdings asymmetrisch zerlegt (3+3+2) über einem Bass in Vierteln, gehalten ist. Das 2. Thema verschiebt die Betonung (3+2+3). Das Scherzo trägt den fremdartigen Titel «Pantoum», Hinweis auf eine malaiische Dichtungsform, bei der die 2. und 4. Zeile einer Strophe wiederholt werden, um daraus die 1. und 3. Zeile der folgenden Strophe zu bilden. Ravel benutzt für dieses Wechselspiel drei Themen. Die streng gebaute Passacaglia in fis-moll und cis-moll, deren achttaktiges Thema im Klavierbass eingeführt wird, zeigt Ravel als einen Neoklassizisten vor dem Neoklassizismus der zwanziger Jahre. Brillant, rhythmisch ungewohnt im (baskischen?) Wechsel von 5/4- und 7/4-Takt und in beinahe orchestraler Klangfülle zieht das wirkungsvolle Finale vorüber: Man spürt die Nähe zur Musik von Daphnis und Chloé, die kurz zuvor abgeschlossen wurde.