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5.11.1974, 20:15 Uhr (Zyklus A 49. Saison)
Stadtcasino, Festsaal
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Borciani, Paolo, Violine 1
Pegreffi, Elisa, Violine 2
Farulli, Piero, Viola
Rossi, Franco, Violoncello
Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791 |
Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b) (1783)
Allegro (moderato)
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegretto, ma non troppo (con variazioni)
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Anton Webern
1883-1945 |
Sechs Bagatellen für Streichquartett, op. 9 (1911/13)
Mässig
Leicht bewegt
Ziemlich fliessend
Sehr langsam
Äusserst langsam
Fliessend
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Franz Schubert
1797-1828 |
Streichquartett Nr. 12, c-moll, op. post., D 703 «Quartettsatz» (1820)
Allegro assai
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Ludwig van Beethoven
1770-1827 |
Streichquartett Nr. 17, F-dur, op. 135 (1826)
Allegretto
Vivace
Lento assai e cantante tranquillo
Der schwer gefasste Entschluss: «Muss es sein?» Grave, ma non troppo tratto –
«Es muss sein!» Allegro
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(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 17, F-dur, op. 135) In seiner viersätzigen Knappheit und in der gebrochenen, an Haydn gemahnenden Heiterkeit ist Beethovens letztes Quartett das Gegenstück zum komplexen siebensätzigen op. 131. Ursprünglich hatte Beethoven nur drei Sätze vorgesehen; das Scherzo ist nachkomponiert. Das bedeutungsmässige Zentrum bildet das Lento assai in Des-dur, eine Cavatina wie der entsprechende Satz in op. 130. Was Der schwer gefasste Entschluss wirklich war, ein Notschrei de profundis oder ein Scherz über finanzielle Probleme (so die Anekdoten), wird sich nie ergründen lassen. Das Allegro wischt die Resignation weg, ohne in affirmative Heiterkeit umzuschlagen.
(zu Mozart, Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b)) Die Tonart d-moll gibt Mozart immer Anlass zu besonderer Intensität, so auch hier. Im Sotto voce-Einsatz wird zuerst die Erregung zurückgedrängt, doch kommt sie bald im Forte zum Ausbruch, und auch die Bewegung steigert sich ständig. Die Schönheit des Andante bringt Beruhigung; es ist aber kleingliedrig und von Pausen durchbrochen. Die Schroffheit des Menuetts kippt im Trio in fast unwirkliche Eleganz und Leichtigkeit, so als hätten wir es mit einer Serenade zu tun. Das Finale orientiert sich zwar an Haydns Finalthema aus op. 33/5, aber Mozarts d-moll ist weit entfernt von Haydns G-dur-Leichtigkeit. - -
Das d-moll-Quartett weist im typisch mozartschem Mollcharakter voller Erregung und in dunkler Klangsprache - wozu im Kopfsatz Intervallsprünge und herbe Dissonanzen treten - Neuartiges auf. Im Menuett kontrastiert die dunkle Färbung mit dem heiteren Serenadenton des Trios. Das Variationen-Finale greift sowohl im Siciliano-Rhythmus wie in der Melodik unüberhörbar auf Haydn selbst zurück: auf seine Finalvariationen in op. 33/5, werden aber harmonisch und modulatorisch neu gedeutet.
(zu Schubert, Streichquartett Nr. 12, c-moll, op. post., D 703 «Quartettsatz») Auch Schubert, dem in der Jugend Sinfonien und Quartette für den Hausgebrauch mit Leichtigkeit aus der Feder geflossen waren, fand den Weg zur grossen Sinfonie und zum grossen Quartett erst in «vergeblichen» Anläufen. Einer der Versuche, der erstmals den neuen, den späten Schubert ahnen lässt, ist der Quartettsatz, die Parallele zur Unvollendeten von 1822. Ein folgendes, leichtgewichtiges As-dur-Andante hat Schubert nach 41 Takten aufgegeben. So bleibt das «ungemein packende Stimmungsbild» eines Quartett-Kopfsatzes mit vielen schubertschen Charakteristika: «Dramatische Unruhe über nervös-geheimnisvollem Tremolo-Grund, wenig später lyrischer Schmelz und leidenschaftlicher Gesang im As-dur-Seitenthema, das man von seiner Aussagekraft her viel eher als eigentliches Hauptthema des Satzes bezeichnen möchte» (A. Werner-Jensen).
(zu Webern, Sechs Bagatellen für Streichquartett, op. 9) 1932, zwanzig Jahre nach der Entstehung, sagte Webern über seine Sechs Bagatellen: „Ungefähr 1911 habe ich die ‚Bagatellen für Streichquartett’ (op. 9) geschrieben, lauter kurze Stücke, die zwei Minuten dauern; vielleicht das Kürzeste, das es in der Musik bisher gegeben hat. Ich habe dabei das Gefühl gehabt: Wenn die zwölf Töne abgelaufen sind, ist das Stück zu Ende. Viel später bin ich daraufgekommen, dass das alles im Zuge der notwendigen Entwicklung war. Ich habe in meinem Skizzenbuch die chromatische Skala aufgeschrieben und in ihr einzelne Töne abgestrichen. - Warum? - Weil ich mich überzeugt hatte: der Ton war schon da. - [...] Mit einem Wort: es bildete sich eine Gesetzmässigkeit heraus: Bevor nicht alle zwölf Töne drangekommen sind, darf keiner von ihnen wiederkommen. Das Wichtigste ist, dass das Stück - der Gedanke - das Thema durch die einmalige Abwicklung der zwölf Töne einen Einschnitt bekommen hat.“ Schönberg veröffentlichte die Zwölftontheorie allerdings erst 1923, doch wollte Webern offensichtlich im Rückblick seinen eigenen Anteil daran nachweisen. Entscheidend ist die Abkehr vom romantischen Klangbild hin zu einer neuen, herben Klanglichkeit und kompromisslos verknappten Form, die sich von klassischen Prinzipien abwendet.
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